Carrosserie- und Fahrzeugbau

Carrosserie Theus in Chur: Der Turnaround ist (fast) vollzogen

 

Von Heinz Schneider (Text und Fotos)

Wer nicht erst seit gestern Teil der Carrosseriebranche ist, weiss es aus eigener Erfahrung: Dieses Genre mit seinen vielen verschiedenen Unternehmungen schreibt unzählige Geschichten, die spannender nicht sein könnten. Zum Beispiel jene der Carrosserie Theus in Chur, die heute in dritter Generation von den Geschwistern Tina Bleiker-Theus (52) sowie Arno (50) und Nino (39) Theus geführt wird. Ein wahrlich spektakulärer Werdegang, der folgendermassen begann.

 

In den frühen Sechziger Jahren von Grossvater Jakob Theus als reiner Lackierbetrieb an der Churer Kasernenstrasse gegründet, folgte 1973 der Umzug an den heutigen Standort – ein Neubau an der Ringstrasse. Dort gabs viel mehr Platz, und erstmals – neben dem angegliederten Restaurant, das über Jahre von Ursina Theus, der Mutter von Tina, Arno und Nino, geführt wurde – auch eine Carrosseriespengler-Abteilung. Das Geschäft florierte, wurde aber nur wenig später in seinen Grundfesten erschüttert: Jakob Theus erlag einem Herzinfarkt. Sein Sohn, ebenfalls Jakob genannt und beruflich in Zürich engagiert, wurde nach Chur zurückbeordert – im jungen Alter von 32 Jahren und mit dem Auftrag belastet, den Betrieb zu übernehmen.

 

Der damalige zweifache Familienvater löste seine Aufgabe mit Leidenschaft und Bravour, fügte dem Restaurant, der Lackiererei und der Spenglerei auch gleich noch weitere Abteilungen hinzu. Als erstes zum Beispiel die Werbetechnik, damals Schriftenmalerei genannt. Dann legte er mit dem ersten Mietbus im Jahre 1985 den Grundstein für die heutige Nutzfahrzeugvermietung, die aktuell aus 22 Transportern besteht. Es folgte der Bereich Wohnwagen und Camper – inklusiv Reparatur, Vermietung und Import von Dethleffs- und Tabbert-Caravans. Gleichzeitig kamen die Aufträge beinahe von alleine herein: Sogar die Armee liess ihre Fahrzeuge an der Ringstrasse mit Dinitrol behandeln. Was die Erfolgsspirale in der Folge in eine einzige Richtung drehen liess – nach oben.

 

Mitte der Achtziger Jahre waren 50 Angestellte bei der Carrosserie Theus beschäftigt. Zum Vergleich: Heute sind es noch rund die Hälfte – acht Spengler (davon 2 Lernende), ein Schriftenmaler und ein Lernender, zwei Allrounder, drei Backoffice-Profis (Buchhalter, zwei Annehmer) und elf Lackierer, davon vier Lernende. Ebenfalls mit dabei: Jakob Theus (79), der seine drei Nachkommen und die Firma begleitet und jeden Tag kurz vorbeischaut. Und, wer weiss, vielleicht auch schon bald ein Vertreter der vierten Generation: Wirtschaftsstudent Mischa Bleiker, der 23 Jahre junge Sohn von Tina Bleiker-Theus, absolviert momentan ein Praktikum im Familienunternehmen.

 

Gegen die Neunziger Jahre hin wurden die Zeiten für die Carrosserie Theus allerdings schwieriger und turbulenter, die Konkurrenz auf dem Platz Chur grösser, die Auftragslage kleiner. Der Betrieb hatte sich, so schien es, mit seinen vielen Abteilungen verzettelt, zudem erwies sich die Wohnwagenabteilung mit ihren fünf Angestellten als nicht optimal besetzt.

 

Trotzdem dauerte es noch bis 2019, bis die grundlegende Richtungsänderung erfolgt ist «und wir uns innerbetrieblich auf das Wesentliche konzentrieren konnten», wie es Nino Theus formuliert. Was in Tat und Wahrheit bedeutet: Die drei Theus-Kinder setzten sich damals mit ihrem Vater zusammen – mit dem Ziel, den Betrieb künftig nach dem Motto «Schuster, bleib bei deinen Leisten» zu führen – mit Konzentration auf Spenglerei, Lackiererei, Werbetechnik und Busvermietung, die sich mittlerweile mit ihren 22 Nutzfahrzeugen als äusserst rentabler Firmenzweig etabliert hatte.

 

«Es waren Grundsatzfragen, für die wir damals nach Antworten gesucht haben», sagt Geschäftsführer Arno Theus. Zudem war klar, dass das Geschäft mit Versicherungen, Leasing- und Flottenbetreibern dringend in bessere Bahnen zu lenken war und die Fixkosten runter mussten. Also wurden gemietete Fremdplätze gekündigt, die Wohnwagen- und Camper-Abteilung mit ihren fünf Angestellten geschlossen und der entsprechende Raum an einen Küchenbauer vermietet. Auch das Restaurant ist heute verpachtet.


Obendrauf folgte eine Expansions- und Investitions-Offensive, die beinahe beispiellos ist. Konkret: In der Werkstatt gibt es heute neue Arbeitsplätze, neue Hebebühnen, jeder Lackierer erhielt einen Festool-Arbeitsboy mit Sauger und Schleifmaschinen, und die neuen Spengler-Arbeitsplätze verfügen unter anderem über ein CBR-Gerät (Carbon Body Repair System), der Nachfolger vom Miracle-System.

 

Auch der optische Auftritt wurde verbessert und das Firmenlogo der Zeit angepasst. Hinzu kam der modernisierte Werbeauftritt mit neuer Homepage (u. a. Online-Bestellung, Bezahlung per Twint-App), und die Angestellten wurden in «Corporate Identity»-Kleider mit Firmenlogo gesteckt. Investiert wurde ebenfalls in die Ersatzauto-Flotte: Sie ist aktuell auf dem allerneusten Stand, besteht aus 16 Fahrzeugen für unterschiedliche Bedürfnisse – neben einem Elektroauto befindet sich zum Beispiel auch ein sportlicher Mini Cooper im Angebot, der obendrein sogar in einer Cabrioletversion zur Verfügung steht. Und weil dem Führungstrio das Thema nachhaltige Stromquellen extrem unter den Nägeln brannte, gibts jetzt nur noch Licht per LED. Und auf dem Dach entsteht in Kürze eine Photovoltaik-Anlage, die Strom für den gesamten Betrieb generiert. Womit der Carrosserie Theus der wohl letzte Schritt in die Unabhängigkeit gelungen ist.

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