Von Heinz Schneider (Text) und Irene Schneider (Fotos)
Unter dem Motto «Innovation trifft Praxis – moderne Carrosserietechnik im Fokus» hat die Schweizerische Technische Fachschule Winterthur (STFW) kürzlich zu einem Afterwork-Event in ihre Werkstätten geladen – und die Branche kam. Mehr als 100 Gäste aus der Carrosserie-, Reparatur- und Automobilwelt fanden den Weg nach Winterthur, dorthin also, wo man nicht lange über Zukunft redet, sondern sie im Zweifel erst vermisst, dann lackiert und zum Schluss auf Hochglanz bringt.
René Kohler, Leiter Bildung Fahrzeugtechnik an der STFW, eröffnete den Abend und umriss gleich zu Beginn die drei Hauptthemen, die mit Vorführungen und Live-Demonstrationen im Zentrum standen. Der rote Faden war dabei schnell gelegt: Es ging nicht um Technik als Schaufensterdeko, sondern um Werkzeuge, mit denen Lernende und Fachleute konkret arbeiten – heute, nicht irgendwann.
Die erste Station führte an die Richtbank- und Vermessungstechnologie, genauer gesagt zum «Car-O-Tronic Vision 2-X3». Das System, von der Firma Blutech aus Wünnewil (FR) an die STFW geliefert, markiert so ziemlich das modernste Ende dessen, was in diesem Bereich derzeit zu haben ist. Für die Schule ist das keine luxuriöse Spielerei, sondern eine Investition mit klarem Ausbildungsauftrag. Künftige Lehrabschlussprüfungen werden auf solchen modernen Geräten durchgeführt – wer den Nachwuchs ernsthaft vorbereiten will, kann schlecht mit Technik von vorgestern antreten.
Die Präsentation übernahm Fachlehrer Luciano Poppi, der das System nicht nur erklärte, sondern gleich dessen praktischen Nutzen demonstrierte. Er zeigte, wie sich ein Schaden rasch beurteilen lässt und wie die Vermessung helfen kann, zu entscheiden, ob ein Fahrzeug einen Strukturschaden aufweist oder nicht. Entscheidend ist dabei auch die Dokumentation: Das Ganze geschieht mit einem Protokoll, das gegenüber Kunden oder Versicherern als saubere Grundlage dient. Poppi führte vor, wie sich ein Fahrzeug in der Datenbank finden lässt, kalibrierte das System und vermass die Längsträger – und das in kaum 15 Minuten. In einer Branche, in der Zeit Geld ist und Präzision mindestens ebenso viel, darf man das als kleine Machtdemonstration der Messtechnik verstehen.
Im Zentrum der zweiten Präsentation stand der Lackierroboter «Paint Go», ebenfalls geliefert von Blutech. Die Demonstration übernahm Valentina Kasper, die seit Oktober 2025 die üK-Lackierkurse an der STFW leitet. Der «Paint Go» zeigt, wohin die Automatisierung im Lackierbereich marschiert: Das System ist lernfähig, 800 Fahrzeugmodelle sind in seiner Datenbank hinterlegt. Bald, so die Perspektive, soll der Roboter auch Kanten und Stossfänger lackieren können – also genau jene Bereiche, bei denen derzeit noch menschlicher Feinsinn gefragt ist. Oder, etwas weniger technisch formuliert: Die Maschine ist schon ziemlich gut, aber an manchen Stellen braucht es noch immer die ruhige Hand und das wache Auge eines Profis.
Gerade darin lag eine der stärksten Botschaften des Abends. Die STFW hat sich diese beiden Anschaffungen nicht geleistet, um mit glänzenden Geräten Eindruck zu schinden, sondern damit Lernende im dritten und vierten Lehrjahr schon heute an Systemen arbeiten können, die ihren Berufsalltag morgen prägen werden. Es ist ein Ansatz, der in der Berufsbildung fast zwingend erscheint: Wer junge Fachkräfte fit für den Markt machen will, muss ihnen die Realität der Werkstatt zugänglich machen – nicht deren nostalgische Version. Gleichzeitig sieht Luciano Poppi in den Anlagen Potenzial über die Grundbildung hinaus. Dank solcher Geräte, so seine Überzeugung, lassen sich zusätzlich Kurse in der Weiterbildung und in der Erwachsenenbildung anbieten. Die Schule positioniert sich damit nicht nur als Ausbildungsort für den Nachwuchs, sondern auch als Plattform für Fachkräfte, die mit der technischen Entwicklung Schritt halten wollen.
Der dritte Hauptakt des Abends kam von aussen – und passte doch bemerkenswert gut ins Gesamtbild. Die Firma «Starlight Car» aus Ulm (D), seit Kurzem auch mit einer Vertretung in St. Gallen präsent, zeigte im untersten Stock der STFW ein über Jahre selbst entwickeltes Wash- und Polish-Verfahren. Mario Stäheli und Sebastian Schröder stellten dabei eigens hergestellte Arbeitsmittel und Produkte zur Lackaufbereitung vor. Im Zentrum standen Reinigung, Versiegelung und Pflege von Fahrzeugen, insbesondere auch von Young- und Oldtimern – also jenen automobilen Zeitzeugen, bei denen falsche Behandlung schneller auffällt als bei einem grauen Flottenfahrzeug.
Im Kern setzt «Starlight Car» auf zwei spezielle Verfahren. Die Wash-Methode versteht sich als sicherste und schonendste Art der Fahrzeugwäsche und der Autopflege von Hand. Die Lackversiegelung erfolgt dabei bereits während des Waschvorgangs und soll so optimalen Lackschutz sowie einen brillanten Tiefenglanz bringen – laut Anbieter «für immer». Das ist eine Formulierung, die im Autogewerbe naturgemäss ein wenig nach dem ewigen Leben für Klarlack klingt, aber sie zeigt vor allem, mit welchem Selbstbewusstsein die Ulmer ihre Entwicklung vertreten.
Das professionelle Polish-Verfahren wiederum kommt dann ins Spiel, wenn stumpfe oder leicht verkratzte Lackierungen sowie alte und matte Farben aufbereitet werden sollen. Besonders interessant ist das für Lackierbetriebe, wenn es um Finish-Arbeiten vor der Auslieferung geht – also um jene letzten Meter, auf denen aus «eigentlich fertig» doch noch «wirklich ablieferungsreif» werden muss.
So unterschiedlich die drei Programmpunkte auf den ersten Blick wirkten, so klar war ihre gemeinsame Aussage: Die Carrosserie- und Lackierbranche wird technologischer, präziser und spezialisierter – aber nicht unpersönlicher. Die STFW zeigte an diesem Abend, dass moderne Ausbildung dort stark ist, wo sie Hightech, Handwerk und Praxis zusammenbringt. Oder anders gesagt: Zwischen Messsystem, Lackierroboter und Lackpflege blieb am Ende vor allem die Erkenntnis, dass die Zukunft der Branche nicht im Abstrakten stattfindet, sondern ganz konkret in der Werkstatt. In Winterthur konnte man ihr dabei einen Abend lang ziemlich nah zusehen.