Von Dennis Schneider (Text)
Die Aktionäre haben Ja gesagt. Die Behörden noch nicht. AkzoNobel und Axalta sind der geplanten Milliardenfusion zwar einen wichtigen Schritt nähergekommen, abgeschlossen ist das Geschäft aber keineswegs. Vor allem für den Schweizer Reparaturlackmarkt bleiben einige Fragen offen.
Am 5. August 2026 stimmten die Aktionäre beider Unternehmen dem Zusammenschluss zu. Die Fusion steht jedoch weiterhin unter dem Vorbehalt der erforderlichen regulatorischen Bewilligungen. In Grossbritannien hat die Wettbewerbsbehörde im Frühjahr erste Stellungnahmen eingeholt; eine formelle Phase-1-Untersuchung wurde dort bislang nicht eröffnet. Auch in weiteren Märkten laufen die Prüfungen. Mit dem Vollzug rechnen AkzoNobel und Axalta Ende 2026 oder Anfang 2027. Bis dahin bleiben beide Unternehmen eigenständig und treten weiterhin als Konkurrenten auf.
Der geplante Konzern hätte eine stattliche Grösse. Auf Basis der Zahlen von 2024 kämen AkzoNobel und Axalta gemeinsam auf rund 17 Milliarden Dollar Jahresumsatz und einen Unternehmenswert von etwa 25 Milliarden Dollar. Die bisherigen AkzoNobel-Aktionäre sollen 55 Prozent halten, jene von Axalta 45 Prozent. Geleitet werden soll das neue Unternehmen vom heutigen AkzoNobel-Chef Greg Poux-Guillaume.
Für die Schweiz ist der Zusammenschluss vor allem wegen der Präsenz beider Anbieter im Geschäft mit Fahrzeugreparaturlacken interessant. Axalta hat 2023 den Schweizer Lackanbieter André Koch übernommen. Seit Juli 2025 sind die beiden Organisationen in einer Gesellschaft vereint, die seit Dezember 2025 Axalta Axcess Switzerland GmbH heisst. Zum Schweizer Angebot gehören unter anderem Standox, Cromax, Spies Hecker und Syrox sowie das automatisierte Mischsystem Irus Mix. Hinzu kommen technische Beratung, Vertrieb, Schulungen und das Werkstattnetzwerk Repanet Suisse.
Axalta ist zudem mit seinem europäischen Hauptsitz in Basel präsent. AkzoNobel führt das Schweizer Geschäft mit Fahrzeugreparaturlacken von Bäretswil aus. Im Mittelpunkt steht hier die Premiummarke Sikkens. Dazu kommen technische Dienstleistungen sowie Programme wie Acoat Selected und das Sustainable Repair Network.
Sollte die Fusion vollzogen werden, würden damit mehrere heute konkurrierende Reparaturlackmarken unter demselben Konzerndach stehen. Das bedeutet nicht, dass Standox, Cromax, Spies Hecker, Syrox oder Sikkens verschwinden. Dafür sind ihre Positionierungen, Kundenbeziehungen, Mischsysteme und Freigaben zu unterschiedlich. Die Marken dürften zumindest vorerst eigenständig am Markt bleiben.
Trotzdem verändert ein gemeinsamer Eigentümer die Ausgangslage. Preise, Rabattsysteme, Produktentwicklung und Investitionen würden künftig letztlich unter gemeinsamer Konzernverantwortung stehen. Für Lackierbetriebe ist das relevant, weil sich ein Reparaturlacksystem nicht beiläufig austauschen lässt. Mischanlage, Farbsoftware, Lagerbestand, Schulungen, Arbeitsprozesse und OEM-Freigaben binden einen Betrieb über Jahre an seinen Anbieter. Mehrere Markennamen bedeuten deshalb nicht zwingend mehrere unabhängige strategische Entscheide.
Auch die Zukunft der Werkstattnetzwerke verdient Aufmerksamkeit. Mit Repanet Suisse auf der einen sowie Acoat Selected und dem Sustainable Repair Network auf der anderen Seite würden verschiedene Programme künftig zum gleichen Konzern gehören. Ob sie organisatorisch vollständig getrennt bleiben oder einzelne Dienstleistungen im Hintergrund gebündelt werden, ist nicht bekannt. Für die Partnerbetriebe werden deshalb Fragen zu Konditionen, Daten, Schulungsangeboten und zur Zusammenarbeit mit Versicherern und Flotten interessant.
AkzoNobel und Axalta erwarten durch die Fusion weltweit jährliche Einsparungen von rund 600 Millionen Dollar. Sie sollen vor allem in Verwaltung und Vertrieb, Einkauf, Standortnetz und Lieferkette entstehen. Daraus lässt sich derzeit jedoch keine konkrete Aussage über Schweizer Arbeitsplätze oder Standorte ableiten. Weder für Basel noch für Urdorf oder Bäretswil sind öffentlich Entscheide über Stellenabbau, Schliessungen oder Zusammenlegungen bekannt. Alles andere wäre zum heutigen Zeitpunkt Spekulation.
Der Zusammenschluss kann für die Betriebe durchaus Vorteile bringen. Ein grösserer Konzern verfügt über mehr Einkaufsmacht, breitere Forschungsressourcen und umfangreiche Farbtondatenbanken. Das könnte Lieferketten stabilisieren und die Entwicklung automatisierter Mischsysteme, digitaler Werkstattlösungen und energieeffizienter Reparaturverfahren beschleunigen. Offen bleibt allerdings, welche parallelen Produkte und Plattformen langfristig weiterentwickelt werden.
Entscheidend wird deshalb sein, welche Auflagen die Wettbewerbsbehörden verfügen und wie AkzoNobel und Axalta ihre Schweizer Organisation nach einem möglichen Vollzug aufstellen. Im Augenblick ändert sich für die Lackierbetriebe nichts. Verträge, Ansprechpartner, Marken und Vertriebswege bleiben bestehen.
Entwarnung wäre dennoch verfrüht – Alarmismus ebenso. Die Aktionäre haben die Fusion genehmigt, mehr nicht. Für den Schweizer Markt beginnt die eigentliche Geschichte erst dann, wenn der neue Konzern erklärt, wie unabhängig seine vielen Marken, Systeme und Netzwerke tatsächlich bleiben sollen.