Von Heinz Schneider (Text)
Es gibt diese Sonntage, an denen die Zeit ein wenig langsamer läuft. Nicht, weil sie es müsste – sondern weil sie es darf. Der 16. August 2026 dürfte so ein Tag werden. In Disentis/Mustér, wo sonst Wanderer ihre Schritte zählen und Mountainbikes den Takt vorgeben, übernehmen für einmal Kolben, Chrom und Geschichten das Kommando. Der «Oldtimer Treff Surselva» lädt – und wer ein Ohr für mechanische Symphonien hat, wird kaum widerstehen können.
Das Setting passt wie ein gut abgestimmter Vergaser: Das Catrina Resort an der Via Acletta, flankiert von der neuen Parkanlage der Bergbahnen, bietet mit seinem grosszügigen Oberdeck, den rund 450 Parkplätzen und dem Innenhof samt Gastronomie jene Bühne, die klassische Fahrzeuge verdienen. Keine sterile Messehalle, sondern frische Bergluft, das leise Echo der Alpen – und mittendrin Maschinen, die noch Charakter zeigen dürfen, ohne von Assistenzsystemen bevormundet zu werden.
Der Anlass ist bewusst markenoffen gehalten. Eine Entscheidung, die man nicht hoch genug einschätzen kann. Denn hier trifft möglicherweise ein britischer Roadster mit leichtem Ölfilm auf einen charmanten französischen Youngtimer, während daneben ein Traktor aus vergangenen Tagen stoisch seine Patina präsentiert. Zugelassen ist, was vor dem Jahr 2000 das Licht der Welt erblickt hat – eine Zeit, in der Airbags zwar schon Einzug hielten, aber die Handschrift der Ingenieure noch deutlich spürbar blieb. Dass auch Youngtimer ihren Platz finden, ist mehr als ein Zugeständnis: Es ist ein Blick in die Zukunft des Klassischen.
Um 09:00 Uhr rollen die ersten Fahrzeuge auf das Gelände. Wer früh kommt, erlebt diesen besonderen Moment, wenn Motoren noch leicht verschlafen klingen und der Duft von Kaffee und frischen Gipfeli durch die Morgenluft zieht. Später übernimmt die Festwirtschaft mit Grill und Pizza. Und irgendwo dazwischen ein Glace-Wagen, der daran erinnert, dass ein solcher Tag auch ein Fest für die einfachen Freuden ist.
Eingeladen ist in diesem Jahr der Club «FaBaM» – Freunde alten Blechs aller Marken. Ein Name, der so wunderbar unprätentiös ist wie die Szene selbst. Hier geht es nicht um Status, sondern um Substanz. Um Schrauberhände, die Geschichten erzählen könnten, wenn man ihnen zuhört.
Ein Höhepunkt dürfte die Taxifahrt am Nachmittag werden. Um 14:30 Uhr starten Oldtimer Richtung Sedrun/Dieni und zurück – eine kleine Zeitreise auf vier Rädern, bei der nicht die Geschwindigkeit zählt, sondern das Gefühl. Wer einmal in einem alten Wagen über Bündner Strassen geglitten ist, weiss: Moderne Autos können vieles besser. Aber nur wenige können so viel erzählen.
Dass der Anlass bereits um 15:00 Uhr ausklingt, passt ins Bild. Kein überdehntes Programm, kein künstliches Aufblähen – sondern ein bewusst gesetzter Schlusspunkt, der Raum lässt für die individuelle Heimreise. Vielleicht über einen Pass, vielleicht mit einem kleinen Umweg. Oldtimer-Fahrer kennen das.
Der Eintritt von zehn Franken pro Fahrzeug ist dabei weniger Gebühr als vielmehr ein Beitrag zur Erhaltung einer Idee. Denn hinter dem «Oldtimer Treff Surselva» steht keine Eventagentur, sondern eine kleine Gruppe Enthusiasten. Menschen, die nicht nur das Automobil als Kulturgut verstehen, sondern auch die Region Surselva als Bühne dafür begreifen. Es geht um mehr als Blech und Benzin. Es geht um Erinnerung, um Handwerk – und um die leise Hoffnung, dass auch kommende Generationen noch wissen, wie sich ein mechanischer Gaszug anfühlt.
Oder, um es etwas salopp zu sagen: Wer hierherkommt, reist nicht nur nach Disentis. Sondern ein Stück zurück in eine Zeit, in der Autofahren noch eine Tätigkeit war – und kein Zustand.