Von Heinz Schneider (Text) und Irene Schneider (Fotos)
Wer am Vorabend im «Il Corallo» am Strand bei Orosei die reichhaltige Speisekarte und die stimmungsvolle Atmosphäre genossen hatte, durfte am Sonntagmorgen wieder den Kopf füttern. Beim Jubiläumstreffen von Akzo Nobel und den Mitgliedern des Netzwerks «Acoat Selected» standen Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit und die Zukunft des Schadenmarkts auf dem Programm. Durch den «Schulungsmorgen» führte die aus dem Fernsehen bekannte Moderatorin Miriam Rickli. Und spätestens beim letzten Referenten zeigte sich: Zwischen einer Lackierkabine und einem Eishockeyfeld gibt es mehr Gemeinsamkeiten, als man zunächst vermuten würde.
Den Auftakt machten Res Witschi und Michele Savino von «Green One». Das Unternehmen entwickelt gemeinsam mit Swisscom und weiteren Partnern Lösungen, mit denen Betriebe nachhaltiger, kostengünstiger und mit weniger CO₂-Emissionen wirtschaften können. Drei Ziele, die sich gut auf jeder Unternehmenswebsite machen. Interessant wird es allerdings erst bei der Frage, wie man sie im eigenen Betrieb erreicht.
Genau dort setzt «Green One» an: Ein massgeschneiderter Report erfasst die Daten des Betriebs, zeigt Handlungsbedarf auf und ordnet mögliche Massnahmen nach Priorität. Denn wer etwas verbessern will, muss zunächst wissen, wo er steht – und wo sich der Einsatz tatsächlich lohnt. «Nachhaltigkeit braucht eine Branchenlösung, keine Insellösung», lautete die Botschaft der beiden Referenten. Auf Sardinien darf man einen solchen Satz durchaus mit einem kleinen Schmunzeln hören. Sein Kern bleibt ernst: Nicht jeder Betrieb muss dieselben Fragen von Grund auf allein lösen.
Wie sich ökologische Ziele mit wirtschaftlicher Vernunft verbinden lassen, erläuterte anschliessend Luca Stauss-Rössner vom Ingenieur- und Beratungsunternehmen EBP. Ein möglicher Einstieg heisst «PEIK», eine professionelle Energieberatung für KMU. Sie nimmt jene Bereiche unter die Lupe, in denen im Werkstattalltag Energie gebraucht wird – und mitunter unbemerkt verloren geht.
Die Liste reicht von der Beleuchtung über Lüftung und Klimatisierung bis zu Kompressoren, Druckluftsystemen, Schleifmaschinen und zentralen Absauganlagen. Vieles davon gehört so selbstverständlich zum Betrieb, dass man es erst hinterfragt, wenn etwas ausfällt. Dabei kann sich der prüfende Blick schon vorher auszahlen. Für sämtliche von Stauss-Rössner vorgestellten Massnahmen stehen nach seinen Ausführungen staatliche Fördermöglichkeiten zur Verfügung. Welche Unterstützung im einzelnen Betrieb infrage kommt, gehört deshalb ebenso zur Abklärung wie das technische Sparpotenzial.
Die erste Erkenntnis des Morgens: Nachhaltigkeit wird dann greifbar, wenn aus einem grossen Begriff konkrete Entscheidungen werden. Wo lohnt sich eine Investition? Welche Anlage verbraucht unnötig viel? Und was sollte zuerst angepackt werden? Gute Absichten sind ein Anfang. Eine belastbare Rechnung bringt den Betrieb weiter.
Vom Energieverbrauch führte das Programm zum Schadenmarkt. Im Podiumsgespräch stellten sich Ralf Käser vom Mobilitätsverband, Philip Zimmermann von auto-i-dat, Senad Ademi von Abt Automobile, Massimo Di Giovanni von TDC und Orlando Luongo vom Spritzwerk Luongo den Fragen von Miriam Rickli. Zur Sprache kamen die jüngsten Veränderungen und Herausforderungen des Markts, darunter die Beschaffung von Neuteilen. Ein Thema, das unmittelbar in die Werkstattplanung hineinreicht: Was zur Reparatur fehlt, lässt sich durch einen noch so gut gefüllten Terminkalender nicht ersetzen.
Die im Gespräch genannten Zahlen verdeutlichten die wirtschaftliche Dimension: Rund 270 000 Schadenfälle beschäftigen die Schweizer Versicherungen jährlich, ein Schaden kostet im Durchschnitt 3160 Franken. Hinter jeder dieser Zahlen stehen ein Fahrzeug, ein Kunde und ein Reparaturprozess, dessen einzelne Schritte zusammenpassen müssen. Entsprechend gross ist die Bedeutung funktionierender Abläufe – von der Kalkulation über die Teilebeschaffung bis zur fertigen Oberfläche.
Um genau diese Oberfläche ging es im anschliessenden Beitrag von Claudio Vietri. Der Lackierprofi von Akzo Nobel berichtete über die Erfahrungen mit der Optima-Lacklinie, die seit 20 Monaten auf dem Markt ist und nach seinen Ausführungen bereits eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte vorweisen kann.
Ergänzt wurde die Präsentation durch Mauro Guarino von Platin Automobile und Marco Lau vom GTS Schadenzentrum. Sie brachten ihre Erfahrungen aus der betrieblichen Praxis ein und hoben insbesondere die guten Oberflächenergebnisse hervor. Solche Stimmen geben einer Produktpräsentation Bodenhaftung. Denn über einen Lack lässt sich vieles erzählen. Entscheidend bleibt, wie er sich verarbeiten lässt und welches Ergebnis am Ende vor dem Kunden steht.
Den Schlusspunkt des Vormittags setzte Keynote-Speaker Andy Koch. Der internationale Eishockey-Schiedsrichter hat in seiner Karriere mehr als 2500 Spiele geleitet und weiss damit einiges über Entscheidungen unter Druck. Zunächst bedankte er sich allerdings für den freundlichen Empfang. So etwas sei ihm in seinem früheren Berufsleben nie passiert, bemerkte er lachend. Wer beruflich zur Pfeife greift, wird offenbar selten mit offenen Armen erwartet.
Mit Humor und spürbarer Erfahrung schilderte Koch, was es bedeutet, Entscheidungen zu treffen und anschliessend mit ihren Konsequenzen zu leben. Das betrifft den Sport ebenso wie den Berufsalltag. Souverän handeln und mit Fehlern gelassen umgehen, lautete sein Rezept. Leicht gesagt? Gewiss. Aber Koch konnte aus Situationen erzählen, in denen Gelassenheit deutlich mehr verlangt als einen tiefen Atemzug.
Besonders eindrücklich war sein Rückblick auf eines seiner schlimmsten Erlebnisse im Tessin. Dort hatte er einen Entscheid gefällt, der dem Regelbuch entsprach, zugleich aber die Niederlage der Heimmannschaft einleitete. Die Reaktionen von Spielern, Trainern und Zuschauern fielen äusserst aggressiv aus. Regelkonform entschieden – und trotzdem die Wut auf sich gezogen: Auch das gehört zur Verantwortung.
Gerade darin lag die Verbindung zum unternehmerischen Alltag. Eine Entscheidung wird nicht automatisch falsch, weil sie auf Widerstand stösst. Und sie wird nicht dadurch richtig, dass alle applaudieren. Wer einen Betrieb führt, kennt diese unbequeme Lücke zwischen sachlicher Überzeugung und allgemeiner Zustimmung. Koch machte daraus einen ebenso unterhaltsamen wie nachdenklichen Abschluss des Schulungsmorgens.
Nach dem Mittagessen wechselten die Gäste schliesslich vom Konferenzprogramm zum sardischen Rahmenprogramm. Zur Wahl standen eine Stadtbesichtigung von Orosei und eine Weindegustation. Nach Energieberatung, Schadenmarkt und Lacktechnologie durfte nun die Insel wieder ihre Stärken ausspielen. Und nach einem Vormittag über die Kunst des Entscheidens war die nächste Frage für einmal angenehm überschaubar: Welcher Wein darf es sein?