• Homeslider Bild: https://www.carwing.ch/images/home/slider/vogel_h.jpg
  • Zusätzliche Kategorien: Homeslider
  • Homeslider Text:

    Eigene Werkstatt, klare Linie: Andrea Waldvogels Weg nach oben

Von Heinz Schneider (Text)

Es gibt diese Laufbahnen, die beginnen leise – irgendwo zwischen Spritzkabine, Schleifstaub und dem typischen Duft von Verdünner – und enden plötzlich mit einem eigenen Firmenschild an der Wand. Bei Andrea Markus Waldvogel aus Ilanz (GR) ist das keine Heldengeschichte mit Pauken und Trompeten, sondern eher eine, die sich Schritt für Schritt hochschaltet. Fast so, wie man einen automobilen Klassiker wieder zum Leben erweckt: mit Geduld, Präzision – und einer gewissen Geradlinigkeit.

2007, ein Sommer wie viele andere in Graubünden. Während draussen die Hitze über den Asphalt flimmert, schliesst Waldvogel seine Lehre als Carrosserielackierer in Landquart ab. Sauber, sehr solide, ohne Allüren. Wer damals hingeschaut hat, dürfte gemerkt haben: Da hat einer fertig, der dranbleibt. Einer, der nicht nur lackiert, sondern verstehen will, was unter der Oberfläche passiert.

Und tatsächlich – er bleibt dran. Zehn Jahre lang bei der Gruber Thusis AG, ein Betrieb, der einem nichts schenkt, aber viel beibringt. Dort wird aus dem Lackierer mehr und mehr ein Allrounder. Nebenbei, fast beiläufig, hängt er noch die Ausbildung zum Carrosseriespengler dran. Und wie: 2019 schliesst er mit einer 5,6 ab. Eine Note, bei der selbst abgebrühte Branchenkollegen kurz innehalten. In der Sektion Graubünden von Carrosserie Suisse sorgt das für anerkennendes Nicken – und in Ilanz sowieso. Dort kennt man sich, und dort merkt man schnell, wenn einer mehr kann als Mittelmass.

Doch wer glaubt, damit sei die Geschichte fertig erzählt, hat die Rechnung ohne Waldvogel gemacht. Der hatte längst einen Plan, auch wenn er ihn nie laut vor sich hergetragen hat. Ein eigener Betrieb – irgendwann. Kein Luftschloss, sondern ein Ziel.

Der nächste Schritt führt ihn zur Carrosserie Pieder Coray, ebenfalls in Ilanz. Und hier wird es interessant: Waldvogel kommt nicht einfach als Angestellter, sondern mit der klaren Idee, eines Tages zu übernehmen. Ein stilles Abkommen, könnte man sagen. Oder einfach gutes Timing.

Im August 2024 ist es dann soweit: Die Carrosserie- und Lackierwerkstatt Coray wechselt den Besitzer, und plötzlich steht da «Carrosserie Waldvogel» an einem Ort, der in Ilanz längst eine feste Grösse ist – gleich beim Freibad, wo im Sommer mehr Badehosen als Autos zu sehen sind. Rund 100 Leute kommen zur Betriebsübergabe, es wird gegrillt, gefeiert, gelacht. Wer dabei war, spricht heute noch davon. Nicht, weil es spektakulär war – sondern weil es ehrlich war.

Heute arbeitet Waldvogel nicht mehr nur mit der Lackierpistole. Ein Grossteil seines Alltags spielt sich zwischen Offerten, Telefonaten und Versicherungsdossiers ab. Schadenfälle koordinieren, Abläufe organisieren, Entscheidungen treffen – das volle Programm eines Unternehmers. Und trotzdem: Wenn es in der Werkstatt brennt, steht er selbst wieder am Fahrzeug. Manche Dinge gibt man eben nicht ab. Den Zahlen- und Papierkram überlässt er dabei gerne seiner Freundin Laura Bradescu, die sich um Buchhaltung und Rechnungswesen kümmert. Eine klassische Aufgabenteilung – und vermutlich eine, die Nerven spart.

Was die Carrosserie Waldvogel heute ausmacht, ist nicht nur das Kerngeschäft. Klar, Personenwagen, Nutzfahrzeuge, Lastwagen – alles im Programm. Aber da ist auch diese gewisse Lust am Ungewöhnlichen. Stühle restaurieren und lackieren? Warum nicht. Einen Renault 4CV aus den Sechzigern – die Fans nannten ihn damals wie heute Renault Heck – wieder in Form bringen? Unbedingt. Es sind genau diese Projekte, bei denen man merkt, dass hier nicht einfach abgearbeitet wird.

Und dann wäre da noch diese Geschichte mit dem RhB-Wagen. Ein Fall für sich – also ideal fürs Team Waldvogel. Komplettlackierung in originalem Rot – klingt erstmal nach Routine, entpuppt sich aber schnell als Mammutaufgabe. Der Wagen war in einem Zustand, der freundlich formuliert «herausfordernd» war: versprayt, beschädigt, ein Relikt aus Zeiten, in denen er als improvisiertes Arbeiterrestaurant diente.

Über den Verein «a Glion», gegründet 2021 mit dem erklärten Ziel, die Region Ilanz/Glion attraktiver zu machen, landet der Wagen schliesslich im kleinen Freizeitpark direkt beim Freibad – also direkt in Sichtweite der Carrosserie Waldvogel. Ein schöner Zufall, wenn man so will.

Der Transport? Nichts für schwache Nerven: Ein 140-Tonnen-Kran hievt den Wagen an seinen Platz. Danach wird aus dem ramponierten Objekt Stück für Stück etwas Neues. Wasser, Strom, WC – alles drin. Heute ist der Wagen teils öffentlich zugänglich, teils mietbar für private Anlässe. Geburtstage im ehemaligen Eisenbahn- und Bauarbeiterwagen – das hat was.

Rundherum wächst ein Freizeitpark, wie man ihn sich in einer Bergregion vielleicht nicht sofort vorstellt: Fussballplatz, Tennisplätze, Beachvolleyballfelder, ein Pumptrack, auf dem Kinder mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit ihre Runden drehen, während die Eltern danebenstehen und versuchen, mitzuhalten – zumindest gedanklich.

Und mittendrin: der frisch lackierte RhB-Wagen, der aussieht, als hätte er nie etwas anderes getan, als in diesem Rot zu glänzen. 

Neuste Artikel: Carrosserie- und Fahrzeugbau