Von Heinz Schneider (Text)
Europa, wo fährst du hin? Offenbar dorthin, wo sich ein Auto mit ein paar digitalen Handgriffen verjüngen lässt und aus Gebrauch plötzlich Goldstaub wird. Der Kilometerzähler ist dabei längst kein Messinstrument mehr, sondern in manchen Händen eine kleine Gelddruckmaschine im Armaturenbrett.
Eine Untersuchung des Fahrzeugdaten-Unternehmens «Car Vertical» zeigt, wie lukrativ dieser Betrug ist. In Deutschland wird der Wert eines Autos mit manipuliertem Kilometerstand demnach im Schnitt um 49,3 Prozent zu hoch angesetzt. Ein für 20 000 Euro angebotener Wagen wäre tatsächlich womöglich nur rund 13 500 Euro wert. Der Rest ist Fantasieaufschlag – bezahlt vom Käufer, kassiert vom Verkäufer.
Unter den geprüften Fahrzeugen war in Deutschland bei knapp jedem 50. Auto der Kilometerstand verändert worden, im Schnitt um 34 400 Kilometer. In Belgien lag die Quote bei 2,3 Prozent, in Serbien bei 3,9 Prozent. Dort wurden die Autos durchschnittlich um satte 53 500 Kilometer «jünger» gemacht. Jugendwahn einmal anders: kein Botox, nur Software.
Besonders bequem wird das Geschäft im grenzüberschreitenden Handel. Deutschland exportiert jährlich fast zwei Millionen Occasionen in andere EU-Staaten, gefolgt von Italien, Belgien und den Niederlanden. Doch während die Fahrzeuge munter Grenzen passieren, bleiben wichtige Daten zu Laufleistung, Wartung und Unfällen gern daheim. Europas Binnenmarkt funktioniert also tadellos – zumindest für jene, die Lücken, Zuständigkeiten und nationale Datensilos gewinnbringend ausnutzen.
Dass wirksame Gegenmassnahmen fehlen, ist schwer als blosses Versehen zu verkaufen. Solange Behörden Daten hüten wie Kleinstaaten ihre Kronjuwelen und der Austausch zwischen den Ländern Stückwerk bleibt, darf sich niemand wundern, wenn Betrüger freie Fahrt haben. Moralische Appelle helfen da ungefähr so viel wie ein frisch polierter Tacho.
Wer eine Occasion kauft, muss deshalb selbst zum Ermittler werden: Fahrgestellnummer prüfen, Fahrzeughistorie beschaffen, Servicebelege vergleichen, Vorbesitzer kontaktieren und den Wagen unabhängig untersuchen lassen. Das ist mühsam, kostet Zeit und bisweilen Nerven. Aber immer noch weniger als ein Blender, dessen wahre Lebensgeschichte erst nach dem Kauf ans Licht kommt.