Von Dennis Schneider (Text)
Die Zukunft übt bei Porsche neuerdings Vergangenheit. Der elektrische Taycan erhält simulierte Gangwechsel, einen virtuellen Drehzahlmesser und künstlich inszenierte Schaltimpulse. Während er damit versucht, sich wie ein klassischer Sportwagen anzufühlen, macht der 911 einfach weiter wie bisher – und wird dabei erfolgreicher und teurer.
Eine Untersuchung des amerikanischen Fahrzeugportals «iSeeCars» liefert dafür eine spektakuläre Zahl. Für die Studie wurden die Preise von mehr als 11,4 Millionen Gebrauchtwagen ausgewertet. Demnach kostete ein dreijähriger Porsche 911 im Jahr 2019 durchschnittlich 132 369 Dollar, heute sind es über 230 000 Dollar. Beinahe 100 000 Dollar mehr für ein gebrauchtes Auto. Andere Fahrzeuge verlieren mit dem Alter an Wert, der Elfer scheint es als unverbindliche Empfehlung zu betrachten.
Ganz sauber ist dieser Vergleich allerdings nicht. Die Untersuchung stellt unterschiedliche Generationen und sämtliche Varianten vom Carrera bis zu GT3, Turbo und limitierten Sondermodellen nebeneinander. Zudem sind die Neupreise kräftig gestiegen. Die behaupteten 74 Prozent sind deshalb keine reine Wertsteigerung eines vergleichbaren 911, sondern auch das Ergebnis eines inzwischen deutlich teureren und exklusiveren Modellangebots.
Trotzdem trifft die Studie einen wunden Punkt. Der 911 ist begehrter denn je – ausgerechnet in einer Zeit, in der Porsche Milliarden in die Elektromobilität investiert und seine Strategie bereits wieder korrigieren muss. Besonders deutlich zeigt sich dieser Gegensatz in der Schweiz: 2025 wurden hierzulande und in Liechtenstein 1471 Exemplare des 911 ausgeliefert, so viele wie noch nie. Der vollelektrische Taycan kam im selben Zeitraum auf lediglich 207 Fahrzeuge.
Von einer grundsätzlichen Abneigung gegen elektrische Porsche kann dennoch keine Rede sein. Der elektrische Macan verkaufte sich in der Schweiz mit über 1000 Exemplaren durchaus erfolgreich. Die Kunden akzeptieren den Elektroantrieb also dort, wo Platz, Komfort und Alltagstauglichkeit zählen. Beim emotionalen Aushängeschild der Marke sieht die Sache anders aus: Strom für das SUV offenbar gern, Boxer für den Sportwagen unbedingt.
Genau darin liegt Porsches Problem. Ein Taycan ist schnell, technisch hochentwickelt und je nach Ausführung beinahe absurd leistungsfähig. Doch ein Sportwagen wird nicht allein nach Beschleunigungswerten gekauft. Klang, Mechanik, Tradition und Werterhalt spielen ebenfalls eine Rolle – und in diesen Disziplinen fährt der 911 dem Taycan davon.
Das zeigt sich auch auf dem Occasionsmarkt. Ein Taycan verliert innerhalb weniger Jahre einen beträchtlichen Teil seines ursprünglichen Werts, während der 911 als aussergewöhnlich wertstabil gilt. Elektroautos altern technisch schneller: Mehr Reichweite, kürzere Ladezeiten und neue Batteriegenerationen lassen das Vorgängermodell rasch alt aussehen. Beim 911 kann eine frühere Generation dagegen gerade wegen ihrer vermeintlich überholten Technik begehrenswert werden – weniger Elektronik, Handschaltung oder Saugmotor werden nicht als Rückstand, sondern als Charakter verkauft.
Ob die schleppende Nachfrage nach elektrischen Sportwagen den Preis des 911 direkt nach oben treibt, lässt sich nicht beweisen. Plausibel ist der Zusammenhang dennoch. Je lauter die Branche den Abschied vom Verbrennungsmotor ankündigte, desto stärker dürfte bei manchen Kunden das Gefühl gewachsen sein, sich noch einen klassischen Sportwagen sichern zu müssen. Was bald selten werden könnte, gewinnt an Reiz – und der Markt versieht diesen Reiz zuverlässig mit einem sechsstelligen Preisschild.
Porsche hat inzwischen reagiert. Verschiedene Verbrenner- und Hybridmodelle sollen länger im Programm bleiben, einzelne Elektroprojekte wurden verschoben. Ein ursprünglich rein elektrisch geplantes grosses SUV soll zunächst als Verbrenner und Plug-in-Hybrid erscheinen. Der Hersteller spricht von veränderten Marktbedingungen; weniger höflich formuliert: Die Kunden haben die elektrische Zukunft nicht in jener Geschwindigkeit bestellt, in der Porsche sie vorgesehen hatte.
Der 911 bleibt damit, was er schon lange ist: das emotionale und inzwischen auch wirtschaftliche Rückgrat der Marke. Der Taycan muss diese Rolle erst noch finden – und bekommt dafür nun künstliche Gangwechsel und einen virtuellen Drehzahlmesser. Vielleicht ist das die treffendste Pointe von Porsches Elektrostrategie: Die Zukunft versucht, sich wie die Vergangenheit anzufühlen. Die Vergangenheit selbst wird derweil immer teurer.