Von Heinz Schneider (Text)

Ein Rempler auf dem Parkplatz, ein beschädigter Kotflügel, ein lädierter Scheinwerfer – früher waren das ärgerliche, aber überschaubare Zwischenfälle. Heute entsteht daraus eine Rechnung, bei der selbst abgebrühte Schadenexperten zweimal hinschauen. Nicht, weil Reparaturen plötzlich komplizierter geworden wären. Sondern weil die Preise für Ersatzteile in der Schweiz seit Jahren nur eine Richtung kennen: steil nach oben.

Der hiesige Markt funktioniert dabei nach Regeln, die mit freiem Wettbewerb nur bedingt etwas zu tun haben. Die grossen Autoimporteure kontrollieren einen erheblichen Teil des Geschäfts und geben das Preisniveau vor. Wo Alternativen fehlen, findet kein echter Preiskampf statt – der Kunde muss zahlen. Das ist in der Autobranche nicht neu, hat aber Dimensionen erreicht, die selbst Versicherungen zunehmend Kopfzerbrechen bereitet.

Denn auch sie haben bei der fachgerechten Reparatur nur begrenzten Spielraum. Wird ein Originalteil benötigt und ist dieses fast nur über den offiziellen Importkanal zu haben, bleibt am Ende wenig zu verhandeln. Bezahlt wird, was auf der Rechnung steht. Die Folge ist eine Art Schadeninflation: Ersatzteile werden teurer, Reparaturen kosten mehr, die Schadenaufwendungen der Versicherer steigen – und irgendwann landet die Rechnung dort, wo sie in solchen Fällen fast immer landet. Beim Prämienzahler. Diese Entwicklung kann nicht beliebig weitergehen. Steigen die Reparaturkosten im bisherigen Tempo, könnte die Vollkaskoversicherung für Familien und Normalverdiener zunehmend zum Luxusprodukt werden.

Das «HCG Schadenmanagement» aus Regensdorf (ZH) will diese Spirale nun zumindest abbremsen. Und hat eine Plattform aufgebaut, über die Carrosseriebetriebe mechanische Komponenten und Carrosserie-Ersatzteile bestellen können – und zwar ausserhalb der traditionellen, meist kostspieligen Beschaffungswege.

«HCG» übernimmt dabei die gesamte Bewirtschaftung der Plattform. Dahinter steckt mehr als ein digitaler Katalog mit Bestellknopf. Teile müssen identifiziert, Lieferanten koordiniert, Bestellungen verarbeitet und Warenströme überwacht werden. Hinzu kommen Rückfragen, unterschiedliche Markenlogiken und oft auch Rücksendungen, die im Ersatzteilgeschäft unvermeidlich sind.

Der hohe Digitalisierungsgrad hält den administrativen Aufwand dennoch tief. «HCG» verlangt dafür gemäss Geschäftsführer Tony Tulliani nur eine Bearbeitungsgebühr. Falls ein Teil nicht passt, falsch bestellt wurde oder aus einem anderen Grund retourniert werden muss, übernimmt «HCG» auch das Rücknahme-Management.

Bestellen kann grundsätzlich jeder Carrossier. Der zentrale Reiz liegt dabei nicht allein in der Verfügbarkeit, sondern vor allem in den Konditionen. «HCG» verspricht Margen, die über die herkömmlichen Beschaffungskanäle nie und nimmer zu erreichen sind. Das dürfte bei vielen Betrieben offene Türen einrennen. Schliesslich stehen Carrossiers seit Jahren zwischen steigenden Kosten, anspruchsvolleren Reparaturmethoden, wachsender Administration und Versicherern, die bei jeder Arbeitsposition genau hinschauen. Nur bei den Teilepreisen schien das grosse Spar-Vergrösserungsglas bislang erstaunlich häufig beschlagen.

Zu den Lieferanten gehört unter anderem das Nora Zentrum Wolfsburg, einer der international bedeutendsten Anbieter von Originalersatzteilen. Über diesen Partner lassen sich Komponenten für VW, Audi, Seat, Škoda, VW Nutzfahrzeuge, Cupra oder Land Rover beschaffen. Auch chinesische Hersteller wie BYD sind bereits vertreten – ein wichtiger Punkt, denn mit dem wachsenden Marktanteil neuer Marken wächst zwangsläufig auch der Bedarf an funktionierenden Ersatzteilstrukturen.

Mittlerweile kann «HCG» über seine Plattform Originalteile für rund fünfzig Automarken versenden lassen. Die Lieferzeit liegt in der Regel zwischen 24 und 72 Stunden, abhängig von Marke, Lagerbestand und Verfügbarkeit. Damit bewegt sich das System in einem Zeitfenster, das praxistauglich ist. Bemerkenswert ist zudem, dass die Dienstleistung auch in der Westschweiz zunehmend Anklang findet. Das zeigt, dass Kostendruck kein regionales Phänomen ist. Ob Regensdorf, Lausanne oder Genf: Ein teurer Stossfänger bleibt ein teurer Stossfänger, selbst wenn er auf Französisch bestellt wird.

«Wir wollen mit unserer Plattform natürlich in erster Linie die Schadenkosten senken», sagt HCG-Geschäftsführer Tony Tulliani. Ein Statement, das bei Versicherungen gut ankommt. Sie begrüssen den zusätzlichen Wettbewerb mit «HCG.» Die Begründung ist ebenso einfach wie einleuchtend: Gibt es innerhalb der Wertschöpfungskette mehr Wettbewerb, profitieren am Ende alle Beteiligten. Die Werkstatt erhält bessere Einkaufsmöglichkeiten, der Versicherer reduziert seine Schadenkosten, und der Fahrzeughalter muss langfristig weniger stark steigende Prämien fürchten.

Natürlich wird eine einzelne Plattform den Schweizer Ersatzteilmarkt nicht über Nacht umkrempeln. Dafür sind die bestehenden Strukturen zu fest verankert und die Interessen zu gross. Doch «HCG» setzt an einem Punkt an, der lange als beinahe unveränderbar galt: beim Preis des Originalteils.