• Homeslider Text:

    Ein Leben für Blech, Geschichte und Stil: Ruedi Wenger geehrt

Von Heinz Schneider (Text) und Nils Willner (Foto)

Als im Verkehrshaus Luzern kürzlich die «Swiss Classic Awards» vergeben wurden, war vieles wie immer: Gespannte Atmosphäre, gut gelaunte Besucher, viel Autokompetenz und noch mehr Geschichte. Und dann gab es diesen einen Moment, der sich leise, fast unaufgeregt, aber mit umso grösserem Gewicht ins Gedächtnis schob: Der «Lifetime Award» – nicht vom Publikum beklatscht, sondern von einer Jury mit Bedacht vergeben – ging an Ruedi Wenger. Ein Mann, den man in der Carrosserie-Szene nicht erklären muss. Man kennt ihn. Punkt.

Er ist Basler, Carrossier aus Überzeugung sowie Lancia- und Monteverdi-Kenner aus Leidenschaft. Einer, der nicht nur über klassische Automobile spricht, sondern sie lebt, sammelt, bewahrt und erzählt. Als Mitglied der «Wenger Carrosserie / Fahrzeugbau AG» trägt er Mitverantwortung für ein Unternehmen, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1919 zurückreichen, als Dominique Wenger in Basel eine Wagnerei gründete. Kutschenbau, Holz, Handwerk – das volle Programm. Dass daraus über Generationen hinweg automobile Kompetenz gewachsen ist, wirkt im Rückblick beinahe zwingend.

Auch den Lesern von «carwing» ist Ruedi Wenger kein Unbekannter. In der Serie «Mein erstes Auto» erzählte er von seinem roten Mini Cooper aus dem Jahr 1962, schwarzes Dach, 1000 Kubikzentimeter Hubraum. Ein Auto, das auf dem Papier unspektakulär wirkt, in der Erinnerung aber glänzt – nicht wegen der nackten Technik, sondern wegen der Geschichte, die an diesem kleinen Briten hing. Wenger erzählte sie so, wie man Geschichten erzählen muss: persönlich, präzise, ohne Pathos.

«Carwing» widmete ihm später auch noch einen ausführlichen Beitrag, der zeigt, dass hinter dem ruhigen Auftreten ein umtriebiger Geist steckt. Dabei ging es um sein Engagement für das Buch «Carrosserie Suisse Nordwestschweiz», das Wenger initiiert und gemeinsam mit Medienprofi Pascal Kemper realisiert hat. 340 Seiten stark, aufwändig produziert, eine Enzyklopädie im besten Sinne. Das Werk zeichnet die Geschichte sämtlicher Carrosserie- und Lackierbetriebe der Region nach – von den Tagen des Kutschenbaus bis in die Gegenwart. Kein schneller Jubiläumsband, sondern ein Nachschlagewerk, das bleibt. So wie die Geschichte, die es erzählt.

Verdient gemacht hat sich Ruedi Wenger auch um das Erbe von Peter Monteverdi, dem Autobauer aus Binningen. Fahrzeuge, Dokumente, Geschichten – Wenger bewahrt sie mit der Sorgfalt eines Archivars und der Begeisterung eines Enthusiasten. Dass er früher selbst Rennen fuhr, passt ins Bild. Dass diese Phase nach einem Überschlag endete, ebenfalls. Seine spätere Ehefrau Chantal war als Zuschauerin dabei, und formulierte danach ein Ultimatum, das in seiner Klarheit keinen Interpretationsspielraum liess: «Hobbywechsel. Oder ich gehe». Wenger wechselt das Hobby. Und sammelt fortan klassische Automobile, nimmt an Ausfahrten, Rallys, Concours und historischen Rennen teil – mit Stil, nie mit Grössenwahn.

Ein schönes Kapitel in seinem Carrosserieleben schreibt darüber hinaus der Salmson-Rennwagen, den sein Grossvater 1925 carrossiert hatte. Ein Fahrzeug mit Familiengeschichte, das seit vielen Jahren in der Garage der Wengers steht. Sein Vater hatte den Rennwagen vor rund 70 Jahren zurückgekauft, ihn aber nie selber gefahren. Ruedi Wenger schon. Man könnte sagen: Manche Dinge finden ihren Weg zurück. So wie dieser Award.

Der «Lifetime Award» für Ruedi Wenger ist keine laute Auszeichnung. Er ist eher ein zustimmendes und respektvolles Nicken der Szene. Für ein Leben im Dienst des klassischen Automobils. Für Beharrlichkeit, Neugier und den Respekt vor dem, was war. Und vielleicht auch für die Erkenntnis, dass man nicht immer der Schnellste sein muss, um am Ende ganz vorne zu stehen. 

Neuste Artikel: Carrosserie- und Fahrzeugbau