Dennis Schneider (Text)
Der Wagen ist ein Totalschaden. Doch sein digitales Innenleben funktioniert oft noch erstaunlich gut. Nach Angaben des US-Unternehmens Privacy4Cars enthalten 90 Prozent der entsprechend ausgerüsteten Fahrzeuge, die bei Restwertauktionen eintreffen, noch persönliche Daten ihrer bisherigen Nutzer. Gleichzeitig löscht laut einer Branchenumfrage nur etwa jeder fünfte Reparaturbetrieb solche Informationen bei Totalschäden regelmässig.
Was zurückbleibt, hat es in sich: gekoppelte Telefone, Kontakte, Textnachrichten, Navigationsziele, Wohnadressen oder Garagentorcodes. Teilweise bleibt sogar die Verbindung zur Hersteller-App bestehen. Je nach Modell lassen sich Fahrzeuge dann weiterhin orten, entriegeln oder aus der Ferne starten. Der Schlüssel ist weg. Der Zugriff nicht.
Die 90-Prozent-Zahl wurde an der amerikanischen «Collision Industry Conference» (CIC) präsentiert. Wie gross die untersuchte Stichprobe war und nach welcher Methode geprüft wurde, ist allerdings nicht bekannt. Die Zahl ist deshalb mit Vorsicht zu geniessen. Das Problem selbst ist es nicht.
Empfohlen werden vier Schritte: gekoppelte Geräte entfernen, das Infotainment auf Werkseinstellungen zurücksetzen, gespeicherte Ziele und Garagencodes löschen sowie das Fahrzeug aus der Hersteller-App entfernen. Ein Werksreset allein reicht also nicht zwingend. Und bei einem Wrack ohne Strom oder funktionierenden Bildschirm wird aus der einfachen Löschroutine rasch ein technisches Problem.
Auch für Schweizer Carrosseriebetriebe, Versicherer und Restwertbörsen stellt sich damit eine unangenehme Frage: Wer löscht die Daten, wer dokumentiert den Vorgang – und wer bezahlt dafür? Die amerikanische Haftungsdiskussion lässt sich nicht eins zu eins übertragen. Das technische Risiko dagegen schon.
Ein Totalschaden gehört auf die Restwertbörse. Das Privatleben seines Besitzers nicht.