Von Heinz Schneider (Text) und Adrien Cortesi (Fotos)
Die Einladung kam von der rumänischen Renault-Tochter Dacia – und sie führte dorthin, wo selbst nüchterne Autopräsentationen ein wenig an Postkartenidylle erinnern: an die Côte d’Azur, genauer gesagt nach Nizza, der fünftgrössten Stadt Frankreichs. Zwischen Palmen, Promenade und mildem Winterlicht traf sich eine bunt gemischte Karawane von Medienvertretern aus Schweden, Norwegen und der Schweiz. Mittendrin: carwing.
Während draussen die Wellen gegen die Küste rollten, präsentierte sich eine Marke, die im europäischen Markt derzeit eher Rückenwind als Gegenstrom kennt. Denn Dacia gilt längst nicht mehr als Geheimtipp für Pragmatiker, sondern als Überflieger – vor allem in der Schweiz. Während viele Hersteller mit rückläufigen Verkaufszahlen kämpfen, legt die Marke bemerkenswerte Zuwachsraten hin. Damit das so bleibt, wurde das Modellprogramm gründlich renoviert, aufgewertet und mit neuen Versionen angereichert. Die Botschaft ist klar: günstig allein reicht nicht mehr, jetzt soll es auch technisch und optisch noch moderner zugehen.
Ein gutes Beispiel dafür liefern Duster und Bigster, die ab Sommer als «Hybrid 150 4x4» auf die Strasse rollen. Allradantrieb, elektrifizierte Technik und – für viele Dacia-Interessenten längst der grösste Wunsch schlechthin – ein automatisches Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe mit Lenkrad-Schaltwippen. Auf den kurvigen Strassen rund um Nizza zeigte sich schnell, dass die Gangwechsel angenehm weich ausfallen. Vorne arbeitet ein 1,2-Literbenziner mit 140 PS und 230 Nm, während am Heck ein Elektromotor mit 31 PS und 87 Nm unterstützt. Zusammen ergibt das 154 PS Systemleistung – genug, um die Fahrzeuge mit überraschend souveräner Leichtigkeit durch den Verkehr der Riviera und entlang der Küste zu bewegen.
Technisch interessant ist vor allem das Zusammenspiel mit dem Zweiganggetriebe an der Hinterachse, das sich bei Bedarf abschalten lässt. Sechs Fahrmodi – von Auto und Eco über Snow sowie Mud/Sand bis hin zu Lock fürs Gelände – sollen für jede Lebenslage gewappnet sein. Hill Descent Control übernimmt beim Bergabfahren die Kontrolle über Tempo und Lenkung im Bereich zwischen drei und 30 km/h. Auf dem Geländeparcours, auf dem wir uns wieder einmal so richtig austoben durften, erwies sich das mehr als nur Marketing-Versprechen.
Während Duster und Bigster eher den Abenteuergeist bedienen, zeigt der langstreckentaugliche Jogger, dass Dacia auch im Familiensegment weiter nachlegt. Hier zieht der neue «Hybrid 155» ein, ein Vollhybrid mit 109 PS starkem 1,8-Liter-Vierzylinder, zwei Elektromotoren mit zusammen 50 PS sowie einem Hochspannungsstarter-Generator. Gespeist wird das System von einer 230-Volt-Batterie mit 1,4 kWh. Herzstück ist ein automatisches Elektrogetriebe mit vier Gängen für den Verbrenner und zwei weiteren für den Elektrobetrieb – eine Technik, die dank fehlender Kupplung ungewöhnlich direkt wirkt. Mit 155 PS Systemleistung und 170 Nm Drehmoment präsentiert sich der Jogger spürbar effizienter als zuvor; laut Dacia sinken Emissionen und Verbrauch gegenüber dem «Hybrid 140» um jeweils zehn Prozent. In der Stadt soll der Kombi bis zu 80 Prozent der Zeit rein elektrisch unterwegs sein, gestartet wird grundsätzlich lautlos.
Auch optisch hat die Marke nachgeschärft. Sandero Stepway und Jogger tragen neue Schutzabdeckungen aus dem Material «Starkle» an Radkästen, Unterboden und Nebelscheinwerfer-Einfassungen. Das im Haus entwickelte Material besteht zu 20 Prozent aus recyceltem Kunststoff, bleibt unbehandelt und unlackiert und soll dadurch einen geringeren CO₂-Fussabdruck hinterlassen – nebenbei zeigt es sich weniger empfindlich gegenüber Kratzern. Die neue LED-Lichtsignatur mit dem umgekehrten «T» verleiht Sandero, Sandero Stepway und Jogger zudem ein markanteres Gesicht, das im Rückspiegel überraschend selbstbewusst wirkt.
Innen hält die Moderne ebenfalls Einzug: Ein 10,1-Zoll-Zentralbildschirm mit vernetzter Navigation, induktives Smartphone-Laden und ein neu gestaltetes 7-Zoll-Digitalcockpit sollen den Alltag erleichtern. Dazu kommen eine Fernlichtautomatik, eine Multi-View-Kamera und elektrisch einklappbare Aussenspiegel. Sicherheitsseitig setzen die drei Baureihen nun auf Assistenzsysteme wie ein automatisches Notbremssystem mit Erkennung von Fahrzeugen, Fussgängern und Velofahrern sowie einen Aufmerksamkeitsassistenten.
Am Ende der Fahrten rund um Nizza bleibt der Eindruck einer Marke, die ihre ursprüngliche Bodenständigkeit nicht verleugnet, aber spürbar erwachsen geworden ist. Dacia wirkt heute alles andere als ein Underdog, der gegen den Strom schwimmt, sondern eher wie ein pragmatischer Surfer, der die Wellen des Marktes geschickt nutzt. Und während die Sonne langsam hinter der Promenade verschwand, blieb vor allem ein Gedanke hängen: Vielleicht ist der grösste Fortschritt gar nicht die neue Technik – sondern das wachsende Selbstbewusstsein einer Marke, die längst mehr kann, als nur günstig zu sein.