Von Heinz Schneider (Text) und Irene Schneider (Fotos)
Im Golfpark Otelfingen, dort, wo sonst Bälle mit mehr oder minder elegantem Schwung Richtung Grün geschickt werden, schlug an diesem Abend die Sektion Zürich des Schweizerischen Carrosserieverbandes auf – zur 80. Generalversammlung. Ein stattliches Jubiläum, zumindest auf dem Papier. Vor Ort zeigte sich allerdings rasch: Die Zahl 80 machte mehr Eindruck als die Teilnehmerzahl. Rund 50 Personen waren anwesend, stimmberechtigt davon gerademal 21 – bei 120 Mitgliedern. Man muss kein Carrosseriespengler sein, um zu sehen: Diese Delle im Verbandsleben poliert man nicht mit etwas Schleifpaste weg.
Bevor es jedoch um Zahlen, Anträge und verbandspolitische Carrosserie- und Lackierarbeit ging, bat Präsident Michael Oesch die Anwesenden, sich zu erheben. Die Schweigeminute galt Markus Angliker, der kürzlich nach einer Krankheit verstorben ist. Angliker war Inhaber der Carrosserie Rosenberger in Dübendorf, ein engagierter Berufsmann, viele Jahre Vorstandsmitglied der Sektion Zürich, Ehrenmitglied und ein Mann, der sich stets für das Wohl von «Eurogarant» einsetzte. Zu diesem Netzwerk zählen derzeit rund 600 Mitgliedsbetriebe als Eurogarant-Carrosserie-Fachbetriebe. Es war ein stiller, würdiger Moment – und einer, der daran erinnerte, dass ein Verband nicht nur aus Statuten, Protokollen und Jahresbeiträgen besteht, sondern aus Menschen, die Zeit, Herzblut und manchmal auch Nerven investieren.
Nerven brauchte es später ebenfalls, denn die bescheidene Präsenz an der GV blieb nicht unkommentiert. Mehrere Voten machten deutlich, dass das Interesse an der Sektionsarbeit offenbar nicht gerade auf Lackierkabinen-Temperatur läuft. Seit Jahren dümpelt die Zahl der anwesenden Stimmberechtigten auf bescheidenem Niveau. Für den Vorstand ein unhaltbarer Zustand. Sein Vorschlag deshalb: Die Versammlung soll obligatorisch werden. Wer nicht erscheint, zahlt eine Busse. Ein Ansatz, der im Saal für eine längere Diskussion sorgte – verständlich, denn mit Sanktionen kennt sich die Autobranche zwar aus, aber meist stehen sie am Strassenrand und blinken blau.
Am Ende einigte man sich auf ein Modell, das weniger nach Bussenzettel und mehr nach Depotlösung klingt: Mit dem jährlichen Mitgliederbeitrag zahlt jedes Mitglied zusätzlich 150 Franken ein. Nimmt ein Betrieb an der Generalversammlung teil, erhält er diesen Betrag bar zurück. Wer nicht erscheint, lässt das Geld im Topf. Bleibt daraus etwas übrig, soll die Summe für Anlässe mit den Mitgliedern verwendet werden. Der entsprechende Antrag wurde schliesslich angenommen. Man könnte sagen: Die GV bekam damit ein finanzielles Rückgrat – und die Mitglieder einen ziemlich handfesten Grund, künftig nicht nur im Jahresbericht vorzukommen.
Bei den statutarischen Geschäften zeigte sich die Versammlung von ihrer unkomplizierten Seite. Von der Abnahme der Jahresrechnung 2025 bis zur Genehmigung des Budgets 2026 wurden sämtliche Traktanden einstimmig angenommen. Auch Rechnungsrevisorin Jessica Mittler wurde für eine weitere zweijährige Amtsdauer einstimmig bestätigt.
Bei den Mitgliederbewegungen zeigte sich ein Bild mit Licht und Schatten. Fünf Austritten stehen drei Eintritte und ein Aufnahmegesuch gegenüber. Fast ausgeglichen also, aber eben nur fast – wie eine frisch gespachtelte Fläche, bei der man im Streiflicht noch etwas sieht. Dass keiner der neuen Mitglieder an diesem Abend persönlich anwesend war, fand Ehrenpräsident Hans Aeschbacher in seiner Wortmeldung «beschämend». Das sass. Und es war wohl auch so gemeint. Denn wer einem Verband beitritt, darf sich durchaus auch einmal im Raum zeigen, nicht nur in der Mitgliederliste.
Inhaltlich bot der Abend aber weit mehr als Präsenzdebatten. Olaf Pfeifer, Direktor der STFW, informierte mit einem Kurzfilm über die speziellen Gerätschaften, die sich die Schule angeschafft hat – darunter der Lackierroboter «Paint Go». Ein Name, der klingt, als könnte er in der Mittagspause noch schnell den Seitenschaden am Firmenwagen erledigen. Natürlich steckt dahinter weit mehr: moderne Ausbildungstechnik, Automatisierung, Zukunft der Lackierung. Pfeifer berichtete zudem von der momentan positiven Kostensituation im Hinblick auf den umfassenden Umbau der Schule. Ebenfalls Thema waren die Weiterbildungsangebote, die allerdings viel zu wenig Zuspruch finden.
Ein altbekanntes Phänomen: Jeder will Fachkräfte, alle beklagen den Nachwuchsmangel, aber wenn Weiterbildung angeboten wird, bleibt der Schulungsraum manchmal leerer als eine Badeanstalt im Winter.
Daniel Röschli, Direktor von «Carrosserie Suisse», nahm den Ball der Verbandsarbeit auf und sprach unter dem Titel «Verbandsarbeit – Auslaufmodell oder notwendiger denn je» über die Rolle des Verbandes in einer Zeit, in der viele Betriebe den Alltag kaum mehr vom nächsten Kostendruck unterscheiden können. Im Zusammenhang mit geplanten Bussen bei Nichterscheinen zeigte er sich kritisch und brachte Alternativen ins Spiel: Bonus- oder andere Anreizsysteme, etwa reduzierte Mitgliederbeiträge bei Teilnahme an der GV. Motivation statt Mahngebühr also.
Röschli sprach ausserdem über die hohen Lehrabbrüche in der Carrosseriebranche, über die Inkraftsetzung der neuen Finanzierungsbasis der Geldmittel im Bereich Berufsbildung per 1. Juli 2026. Ein trocken klingendes Thema, gewiss – aber eines, das für die Betriebe langfristig mehr Gewicht hat als mancher kurzfristige Ärger über steigende Materialpreise.
Personell kommt Bewegung in den Vorstand: Sandro Carnazza tritt nach fünf Jahren engagierter Vorstandsarbeit zurück. Seinen Entscheid begründete er vor allem mit den stetig wachsenden Herausforderungen im eigenen Betrieb – ein Argument, das in einer Branche, in der Termine, Kundenwünsche und Fachkräftemangel selten höflich anklopfen, durchaus nachvollziehbar ist.
Präsident Michael Oesch nutzte den Moment, um die Anwesenden charmant zum Mitmachen zu ermuntern und mögliche Nachfolgerinnen oder Nachfolger aus der Deckung zu locken. Der Vorstand, so Oesch, verstehe sich sehr gut, treffe sich in der Regel einmal pro Monat und tausche sich zwischendurch auch telefonisch aus. Mit anderen Worten: Es handelt sich nicht um einen Geheimbund mit Nachtschichten, sondern um ein Gremium, in dem man gemeinsam etwas bewegen kann – sofern sich jemand findet, der nicht schon beim Wort «Sitzung» reflexartig den Werkstattkalender zuklappt.
So blieb von dieser 80. Generalversammlung in Otelfingen ein gemischter, aber keineswegs mutloser Eindruck. Die Sektion Zürich steht vor Aufgaben, die nicht kleiner werden: mehr Beteiligung, stärkere Bindung der Mitglieder, Nachwuchsfragen, Weiterbildung, Berufsbildung, Verbandsimage. Gleichzeitig wurde offen diskutiert, entschieden und nicht einfach über die dünne Präsenz hinwegmoderiert. Das ist schon etwas wert. Denn wie in der Carrosseriearbeit gilt auch im Verband: Erst wenn man die Schadstelle sauber anschaut, kann man sie fachgerecht instand stellen. Und vielleicht sorgt das neue 150-Franken-Modell ja tatsächlich dafür, dass bei der nächsten GV nicht nur die Traktandenliste voll ist, sondern auch der Saal.