Erfinden, musizieren, reisen, malen, fischen, fliegen, kochen, sammeln – viele Fachleute aus der Carrosserie-, Lackier- und Automobilbranche haben die tollsten Hobbies. Wir haben einiges über diese Personen und ihre Steckenpferde erfahren. Wer welchem Freizeitvergnügen frönt, lesen Sie in der Serie «Hobbies und Leidenschaften der Carrossiers», die wir in loser Folge «abdrucken».
Heute: Benjamin Mischler (41), Rockmusiker, Inhaber Carrosserie Kunz AG, Gümligen (BE)
Von Heinz Schneider (Text)
Benjamin Mischler steht vor seiner Werkstatt und wischt sich lachend einen Farbtupfer vom Overall – ein sattes Rot, das wie ein heimlicher Gruss aus der Lackierkabine wirkt. «Kommt vom letzten Camper», sagt er. Und wer seine «Carrosserie Kunz AG» kennt, der weiss: Camper gehören hier zum täglichen Brot. Oder besser gesagt: zum täglichen Neu-in-Form-Bringen. Dass die weissen Ferienriesen so oft über den Hof rollen, hat einen simplen Grund. Gleich gegenüber führt Marco Berger seine «Wohnmobile Kunz AG». Ein kurzer Arbeitsweg für Beulen und andere Blessuren. «Das läuft wie am Schnürchen», meint Benjamin. Und man glaubt es ihm sofort.
Der Carrosserielackierer hat sich Ende 2020 seinen Traum erfüllt: den traditionsreichen Betrieb von Beat Kunz übernehmen und in die Zukunft führen. Ein Entscheid, der Mut und Herzblut gleichermassen verlangt – Eigenschaften, die bei Benjamin reichlich vorhanden sind. Wer elf Ersatzwagen zur Verfügung stellt und jedem reparierten Kundenauto eine Wellnesskur innen wie aussen gönnt, hat ein klares Verständnis von Service. Und das merkt man schon beim ersten Schritt durch die Werkstatttür. Hier wird nicht einfach repariert. Hier wird versehen, geglättet, lackiert – im besten Sinne handwerklich verwöhnt.
Auch privat geht es bei Benjamin bisweilen farbig zu, nur eben akustisch. Wenn er nach Arbeitsschluss mit seinen zwei Buben (8 und 5) spielt oder mit seiner Frau den Wochenplan sortiert, weiss noch keiner, dass er später in einer ganz anderen Welt landet. Auf einer Bühne. Unter Scheinwerfern. Mit seiner Band «Chicks and Roosters».
Das Quintett spielt Rock, so ehrlich wie ein frisch angeschliffener Kotflügel. Die klassische Besetzung mit Rhythmus- und Sologitarre, Bass, Schlagzeug – und einem Twist, der jeden Anlass aufhorchen lässt: Die Leadstimme gehört einer Sängerin. «Das macht den Sound knackig, und unverwechselbar», sagt Benjamin, der sich selbst als Gitarristen mit Bluesherz bezeichnet. Als Bub im klassischen Unterricht sozialisiert, hat er später jede freie Minute genutzt, um sich mit Bands, Lehrvideos und endlosen Repetitionen das richtige Rockbrettern anzueignen.
Wer «Chicks and Roosters» bucht, bekommt ein breites Repertoire serviert – von Evergreens wie «Proud Mary» bis zu U2s «I Still Haven’t Found What I’m Looking For» über Gary Moore, Lynyrd Skynyrd oder eigene Songs. Und ja, wenn es sein muss, spielen die fünf einen Abend lang durch. «Dann läuft die Griffhand irgendwann automatisch», meint Benjamin und grinst, wie einer grinst, der weiss, wie sich das anfühlt.
Acht Jahre spielen sie nun in dieser Formation zusammen – ein kleines Wunder in der manchmal launischen Bandlandschaft. Keine nennenswerten Streitigkeiten, dafür ab und zu Brunches und Grillabende mit den Familien. Die Chemie stimmt, musikalisch wie menschlich. Einer der Höhepunkte: der Auftritt am Trucker Festival, wo ihre rockige Mischung perfekt zu Chromglanz, Dieselgeruch und Fernfahrerromantik passte.
Abseits von Werkstatt und Bühne lebt Benjamin ziemlich geradlinige Vorlieben: Autos, Sport, Pinstriping, Bier, gutes Essen, ausreichend Schlaf – und alles, was laut und zwei Räder hat. Ja, Motorräder. Schnell müssen sie sein. Sehr schnell. Sein Traum? Einmal um die ganze Welt. Sein Albtraum? «Sonntagsfahrer. Und schlechter Schlaf. Und schlechteres Essen. Und ein richtig langer Winter.» Man spürt, der Mann meint das ernst.
Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Handwerk, Herz, Humor und Hang zum Rock’n’Roll, die Benjamin zu dem macht, was er ist: ein Carrossier mit Rhythmus im Blut. Einer, der weiss, wie man Beulen aus Blech holt – und aus Köpfen. Wenn er nach einem langen Tag die Türen der «Carrosserie Kunz AG» schliesst und später im Proberaum die ersten Akkorde anschlägt, dann klingt das wie ein doppelter Beweis dafür, dass Präzision und Leidenschaft keine Gegensätze sind. Sondern manchmal einfach zwei Seiten derselben Gitarre.
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