Vier Reifen, kaum mehr als vier handgrosse Kontaktflächen zur Strasse – und dazwischen erstaunlich viel Gleichgültigkeit. Während Ölstand, Reichweite und Ladestand inzwischen auf Displays um Aufmerksamkeit buhlen, fristet der Reifendruck ein eher stilles Dasein. Dabei entscheidet er wesentlich darüber, wie sicher, komfortabel und effizient ein Auto unterwegs ist.

Zu wenig Luft im Reifen ist von aussen nicht immer leicht zu erkennen. Bereits ein Druckverlust von 0,5 bar kann jedoch deutliche Folgen haben. Das Auto reagiert weniger präzise, Brems- und Ausweichmanöver werden anspruchsvoller, die Kurvenstabilität nimmt ab. Auch das Aquaplaningrisiko steigt. Bei hohem Tempo wächst zudem die Gefahr, dass ein überlasteter und zu warmer Reifen beschädigt wird oder im schlimmsten Fall platzt.

Der falsche Reifendruck belastet nicht nur die Sicherheit, sondern auch das Portemonnaie. Durch den höheren Rollwiderstand benötigt das Auto mehr Energie, um vorwärtszukommen. Ein um 0,5 bar zu niedriger Wert kann den Treibstoffverbrauch um bis zu 0,3 Liter pro 100 Kilometer erhöhen. Gleichzeitig nutzt sich der Reifen schneller und häufig ungleichmässig ab. Wer über längere Zeit mit zu wenig Luft fährt, spart also nicht den kurzen Halt an der Tankstelle, sondern verkürzt schlicht die Lebensdauer seiner Reifen.

Auch das Gegenteil ist keine gute Idee. Ein deutlich zu hoher Luftdruck verschlechtert den Fahrkomfort und kann dazu führen, dass sich die Lauffläche in der Mitte stärker abnutzt. Viel hilft viel gilt beim Reifen deshalb ungefähr so zuverlässig wie bei Sonnencreme auf der Windschutzscheibe: Entscheidend ist der richtige Wert.

Welcher Druck korrekt ist, legt der Fahrzeughersteller fest. Die Angaben unterscheiden sich je nach Modell, Bereifung und Beladung. Häufig gelten für Vorder- und Hinterachse unterschiedliche Werte. Wer mit mehreren Personen, Gepäck und voller Ferienausrüstung unterwegs ist, muss den Reifendruck meist anpassen. Massgebend sind dabei die Herstellerangaben für den beladenen Zustand.

Zu finden sind diese Werte in der Betriebsanleitung, an der B-Säule oder an der Innenseite der Fahrertür, teilweise auch im Handschuhfach oder an der Tankklappe. Bei neueren Fahrzeugen lassen sich die Angaben häufig zusätzlich über das Bordsystem oder die Hersteller-App abrufen. Ein Blick auf die Reifenflanke hilft dagegen nicht weiter: Dort steht nicht der für das Fahrzeug empfohlene Luftdruck.

Kontrolliert werden sollte der Reifendruck mindestens einmal pro Monat und zusätzlich vor längeren Fahrten. Besonders sinnvoll ist die Prüfung vor einer Reise mit voller Beladung. Gemessen wird möglichst bei kalten Reifen, idealerweise vor der Abfahrt oder nach einer kurzen Fahrt von höchstens wenigen Kilometern. Während der Fahrt erwärmt sich der Reifen, wodurch der Druck ansteigt. Wer nach einer längeren Autobahnetappe misst und vorschnell Luft ablässt, kann deshalb am Ende mit zu wenig Druck weiterfahren.

Die Kontrolle ist unkompliziert. An vielen Tankstellen stehen Kompressoren mit Manometer bereit. Nach dem Entfernen der Ventilkappe wird das Mundstück auf das Ventil gesetzt. Sitzt es korrekt und entweicht keine Luft mehr, erscheint der aktuelle Wert auf der Anzeige. Anschliessend lässt sich Luft hinzufügen oder ablassen. Bei digitalen Geräten kann der gewünschte Zielwert oft direkt eingestellt werden.

Geprüft werden sollten alle vier Räder. Falls das Auto noch ein Ersatzrad besitzt, verdient auch dieses gelegentlich Aufmerksamkeit. Es wäre wenig hilfreich, erst bei einer Panne festzustellen, dass der vermeintliche Retter im Kofferraumboden seit Jahren ein eher luftleeres Dasein führt.

Viele moderne Autos übernehmen einen Teil der Überwachung selbst. In der Schweiz müssen seit dem 1. November 2014 alle neu importierten Personenwagen serienmässig mit einem Reifendruck-Kontrollsystem, kurz RDKS, ausgestattet sein. Meldet das System einen Druckverlust, sollte die Warnung nicht ignoriert oder bis zum nächsten Reifenwechsel vertagt werden. Der Reifendruck muss möglichst rasch geprüft und falls nötig korrigiert werden.

Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Systemen. Direkt messende RDKS arbeiten mit Sensoren im Reifeninneren und übermitteln die Werte laufend an das Fahrzeug. Je nach Modell wird der aktuelle Luftdruck jedes einzelnen Reifens im Bordcomputer angezeigt. Diese Systeme erkennen Druckverluste rasch und zuverlässig.

Indirekt messende Systeme nutzen dagegen die Raddrehzahlen, die ohnehin von den ABS-Sensoren erfasst werden. Verliert ein Reifen Luft, verändert sich sein Abrollumfang. Das System registriert die Abweichung und gibt eine Warnung aus. Diese Lösung ist günstiger, hat aber Grenzen. Verlieren alle vier Reifen langsam und gleichmässig Luft, kann der Druckverlust unbemerkt bleiben. Genau deshalb ersetzt auch ein RDKS die regelmässige Kontrolle nicht.

Wer keine Tankstelle mit Kompressor in der Nähe hat, kann auf einen tragbaren Reifenfüller zurückgreifen. Viele Fahrzeuge führen zudem ein Pannenset mit Kompressor mit, meist dort verstaut, wo früher das Reserverad lag. Für die regelmässige Kontrolle in der Garage lohnt sich ein separates Manometer. Denn nicht jedes Gerät an einer Tankstelle misst gleich präzise.

Bleibt die Frage, ob statt gewöhnlicher Druckluft besser Stickstoff in den Reifen gehört. Werkstätten und Reifenhändler bieten solche Füllungen teilweise als Zusatzleistung an. Das Versprechen klingt verlockend: weniger Druckverlust, weniger Kontrollen, längere Lebensdauer. Im Alltag ist der Nutzen allerdings überschaubar.

Normale Umgebungsluft besteht bereits zu rund 78 Prozent aus Stickstoff. Bei einem intakten Reifen entweicht die Luft ohnehin nur langsam. Ist ein Ventil undicht oder der Reifen beschädigt, hilft auch eine Stickstofffüllung nicht weiter. Der Luftdruck muss deshalb unabhängig vom verwendeten Gas regelmässig überprüft werden.

Für Flugzeugreifen, Rennfahrzeuge oder Spezialtransporte kann Stickstoff sinnvoll sein, weil dort extreme Belastungen und besondere Sicherheitsanforderungen gelten. Im gewöhnlichen Personenwagen genügt normale Druckluft vollkommen. Entscheidend ist nicht, ob der Reifen mit einem vermeintlichen Premium-Gas befüllt wurde. Entscheidend ist, dass überhaupt genügend davon vorhanden ist.