Von Heinz Schneider (Text)
Es gibt Siege, die funkeln wie frisch polierter Klarlack in der Kabine. Und es gibt Siege, die man besser nicht zu früh in die Vitrine stellt, weil der eigentliche Prüfstand noch wartet. Der Erfolg von Davide Manieri an der dreitägigen «Sata Challenge 2026» in Darmstadt gehört genau in diese zweite Kategorie: erfreulich, verdient, wichtig – aber noch ohne Weltmeister-Girlande und Konfettikanone.
Der Schweizermeister der Carrosserielackierer hat die «Sata Challenge 2026» gewonnen – punktgleich mit dem deutschen Landesmeister. Das ist sehr respektabel, und zeigt vor allem eines: Er ist im internationalen Takt angekommen. Neben ihm und dem deutschen Vertreter standen sechs weitere Teilnehmende aus Kanada, Japan, Frankreich, dem United Kingdom, Norwegen und Kroatien im Wettbewerb.
Offiziell nennt sich das Ganze «Friendly Competition». Ein schöner Begriff. Klingt nach Händedruck, Teamgeist und freundlichem Lächeln. Wer aber schon einmal gesehen hat, wie streng bei solchen Wettbewerben bewertet wird, weiss: Freundlich ist hier vor allem der Ton. Die Messlatte dagegen liegt für die meisten zu hoch. Entsprechend wertet Coach Pascal Lehmann den Sieg als wichtiges Etappenziel auf dem Weg zur 48. Berufs-WM in Shanghai (22. bis 27. September). Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Denn in Darmstadt ging es nicht um Glanz für die Galerie, sondern um Wettkampfhärte. Um Rhythmus. Um Druck. Um den Umgang mit Aufgaben, die sich eng an dem orientieren, was in Shanghai zu erwarten ist. Und um die Erfahrung, auch dann präzis zu bleiben, wenn die Uhr mitläuft und die Experten jeden Handgriff sehen.
«Davide war sehr konzentriert und auf die Aufgaben fokussiert. Es hat einfach Spass gemacht, ihm bei der Arbeit zuzuschauen», fasst Pascal Lehmann die Tage zusammen. Das klingt nach Lob, aber auch nach Erleichterung. Denn wer im Wettkampfmodus nicht nur sauber arbeitet, sondern dabei Ruhe ausstrahlt, hat schon viel gewonnen. Auch wenn der grosse Brocken erst noch kommt.
Der Auftakt führte ins Sata-Werk nach Kornwestheim. Dort, wo Lackierpistolen nicht einfach Werkzeuge sind, sondern fast schon Glaubensfragen aus Metall, Düse und Luftführung. Sata ist in der Branche längst mehr als ein Hersteller von Spritzpistolen. Bechersysteme, Atemschutzsysteme und Drucklufttechnik machen das Familienunternehmen zum Systemanbieter für Fahrzeuglackierer.
Für den zweiten und dritten Tag wechselte der Wettbewerb nach Darmstadt ins üK-Center des deutschen Experten. Ein passender Ort: zwei Lackierkabinen, acht eigens eingerichtete Arbeitsplätze, dazu Bedingungen, wie man sie sich für eine internationale Vorbereitung wünscht. Gearbeitet wurde mit Produkten von BASF Coatings, lackiert mit der Reihe 100 und «Ara Class»-Produkten von Glasurit – genau wie es in Shanghai der Fall sein wird. Das ist wichtig. Denn an einer WM will niemand mehr herausfinden müssen, wie sich ein Material verhält, wenn die Zeit knapp wird und der Puls höherschlägt als der Kabinendruck.
Sieben Module warteten. Das Programm las sich wie ein Kompaktseminar für Könner, nur ohne Kaffeepause-Romantik. Bei Modul A musste eine neue beschädigte Türe innen und aussen instand gestellt werden: reparieren, spachteln, füllern, auch nass-in-nass. Danach wurde zweifarbig lackiert, innen wie aussen. Später kamen Lackfinish, das saubere Abdecken einer Fahrzeugseite und eine Dreischichtlackierung an einem Kotflügel, für die zuvor der Farbton gefunden werden musste. Wer jetzt denkt, damit sei der Lack im wahrsten Sinne des Wortes ab, irrt. Auch eine Designlackierung an der Türe stand auf dem Programm, ebenso eine weitere Reparatur am beschädigten Kotflügel mit Dreischichtaufbau. Zum Schluss folgte Spot Repair – jene Disziplin, die so harmlos klingt und so gnadenlos sichtbar macht, ob jemand sein Handwerk wirklich versteht.
Solche Aufgaben zeigen, worum es bei modernen Lackierern geht. Nicht um ein bisschen Farbe auf Blech. Sondern um Materialverständnis, Auge, Systematik, Sauberkeit und die Fähigkeit, unter Zeitdruck Entscheidungen zu treffen. Farbtonfindung ist keine Lotterie, Spot Repair kein Zaubertrick, und eine Dreischichtlackierung verzeiht wenig. Wer dort schlampt, sieht es später. Und zwar nicht nur der Experte mit der Lampe, sondern im schlimmsten Fall auch der Kunde, wenn die Sonne im falschen Winkel steht.
Dass die Experten in Darmstadt sehr streng bewerteten, wie Pascal Lehmann betont, ist deshalb kein Nebensatz, sondern ein Gütesiegel. Ein leicht gewonnener Vorbereitungssieg wäre nett fürs Fotoalbum. Ein Erfolg unter harter Beurteilung ist wertvoll fürs Selbstvertrauen. Manieri hat unter realistischen Bedingungen geliefert. Konzentriert, ruhig, fokussiert.
Trotzdem bleibt die Einordnung wichtig. Shanghai ist nicht Darmstadt. Die WM wird lauter, grösser. Dort reicht ein guter Lauf nicht. Dort zählen wiederholbare Qualität, Nerven, Präzision und die Fähigkeit, auch nach einem kleinen Fehler nicht gleich innerlich die Kabinentür zuzuschlagen. Aber genau dafür war die «Sata Challenge» da: als Standortbestimmung, als Training unter Wettbewerbsdruck, als internationale Feuertaufe im freundlichen Gewand. Davide Manieri reist aus Darmstadt als einer ab, der gezeigt hat, dass mit ihm zu rechnen ist. Die Schweiz ist bereit, die Pistole ist eingestellt – jetzt muss noch der Lack sitzen.