Von Dennis Schneider (Text)

Amerika liefert zuverlässig Stoff für Kopfschütteln. Kaum ist die Geschichte vom gestohlenen Ferrari verdaut, der in Miami mit einem Strommasten gleich ein ganzes Quartier lahmlegte, folgt schon die nächste Nummer aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Diesmal braucht es weder Verfolgungsjagd noch Blaulicht-Ballett. Ein Abbiegevorgang genügt. Und der endet nicht an der Trottoirkante, sondern auf den Schienen von Quincy, einer überschaubaren Stadt im Westen von Illinois, irgendwo zwischen Maisfeldern, Mississippi und gepflegter Alltagsroutine.

Es ist kurz nach halb zwei Uhr morgens, als ein 27-jähriger Autolenker mit seinem Dodge Challenger Hellcat unterwegs ist. Statt sauber auf die Fahrbahn einzulenken, zieht er einen weiten Linksbogen – und fährt direkt auf einen Bahnübergang. Kein hektisches Ausweichmanöver, kein offensichtlicher Notfall. Eher eine eigentümliche Neuinterpretation davon, wie Abbiegen auch gehen könnte.

Das kräftige «Muscle-Car» fräst sich in den Schotter, gute fünfzig Meter abseits dessen, was man gemeinhin als Strasse bezeichnen würde, und bleibt dort stecken. Endstation. Drei Insassen steigen aus, stemmen sich gegen Blech und Physik, schieben, ziehen, hoffen. Minuten vergehen. Das Auto bewegt sich keinen Zentimeter, wirkt so unbeirrbar wie eine schlechte Entscheidung im Morgengrauen. Dann senken sich die Schranken. Die Warnsignale beginnen zu heulen. Irgendwo schreit jemand. Der Motor wird noch einmal gestartet, laut, angestrengt, völlig sinnlos. Kurz darauf fällt die einzig vernünftige Entscheidung dieser Nacht: Alle verlassen fluchtartig das Fahrzeug.

Weniger als eine halbe Minute später rauscht ein Güterzug der Burlington Northern Santa Fe heran. Keine Chance, kein Spielraum, keine Dramaturgie. Der Zug trifft das Heck des Dodge mit brachialer Konsequenz und schiebt das Wrack rund 90 Meter die Schienen entlang, bis schliesslich Stille einkehrt. Zurück bleibt ein Trümmerfeld aus verbogenem Stahl, Beton und der Erkenntnis, dass Masse am Ende immer gewinnt.

Verletzt wird niemand. Ein Glücksfall, der fast schon zynisch wirkt. Denn während das Auto endgültig Geschichte ist, beginnt die juristische Gegenwart. Die Polizei wirft dem Lenker Fahren unter Alkoholeinfluss, unsachgemässe Spurbenutzung und – als besonders bittere Pointe – das Fahren ohne Versicherung vor. Ja, ausgerechnet dieses 700-PS-Gefährt war nicht versichert. Ein Detail, das den finanziellen Totalschaden erst richtig abrundet.

Körperlich gehen alle Beteiligten unversehrt nach Hause. Rechtlich und finanziell hingegen öffnet sich ein Abgrund aus Haftungsfragen, Strafverfahren und Rechnungen, die selbst einen Hellcat klein wirken lassen. Ein Drink zu viel, ein falsches Abbiegen, ein Zug mit null Geduld. Manchmal braucht es keine Moralpredigt. Die Schienen erzählen die Geschichte ganz von allein.