Von Heinz Schneider (Text) und Irene Schneider (Fotos)
Als Davide Manieri kürzlich in der Carrosserie Suisse Academy in der Berner Mobilcity trainierte, ging es zunächst um jene Arbeiten, die auf den ersten Blick selten Schlagzeilen schreiben, im Alltag eines Spitzenkandidaten aber den Unterschied ausmachen: Spachteln, Füllern, Lackiervorbereitung. Letzteres nicht gerade die Lieblingsdisziplin des 22-Jährigen aus Reinach (BL), wie man hört. Aber eben genau jener Teil des Berufs, an dem sich zeigt, ob jemand bloss Talent hat – oder ob er bereit ist für die Weltbühne.
Und auf diese Bühne steuert Davide Manieri mit viel Know-how und beachtlichem Tempo zu. Der Schweizermeister der Carrosserielackierer bereitet sich auf die Berufs-WM in Shanghai vor, die vom 22. bis 27. September stattfindet. Im Training in Bern standen die erwähnten Arbeiten an, dazu lackierte er eine Autotüre zweifarbig – eine Übung, die technisches Können, Materialgefühl und eine ruhige Hand verlangt.
Doch im Zentrum dieses Trainingstags stand nicht nur die Arbeit am Objekt, sondern ein Besuch, mit dem Manieri nicht gerechnet hatte. Überraschend tauchte Andreas Stocker von der «Südo Jasa AG» aus Spreitenbach (AG) auf. Das Unternehmen ist Partner für Werkstatt- und Carrosseriebedarf sowie Generalimporteur renommierter Marken – und Stocker kam nicht mit warmen Worten allein. Für den jungen WM-Kandidaten hatte er einen Koffer im Wert von rund 5000 Franken dabei. Ein Koffer also, bei dem das Herz eines Lackierers ungefähr so schnell schlägt wie das eines Oldtimerfans vor einem unberührten Scheunenfund.
Der Inhalt hatte es in sich: vier Lackierpistolen der Marke Sata, exakt jener Marke also, mit der auch alle Kandidaten an der WM arbeiten werden. Mit dabei waren zwei Basis- und Decklackpistolen vom Typ Jet X, eine Füllerpistole (Sata Jet 100 B) sowie eine Mini Jet Sata 4400 B. Dazu kamen verschiedene Düsensätze (Adam) für die exakte Druckeinstellung sowie ein Bechersystem von Sata RPS und LCS. Für die Trainings gab es obendrauf noch einen Helm «Air Vision 5000» mit Frischluftsystem im Wert von 1000 Franken. Er saugt Kompressorluft an, die sauberer ist als die Umgebungsluft – was in einer Werkstatt kein Luxus, sondern schlicht eine sehr vernünftige Idee ist.
Der junge WM-Kandidat war entsprechend baff. Und zwar nicht im höflichen Sinn, wie man das bei offiziellen Übergaben gern einmal spielt, sondern ganz offensichtlich ehrlich erfreut. Er liess sich von Andreas Stocker die Ausrüstung denn auch gleich im Detail erklären und anpassen. Das hatte an diesem Tag fast etwas von einem Boxenstopp vor dem Grand Prix: Hier noch eine Einstellung, dort noch ein Handgriff, dazu Fachgespräche auf Augenhöhe – und mittendrin ein junger Schweizermeister, der spürbar weiss, dass solches Material mehr ist als ein schönes Geschenk. Es ist ein Vertrauensbeweis. Und ein sehr konkreter Vorteil in der Vorbereitung auf eine WM, bei der Nuancen entscheiden.
Dass Davide Manieri mit dieser Chance sorgsam umgeht, ist offensichtlich. Er trainiert nicht nur in Bern mit Coach Pascal Lehmann, sondern auch im Betrieb sehr viel. Dann kann es auch einmal eine aufwändige Designlackierung sein, die zusätzlich fordert. Mal übt er bei seinem Arbeitgeber, der ihm nach eigenen Worten alles ermöglicht, mal investiert er dafür seine Samstage. «Ich sehe schon, wo ich noch Nachholbedarf habe, deshalb die Zusatztrainings. Ich bin Perfektionist – das kann Segen und Fluch zugleich sein», sagt der Baselbieter selbstkritisch. Es ist ein Satz, der gut zu diesem jungen Berufsmann passt: ehrgeizig, reflektiert, ohne jede Anflughöhe von Grossspurigkeit.
Dasselbe gilt für seine Haltung gegenüber dem nahenden WM-Auftritt. «Dass meine Firma so hinter mir steht und mich immer und überall unterstützt, gibt mir enorm viel Selbstvertrauen», sagt der Schweizermeister. «Mein Ziel ist es, im Hinblick auf die WM hundert Prozent zu geben, ich will das Maximum aus mir herausholen. Wenn das für eine WM-Medaille reicht, bin ich überglücklich. Wenn nicht, weil andere an diesen Tagen noch besser waren, muss ich mir keine Vorwürfe machen.» Das klingt erfreulich unspektakulär – und gerade deshalb überzeugend. Keine grossen Sprüche, kein Pathos auf Bestellung, sondern der nüchterne Wille, das eigene Potenzial voll auszuschöpfen.
Verankert ist dieser Wille auch in einem familiären Umfeld, in dem das Thema Carrosserie offenbar nicht bloss Beruf, sondern fast schon Familienluft ist. Vater Domenico arbeitet ebenfalls bei der Huggel Carrosserie AG in Münchenstein, als Leiter Spenglerei und Kundendienst. Und Bruder Nevio, gerade 16 Jahre alt, startet im Sommer die Lehre zum Carrosserielackierer bei der Kestenholz Automobil AG in Pratteln. Andere Familien reden beim Nachtessen vielleicht über Ferienpläne oder Fussballresultate – bei den Manieris dürfte zwischendurch auch einmal eine Lackkante oder ein sauberer Übergang Thema sein.
Seinen beruflichen Ehrgeiz ergänzt Davide Manieri mit sportlichem Ausgleich. Er trainiert im Fitnessstudio, geht joggen und fühlt sich auch beim Downhill-Biken extrem wohl. Das passt ins Bild: Wer auf dem Bike gerne kontrolliert an die Grenze geht, bringt womöglich auch im Beruf jene Mischung aus Mut, Präzision und Körpergefühl mit, die im entscheidenden Moment zählt.
So war dieser Trainingstag in der Mobilcity mehr als eine weitere Einheit auf dem Weg nach Shanghai. Er zeigte, wie ernsthaft sich Davide Manieri vorbereitet, wo seine Baustellen liegen und mit welchem Umfeld er in diese WM-Mission steigt. Vor allem aber zeigte er, welche Wirkung gezielte Unterstützung haben kann. Der Überraschungsbesuch von Andreas Stocker war nicht bloss ein netter Termin mit Übergabecharakter, sondern ein starkes Zeichen aus der Branche an einen jungen Mann, der die Schweiz im September auf höchstem Niveau vertreten will. Oder etwas weniger feierlich gesagt: Wenn einer schon an die Berufs-WM reist, dann bitte nicht mit stumpfem Werkzeug.