Von Dennis Schneider (Text)
Ein VW Bus ohne Lenkrad und Rückspiegel, dafür mit Stahlrädern und der Lizenz zum Rumpeln: Was heute wie ein Stammtisch-Gag klingt, war bei der Deutschen Bundesbahn in den 1950ern schlicht eine clevere Abkürzung. Man brauchte kompakte Dienstfahrzeuge fürs Gleis, schnell und robust. Also nahm man den Bulli, der ohnehin als Allzweck-Werkzeug galt, und setzte ihn dorthin, wo er eigentlich nicht hingehört – auf die Schiene.
1954 wird aus dieser Idee ein Projekt, ein Jahr später rollt der Klv 20 (Kleinwagen mit Verbrennungsmotor) als T1-Draisine in den Dienst. Zwei Firmen übernehmen den Umbau: Martin Beilhack aus Rosenheim sowie die Waggon- und Maschinenbau GmbH Donauwörth. Am Ende bleibt es bei 30 Exemplaren – eine Kleinserie, wie sie nur entstehen kann, wenn der Zweck wichtiger ist als der Mythos. Genau deshalb ist jeder überlebende Schienen-Bulli heute ein Ereignis.
Der Aufbau ist eine saubere Mischung aus Seriennähe und Spezialtechnik. Die Carrosserie stammt vom VW T1 Kombi, sitzt aber nicht einfach auf Rädern, sondern auf einem zusätzlichen geschweissten Hauptrahmen und einem Schienenfahrgestell. Unterwegs ist das Fahrzeug mit einem 28 PS starken Volkswagen Benzin-Boxermotor in Industrieausführung, gekoppelt an ein mechanisches Viergang-Getriebe. Keine Showwerte, aber ausreichend, um Mannschaft und Material dorthin zu bringen, wo man auf der Strecke eben hinmuss – auch dann, wenn es nach Arbeit aussieht und nicht nach Ausfahrt.
Das eigentliche Highlight ist ein Detail, das man erst versteht, wenn man Gleise nicht als romantische Kulisse, sondern als Sackgasse kennt: die Hebe-Drehvorrichtung. Statt umständlich zu rangieren oder rückwärts zu zirkeln, hebt eine Person den Bulli an, dreht ihn um 180 Grad und setzt ihn wieder ab. Ein Handgriff ersetzt das Wenden auf engstem Raum – und macht aus dem Transporter ein erstaunlich effizientes Wartungsgerät.
Damit der Bulli im Bahnbetrieb nicht wie ein fehlgeleitetes Strassenfahrzeug wirkt, bekommt er die vorgeschriebenen Signalleuchten für Nebenfahrzeuge: vorne zwei weisse, hinten eine rote. Innen bleibt er variabel. Bis zu acht Personen passen hinein, und wenn statt Menschen Ladegut gefragt ist, lassen sich die Sitzbänke im Fahrgastraum leicht entfernen. Der Klv 20 ist damit nicht nur ein Kuriosum, sondern konsequent als Arbeitsmittel gedacht: flexibel, einfach, diensttauglich.
Ein besonders rares, restauriertes Exemplar von 1955 trägt die Fahrzeugnummer 20-5011 und gehört heute zur Sammlung von Volkswagen Nutzfahrzeuge Oldtimer in Hannover. Seine Laufbahn beginnt in Bayern im Bahnbetriebswerk Plattling, später wechselt er zur Signalmeisterei – also dorthin, wo man Fahrzeuge braucht, die näher an der Strecke sind als an der Garage. Nach der Ausmusterung der Baureihe in den 1970ern landet der Schienen-Bulli in der Pfalz, ehe sich 1988 ein Eisenbahn-Sammler aus Hessen des Fahrzeugs annimmt. Heute ist er wieder dort, wo er hingehört: in professioneller Obhut, fahrbereit und nicht nur «schön gemacht», sondern wieder ernsthaft nutzbar.
Wie das klingt und wirkt, zeigt die erste Fahrt nach der Restaurierung auf der Draisinenstrecke in Lengenfeld unterm Stein. Der T1 rollt durch Tunnel, rumpelt über das Lengenfelder Viadukt – 24 Meter hoch – und sammelt dabei 32 Kilometer Strecke. Tobias Twele von Volkswagen Nutzfahrzeuge Oldtimer beschreibt den Moment als «sehr emotional», besonders die Überfahrt übers Viadukt. Man kann das auch nüchterner formulieren: Es gibt wenige Oldtimer, die gleichzeitig Zeitzeugnis und Werkzeug sind – und hier kommt noch das Geräusch dazu, dieses gleichmässige Schienen-Rumpeln, das jeden Meter anders klingen lässt als auf Asphalt.
Am Ende bleibt die Pointe dieser Konstruktion geradezu unspektakulär: Der Bulli konnte nicht nur Strasse. Er konnte auch Gleis. Und wer ihn aus der Nähe sehen will, bekommt Anfang 2026 die Gelegenheit – die T1-Draisine Klv 20 wird auf der Bremen Classic Motorshow in Bremen gezeigt, vom Freitag, 30. Januar 2026, bis Sonntag, 1. Februar 2026.