Von Heinz Schneider (Text und Fotos)

Der Panda war einmal das, was man im besten Sinne ein Vernunftmobil nennt: klein, kantig, karg – und gerade deshalb genial. Als Giorgetto Giugiaro ihn zeichnete, dachte er nicht an Lifestyle, sondern an das echte Leben. An enge Gassen, schmale Parklücken und Menschen, die von einem Auto vor allem verlangten, dass es fährt, funktioniert und nicht gleich die Ferienkasse auffrisst.

3,38 Meter lang war der erste Panda, 1,49 Meter schmal und innen so nüchtern eingerichtet, dass die Sitze eher an Campingmöbel erinnerten als an italienische Grandezza. Wer damals mit breitschultrigem Beifahrer unterwegs war, lernte rasch die soziale Dimension automobiler Nähe kennen. Trotzdem wurde der Panda ein Volksheld. Über vier Millionen Exemplare liefen bis 2003 vom Band – eine Zahl, bei der selbst deutlich teurere Fiat-Modelle nur anerkennend nicken konnten.

Und nun also der Grande Panda. Mit vier Metern Länge ist er im Format der Kleinwagenklasse angekommen und mischt dort mit VW Polo und Citroën C3 mit. Klein ist hier also nur noch der Preisgedanke, nicht mehr das Blechkleid.

Optisch macht der Grande Panda auf Anhieb etwas richtig, was viele in diesem Segment verlernen: Er bleibt im Gedächtnis. Vorne trägt er eine schwarze Blende mit Leuchteinheiten in horizontaler Pixel-Optik. An den Türen prangt ein stilisierter Panda-Schriftzug, der beim ersten Hinsehen durchaus wie ein kleiner Blechschaden wirken kann. Man schaut nochmals hin, erkennt den Gag und findet Gefallen daran. Hinten ist «Fiat» so ins Blech gedrückt, als hätte jemand die Marke mit dem Brandeisen eingebrannt. Subtil ist anders, aber langweilig eben auch.

Innen setzt sich der sympathische Eigensinn fort. Das röhrenförmige Fach auf der Beifahrerseite trägt eine Verkleidung aus Bambusfasern, an den Luftdüsen sitzen Farbakzente in Wagenfarbe, und überhaupt merkt man dem Interieur an, dass sich hier jemand mehr Mühe gegeben hat als in dieser Preisklasse üblich. Der Grande Panda will nicht geschniegelt wirken. Fiat spricht von benutzerfreundlich und volksnah – und ausnahmsweise ist das keine PR-Prosa, die unterwegs falsch abgebogen ist. Wobei, die eine oder andere Unzulänglichkeit wollen wir nicht verschweigen: Die Beifahrerin auf unserer Testfahrt vermisste die Halteschleife und den Make-up-Spiegel an der Sonnenblende.

«Unser» Auto trat in der höchsten Ausstattungsstufe «La Prima» an, für 28 490 Franken, dazu 700 Franken für das knallige «Giallo Limone». Dafür gibt es dann 17-Zoll-Alufelgen statt 16-Zoll-Stahlräder, Unterfahrschutz, Dachreling, Touchscreen samt Navigation, Rückfahrkamera, und die kabellose Ladeschale fürs Handy. Man muss das in dieser Klasse nicht überhöhen – aber man darf festhalten: Der Grande Panda tritt nicht an wie ein Sparmodell mit schlechtem Gewissen.

Unter dem Blech arbeitet jene Technik, die auch im Citroën C3 und Opel Frontera Dienst tut. Der Motor leistet 113 PS, gespeist von einer Lithium-Eisen-Phosphat-Batterie mit 44 kWh. Laut WLTP sollen damit bis zu 320 Kilometer drinliegen. Das ist die Art Zahl, die auf Prospekten schön aussieht und im Alltag dann einen Stern mit Fussnote verdient.

Im Stadt- und Kurzstreckenbetrieb passt der Antrieb gut zum Charakter des Wagens. Wer hauptsächlich von A nach B rollt, Besorgungen erledigt und pendelt, wird mit ihm gut auskommen. Der Motor liefert spontane Reaktionen, ohne gleich auf Sportler zu machen. 113 PS und 122 Newtonmeter reichen für einen munteren Eindruck, aber niemand wird danach vom Rallye-Fieber gepackt.

Schwieriger wird es auf längeren Strecken und der Autobahn. Unsere Testfahrt machte das deutlich. Los ging es in Zürich-Altstetten Richtung Winterthur, 28 Kilometer, später dann nachts weiter Richtung Obersaxen – rund 160 Kilometer. Keine Heizung, sämtliche elektronischen Helfer möglichst stillgelegt, Tempo 90 brav hinter dem Lastwagen. Und trotzdem zeichnete sich nach rund 100 Kilometern ab: Das wird eng. Sehr eng. Vor allem der Anstieg von Ilanz nach Surcuolm hing wie ein Damoklesschwert über der Restreichweite. Wer dort schon einmal elektrisch unterwegs war, weiss: Hier schmilzt die Anzeige schneller als Schnee unter dem Heizstrahler.

Im Heidiland stand die Ladeanzeige bei 38 Prozent, die Restreichweite bei 68 Kilometern. Theoretisch könnte man da noch diskutieren, praktisch und nachts auf dem Weg in die Berge lieber nicht. Also Zwischenhalt auf dem Rastplatz, Ladekabel rein, warten. Nach rund 50 Minuten standen wieder 80 Prozent bereit, und die Reise konnte weitergehen – diesmal mit eingeschalteter Heizung und Tempo 110, also wieder näher an jenem realen Leben, für das Autos eigentlich gebaut werden.

Rein rechnerisch landeten wir bei einem Verbrauch von ungefähr 19 kWh auf 100 Kilometer. Damit rückt die reale Reichweite eher in Richtung 240 Kilometer als zu den versprochenen 320. Auf der Autobahn erst recht. Dort genehmigt sich der kleine Italiener schlicht zu viel, um als Langstreckenkünstler durchzugehen. Man kann das verzeihen, solange man weiss, worauf man sich einlässt.

Der Grande Panda Electric ist kein Auto für endlose Etappen und viel Gottvertrauen, sondern eines für den Alltag mit vernünftigem Radius. Dass er dabei angenehm fährt, hilft ihm sehr. Das Fahrwerk ist ordentlich abgestimmt, der Wagen federt sauber und ohne jene nervöse Hoppeligkeit, die kleinen Autos gern antrainiert wird. Die Lenkung ist leichtgängig, aber nicht schwammig. Der Spurassistent, der sich bisweilen etwas übereifrig einmischt, lässt sich per langem Druck auf eine separate Taste deaktivieren. Daneben sitzt gleich die Befreiung vom oft nervigen Tempowarner – eine kleine ergonomische Geste, die im Alltag viel Freude macht. Auch der Sitzkomfort gibt keinen Anlass zur Klage.

So bleibt unter dem Strich ein Auto, das mehr kann, als sein sympathischer Auftritt zunächst vermuten lässt. Der Grande Panda ist kein Revolutionär und schon gar kein Reichweitenwunder. Aber er ist ein gut gemachter, charmanter Kleinwagen mit eigenem Gesicht, viel Liebe zum Detail und einer wohltuend unverkrampften Art. Früher war der Panda ein Meister des Weglassens. Heute ist der Grande Panda eher ein Meister des klugen Hinzufügens.

 

Fiat Grande Panda La Prima BEV
Preis ab 28 490 Fr.
Antrieb / E-Motor Front, 113 PS / 122 Nm
Batteriekapazität 44 kWh
0 – 100 / Spitze 11,5 Sek, 132 km/h
Verbrauch (WLTP) 18,5 kWh / 100 km
Reichweite (WLTP) 320 km
Länge / Breite / Höhe 4,00 / 1,76 / 1,57 m
Leergewicht ca. 1600 kg

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