Von Heinz Schneider (Text) und Christoph Kronig (Fotos)
Elektrofahrzeuge gehören längst zum Werkstattalltag. Und mit ihnen eine Technik, bei der Routine allein nicht genügt. Wer an Elektro- oder Hybridfahrzeugen arbeitet, muss wissen, was er tut – nicht nur, weil moderne Hochvoltsysteme technisch anspruchsvoll sind, sondern vor allem, weil Fehler hier deutlich unangenehmere Folgen haben können als eine abgerissene Schraube oder ein vergessener Stecker. Genau deshalb hat «Certified First Switzerland» für seine Netzwerkmitglieder zwei Weiterbildungen zum Thema «Arbeiten an Elektrofahrzeugen» organisiert. Im Zentrum standen die Hochvolt-Qualifikationen HV1 und HV2 – und damit vor allem eines: sicheres Arbeiten.
Durchgeführt wurden die Schulungen im Bildungszentrum Zofingen. Dort ging es allerdings nicht darum, den Teilnehmenden lediglich ein paar zusätzliche Kürzel für den Lebenslauf mitzugeben. HV1 und HV2 bauen aufeinander auf und vermitteln jene Kenntnisse, die im Umgang mit elektrifizierten Fahrzeugen zunehmend zur Grundausstattung einer professionell geführten Werkstatt gehören.
Das erste Modul, HV1, entspricht dem Grundmodul «Instruierte Person EV, Stufe 1S». Es richtet sich an Personen, die im beruflichen Alltag mit Elektro- und Hybridfahrzeugen in Berührung kommen und deshalb die spezifischen Gefahren von Hochvoltsystemen kennen müssen. Dabei geht es insbesondere darum, Risiken richtig einzuschätzen, Sicherheitsvorgaben einzuhalten und zu verstehen, welche Arbeiten ausgeführt werden dürfen – und wo die eigenen Kompetenzen enden.
Denn gerade beim Thema Hochvolt ist das Wissen um die eigenen Grenzen ein wesentlicher Teil der Qualifikation. Ein orangefarbenes Kabel ist schliesslich nicht einfach eine etwas auffällig geratene Variante des klassischen Kabelbaums. Es signalisiert, dass hier elektrische Energie in einem Bereich im Spiel ist, der besondere Schutzmassnahmen, festgelegte Abläufe und entsprechend geschultes Personal verlangt.
HV2 geht einen entscheidenden Schritt weiter. Dieses Modul vermittelt die grundlegenden Systemkenntnisse über Hochvoltanlagen in der Fahrzeugtechnik und schafft die fachliche Voraussetzung, ein Hochvoltsystem ordnungsgemäss spannungsfrei zu schalten. Dabei genügt es selbstverständlich nicht, irgendwo einen Stecker zu ziehen und anschliessend optimistisch davon auszugehen, dass nun schon nichts mehr passieren werde. Eine Spannungsfreischaltung folgt klar definierten Abläufen und den Vorgaben des jeweiligen Fahrzeugherstellers. Dazu gehören unter anderem das sichere Trennen des Systems, der Schutz gegen unbeabsichtigtes Wiedereinschalten und die Feststellung der Spannungsfreiheit.
Wichtig ist dabei eine Abgrenzung, die im Werkstattalltag gelegentlich etwas salopp behandelt wird: HV2 qualifiziert für Arbeiten an ordnungsgemäss spannungsfrei geschalteten Hochvoltsystemen und bildet die Grundlage für Tätigkeiten wie Diagnose, Freischaltung oder den Austausch entsprechender Komponenten. Arbeiten an unter Spannung stehenden Hochvoltsystemen sind damit nicht gemeint. Dafür gelten weiterführende Qualifikationen und deutlich höhere Sicherheitsanforderungen. Auch die konkrete betriebliche Berechtigung zum Freischalten bleibt an die jeweiligen Verantwortlichkeiten, internen Weisungen und Herstellervorgaben gebunden.
Dass solche Schulungen keine akademische Fingerübung sind, zeigt bereits ein Blick in die Werkstätten. Mit jeder neuen Generation von Elektro- und Hybridfahrzeugen wächst die Zahl jener Arbeiten, bei denen Hochvolttechnik zumindest indirekt eine Rolle spielt. Das betrifft längst nicht nur klassische Markenbetriebe oder Spezialisten für Elektrofahrzeuge. Auch Carrosserie- und Lackierbetriebe kommen mit Hochvoltsystemen in Berührung – beispielsweise nach Unfallschäden, bei Demontagearbeiten oder wenn für Reparaturen in Bereichen gearbeitet werden muss, in denen sich Hochvoltkomponenten befinden. Elektromobilität verändert damit nicht nur den Antrieb eines Fahrzeugs, sondern zunehmend auch die Anforderungen an Reparaturprozesse und Arbeitssicherheit.
Nach den jeweiligen Lerneinheiten wurde es für die Teilnehmer in Zofingen nochmals ernst. Direkt im Anschluss standen die Prüfungen für die Hochvolt-Zertifizierungen HV1 beziehungsweise HV2 auf dem Programm. Die fachspezifischen Prüfungen richten sich an bereits im Beruf stehende Fachpersonen, darunter Automobil-Mechatroniker und weiteres Werkstattpersonal.
Für jede Prüfung stehen 45 Minuten zur Verfügung. Papierbogen, Kugelschreiber und das gelegentliche hoffnungsvolle Radieren gehören dabei der Vergangenheit an: Die Tests werden in der Schweiz elektronisch über die Prüfungsplattform von «gateway.one» abgewickelt. Die Kandidatinnen und Kandidaten absolvieren die Prüfung direkt am Computer und können dies auf Deutsch, Französisch oder Italienisch tun. Der Auto Gewerbe Verband Schweiz (AGVS) nutzt die Plattform für seine Fach- und Kompetenzverfahren.
Damit folgt auf die Theorie unmittelbar der Nachweis, dass das vermittelte Wissen auch sitzt. Das ist bei einem Thema wie Hochvolt mehr als eine formale Schlussübung. Sicherheitsregeln entfalten ihren Nutzen schliesslich nicht auf dem Diplom an der Wand, sondern in jenem Moment, in dem in der Werkstatt die richtigen Entscheidungen getroffen werden müssen. Dann zählt, ob Abläufe verstanden wurden, Gefahren erkannt werden und jeder Handgriff in der richtigen Reihenfolge erfolgt.
Für die Teilnehmer der von «Certified First Switzerland» organisierten Weiterbildung ging die Rechnung auf: Sämtliche Kursteilnehmer bestanden ihre jeweiligen Prüfungen erfolgreich. Sie sind nun bei «Certified First Switzerland» als entsprechend qualifizierte Fachleute registriert und erhielten als sichtbaren Nachweis ihrer Weiterbildung das entsprechende Diplom.
Für das Netzwerk ist das mehr als eine erfreuliche Erfolgsquote. Mit der zunehmenden Elektrifizierung des Fahrzeugbestands wird nachweisbare Hochvoltkompetenz vom Zusatzwissen immer mehr zur Voraussetzung für einen professionellen Werkstattbetrieb. Moderne Fahrzeuge verlangen moderne Reparaturkompetenz – und gerade beim Thema Hochvolt ist Weiterbildung keine Kür, sondern Teil einer konsequent gelebten Sicherheitskultur.
Oder etwas weniger amtlich formuliert: Spannung darf im Elektroauto reichlich vorhanden sein. Bei der Arbeit daran sollte man dagegen ziemlich genau wissen, wann keine mehr da ist.