Von Dennis Schneider (Text)
XTool ist längst in Europa erhältlich. Nun will der chinesische Diagnoseanbieter aber mehr sein als ein günstiger Fund im Onlineshop. Mit einer eigenen Gesellschaft in Paris, neuen Vertriebspartnern und europäischem Support soll aus dem Importgerät ein ernst zu nehmendes Werkstattsystem werden.
Gegründet wurde XTool Tech 2010 in Shenzhen. Das Unternehmen entwickelt Diagnosegeräte für Garagen, freie Werkstätten und Spezialbetriebe. Die Systeme lesen nicht nur Fehlercodes aus, sondern ermöglichen je nach Modell die Diagnose sämtlicher Steuergeräte, aktive Komponententests, Servicefunktionen und Arbeiten an elektrifizierten Fahrzeugen.
Für die Expansion hat XTool Tech 2025 die Gesellschaft XTool Tech Europe in Paris gegründet. Sie soll den Aufbau von Vertrieb, Händlernetz und technischer Unterstützung koordinieren. An der Automechanika Frankfurt vom 8. bis 12. September 2026 will der Hersteller weitere Partner gewinnen und seine Geräte vorführen.
Ein Beispiel ist das auf dem Pressebild gezeigte XTool E2S. Das 10,1-Zoll-Tablet wurde für die Diagnose von Elektroautos, Plug-in-Hybriden und Fahrzeugen mit Range Extender entwickelt, kann laut Hersteller aber auch an konventionell angetriebenen Modellen eingesetzt werden. Es bietet die Diagnose sämtlicher Fahrzeugsysteme, Batterieprüfung, Hochvoltanalyse und Arbeiten am Batterie-Management-System.
Hinzu kommen mehr als 40 Servicefunktionen sowie die Unterstützung moderner Kommunikationsprotokolle wie CAN FD und DoIP. CAN FD ist eine schnellere Weiterentwicklung des im Fahrzeug verbreiteten CAN-Datenbusses und kann grössere Datenmengen zwischen den Steuergeräten übertragen. DoIP steht für «Diagnostics over Internet Protocol» und ermöglicht die Fahrzeugdiagnose über eine schnelle Ethernet-Verbindung. Das beschleunigt umfangreiche Systemscans, Softwareübertragungen und Arbeiten an modernen Steuergeräten.
Gerade für kleinere Betriebe kann eine solche Kombination interessant sein. Wer mit einem Gerät sowohl klassische Fahrzeugdiagnosen als auch Arbeiten an Elektro- und Hybridfahrzeugen erledigen kann, benötigt weniger separate Systeme. Zudem müssen weniger Diagnosearbeiten an Markenvertretungen oder externe Spezialisten weitergegeben werden. Das spart Zeit, reduziert Fremdkosten und hält zusätzliche Arbeiten im eigenen Betrieb.
Preislich ist allerdings Vorsicht angebracht. Im europäischen Onlineshop werden professionelle XTool-Geräte je nach Modell derzeit für ungefähr 1000 Euro angeboten. So liegen der D9S Pro bei rund 965 Euro und der IP919 Pro bei rund 1091 Euro. Diese Beträge sind lediglich Anhaltspunkte. Es handelt sich weder um Schweizer Listenpreise noch um komplette Werkstattpakete mit Schulung, Garantieabwicklung, Ersatzgerät und lokalem Support.
Wie XTool seine Produkte in der Schweiz positionieren wird, ist deshalb offen. Einen öffentlich genannten offiziellen Schweizer Vertriebspartner gibt es bislang nicht. Importangebote und Marktplatzpreise lassen sich nicht eins zu eins auf einen späteren Fachvertrieb übertragen. Mehrwertsteuer, Logistik, Händlermarge, Schulung und Kundendienst können aus einem vermeintlichen Schnäppchen rasch ein deutlich anderes Angebot machen.
Ohnehin entscheidet bei einem Diagnosesystem nicht allein der Kaufpreis. Wichtig sind die tatsächliche Fahrzeugabdeckung, die Verfügbarkeit einzelner Funktionen, der Zugang zu geschützten Steuergeräten sowie die Kosten späterer Softwareupdates. Ein Gerät, das bei den häufigsten Kundenfahrzeugen an seine Grenzen stösst, ist auch für 1000 Euro noch zu teuer.
Genau hier muss XTool seine Europaoffensive beweisen. Bosch, Texa, Hella Gutmann, Actia und Delphi verkaufen längst nicht mehr nur Hardware. Sie bieten technische Unterstützung, Ferndiagnose und Zugänge zu Herstellerportalen. Auch chinesische Konkurrenten wie Autel und Topdon verfügen bereits über etablierte Strukturen.
XTool bringt interessante Technik und ein potenziell attraktives Preisniveau mit. Für kleinere Schweizer Betriebe könnte daraus eine günstigere Einstiegsmöglichkeit in die moderne Fahrzeug- und Hochvoltdiagnose entstehen. Ob daraus tatsächlich eine Ersparnis wird, entscheidet sich jedoch nicht auf dem Preisschild. Entscheidend ist, wer ans Telefon geht, wenn das Tablet schweigt und das Kundenfahrzeug die Hebebühne blockiert.