Von Dennis Schneider (Text)
Manche Autos enden im Museum, andere beim Occasionshändler. Shaquille O’Neals Lucid Air hat es vorerst nur auf einen Auktionsplatz für Unfallwagen geschafft. Ausgerechnet jenes Einzelstück, das für den 2,16 Meter grossen Basketballstar massgeschneidert wurde, wartet nun mit zerlegter Front auf einen neuen Besitzer. Prominenz schützt eben nicht vor Kaltverformung.
Gebaut wurde der Wagen 2024 von West Coast Customs. Ausgangspunkt war ein Lucid Air Pure des Modelljahres 2023 mit Allradantrieb und 480 amerikanischen «horsepower», umgerechnet rund 487 PS. Eine durchaus geräumige Elektrolimousine – nur eben nicht geräumig genug für Shaq.
Die kalifornischen Spezialisten machten deshalb kurzen Prozess. Die hinteren Türen verschwanden, dafür entstanden zwei deutlich längere Coupé-Türen. Zusätzlich wurden die Sitzschienen verlängert, damit O’Neal weit genug nach hinten rücken konnte. Heraus kam der wohl einzige zweitürige Lucid Air der Welt.
Natürlich blieb es nicht bei solchen Nebensächlichkeiten wie Platz und Bewegungsfreiheit. Schwarze Räder tragen Shaqs Superman-Logo, und an der Front ersetzte ein «Diesel»-Schriftzug den Namen Lucid. «Diesel» ist einer von O’Neals Spitznamen sowie sein Künstlername als DJ. Ein Diesel-Schriftzug auf einem Elektroauto – subtil war bei West Coast Customs noch nie Teil des Leistungskatalogs.
Die Firma wurde 1993 von Ryan Friedlinghaus gegründet und machte sich mit aufwendigen Einzelanfertigungen für Musiker, Schauspieler und Sportstars einen Namen. Shaq gehörte schon Ende der Neunzigerjahre zu den ersten prominenten Kunden. Weltweit bekannt wurde die Werkstatt ab 2004 durch «Pimp My Ride». In der von Rapper Xzibit moderierten Sendung verwandelte West Coast Customs rostige Alltagsautos in rollende Spielzimmer mit Bildschirmen, Spielkonsolen und gelegentlich mehr Elektronik als Restwert. Zu sehen war das Spektakel auf MTV – und damit auch in Schweizer Wohnzimmern.
Nun folgt die deutlich weniger glamouröse Fortsetzung. Das Einzelstück steht bei Copart in San Bernardino zur Auktion. Der Kilometerzähler zeigt lediglich 2898 Meilen, also rund 4660 Kilometer. Aufgeführt sind ein Front- und Seitenschaden, fehlende Schlüssel sowie ein geschätzter Wert von 59 990 Dollar. Das ist allerdings kein erwarteter Verkaufspreis, sondern lediglich die Bewertung des Fahrzeugs vor beziehungsweise ohne Berücksichtigung des aktuellen Zustands.
Frontschürze und Scheinwerfer fehlen, die Motorhaube ist deformiert, auch Teile der Kühlung haben sichtbar gelitten. Ab der A-Säule wirkt der Lucid dagegen erstaunlich vollständig. Der künftige Besitzer erhält somit ein echtes Einzelstück – und vermutlich eine Ersatzteilrechnung, die ebenfalls das Zeug zum Unikat hat.
Shaq wollte einen Lucid, den sonst niemand besitzt. Dieses Ziel ist weiterhin erreicht. In genau diesem Zustand dürfte der Andrang allerdings überschaubar bleiben.