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    Der Winter ist kein Lackkiller: Ein Realitätscheck zur Autowäsche

Der Winter liebt Extreme. Streusalz frisst sich in Radläufe, Schneematsch klebt wie beleidigte Politik, und irgendwo dazwischen steht das Auto – geschniegelt oder resigniert verdreckt. Was also tun? Waschen wie im Sommer? Oder lieber monatelang ignorieren, bis der Frühling alles vergibt? Wirklich? Ernsthaft? Oder nur ein weiteres Pflegeritual ohne Substanz?

Beginnen wir mit der Häufigkeit. Grundsätzlich gilt: Im Winter darf man sein Auto genauso oft waschen wie im Sommer. Der Mythos, ein blitzsauberer Wagen sei bei Schmuddelwetter deutlich besser sichtbar, hat seit flächendeckendem Tagfahrlicht an Überzeugungskraft verloren. Kurz gesagt: Waschen Sie dann, wenn es sich richtig anfühlt. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Überzeugung. Oder aus Eitelkeit. Beides legitim.

Bleibt das grosse Schreckgespenst Streusalz. Ja, die winterliche Mischung aus Salz, Wasser und Dreck ist chemisch keine Wellnessanwendung. Aber sie wird oft dramatisiert. Korrosionsfördernd wirkt sie vor allem dort, wo der Lack bereits verletzt ist – Kratzer, Abplatzungen, schlecht ausgeführte Nachlackierungen. Ein intakter Originallack steckt das weg. Gleiches gilt für den Unterboden moderner Fahrzeuge: Verzinkte Bleche, verbesserter Unterbodenschutz und werkseitige Hohlraumversiegelungen haben Rost weitgehend zum Oldtimerproblem degradiert. Panik ist also fehl am Platz. Aufmerksamkeit reicht.

Gefährlich wird es nicht durch Salz, sondern durch Kälte. Bei Temperaturen unter minus zehn Grad sollte man der Waschanlage höflich aus dem Weg gehen. Der Grund ist banal und unerquicklich zugleich: Wärmeschock. Wenn 10 bis 30 Grad warmes Waschwasser auf eiskalte Blechteile trifft, leidet das Material. Besonders heimtückisch bei vorgeschädigten oder nachlackierten Stellen, die man nicht immer erkennt. Dazu kommt das Risiko gefrorener Türschlösser und angefrorener Dichtungen. Kurz: Bei arktischen Temperaturen bleibt das Auto trocken. Und schmutzig. Man überlebt es.

Wer einfährt, sollte vorbereitet sein. Fenster zu, Schiebedach zu, Tankdeckel verriegelt, Scheibenwischer aus – inklusive Regensensor. Automatisch öffnende Heckklappen müssen deaktiviert werden, ebenso eine aktivierte Auto-Hold-Funktion, sonst blockieren die Räder. Und dann der wichtigste Punkt, gerne ignoriert: Schnee und Eis restlos entfernen. Bürsten lieben harte Partikel. Der Lack nicht. Was sonst sanft wäre, wird dann zu Schmirgelpapier mit Drehzahl.

Apropos Bürsten: Moderne Waschanlagen arbeiten mit Polyethylen. Entweder als geschlossenporiger Schaumstoff oder als genadeltes, wattiertes Material, das euphemistisch «Textil» genannt wird. Entscheidend ist nicht die Form, sondern die Vorwäsche. Ist der grobe Schmutz weg, bleibt der Lack heil. Ohne Vorwäsche wird selbst das weichste Material zur Gefahr.

Beim Waschprogramm gilt auch im Winter: weniger Show, mehr Sachverstand. Ein günstiges Programm reicht völlig, sofern eine Vorwäsche – manuell oder maschinell – enthalten ist. Sie entfernt nicht nur groben Schmutz, sondern mildert auch die Temperaturunterschiede. Teure Zusatzprogramme mit Heisswachs oder Unterbodenschutz sind aus technischer Sicht entbehrlich. Wer sie wählt, tut das aus Lust, nicht aus Notwendigkeit. Wirklich entscheidend ist etwas anderes: die Kontrolle durch den Fachmann. Ein Blick auf der Hebebühne vor und nach der Wintersaison legt Schwachstellen im Unterbodenschutz offen, bevor Rost überhaupt Gelegenheit bekommt, sich bemerkbar zu machen.

Bleibt die Frage nach der richtigen Anlage. Ein früherer Test des ADAC kommt zu einem nüchternen Ergebnis: Waschstrassen sind tendenziell im Vorteil. Nicht wegen besserer Chemie oder sanfterer Bürsten – die bestehen überall aus Polyethylen –, sondern wegen der Vorwäsche. In der Waschstrasse steht oft noch ein Mensch mit Hochdrucklanze, der Problemzonen gezielt bearbeitet. Portalanlagen können das nur eingeschränkt, es sei denn, sie investieren in eine separate maschinelle Vorwaschstation. Theoretisch wäre die Handwäsche in der SB-Anlage eine gute Alternative. Praktisch schrecken kalte Finger und nasse Ärmel viele ab. Verständlich. Nicht heldenhaft, aber ehrlich.

Am Ende bleibt eine simple Erkenntnis: Winterpflege ist keine Glaubensfrage. Sie ist eine Frage des Timings, der Temperatur und der Vorbereitung. Wer extreme Kälte meidet, auf Vorwäsche setzt und sein Auto nicht mit Eisbrocken durch die Bürsten jagt, macht alles richtig. Der Rest ist Kosmetik. Und Kosmetik, das wissen wir, beruhigt meist eher den Besitzer als das Objekt.