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    Passion auf Passstrassen: 70 Dinos auf Alpenfahrt durchs Engadin

Von Heinz Schneider (Text) und Alberto Zeni (Fotos)

Silvaplana hat schon vieles gesehen. Windsurfer, die sich vom Maloja-Wind über den See prügeln lassen. Velofahrer mit Leidensmiene am Julier. Touristen, die vor Bergkulisse den perfekten Cappuccino fotografieren. Doch wenn 70 klassische Dino durch das Oberengadin rollen, bekommt selbst dieser selbstbewusste Flecken Erde kurz einen anderen Pulsschlag. Einen mit sechs Zylindern, quer eingebautem Temperament und italienischem Akzent.

Vom 18. bis 21. Juni 2026 wurde Silvaplana zum vierten Mal Schauplatz vom «Ferrari Dino Meeting». Teilnehmende aus acht Ländern reisten an, darunter Gäste aus ganz Europa, den USA und Kanada. Sie kamen nicht einfach, um Autos abzustellen und Hauben zu öffnen. Sie kamen, um zu fahren. Denn ein Dino gehört nicht unter Neonlicht und Staubschutz, sondern auf Strassen, die Kurven können. Und davon hat das Engadin bekanntlich ein paar im Angebot.

Der Dino war stets mehr als nur der «kleine Ferrari». Er war Ferraris eleganter Seitenblick auf die Zukunft: kompakter, leichter, mit V6-Motor und einer Linienführung, die auch heute noch wirkt, als hätte Pininfarina den Bleistift nie abgesetzt. Kein Muskelprotz, kein roter Schreihals, sondern ein Auto mit Haltung. Wer ihn versteht, weiss: Hier geht es um Balance, um Leichtigkeit, um jenes mechanische Feingefühl, das moderne Fahrprogramme höchstens simulieren können.

Der Auftakt am Donnerstagabend hatte denn auch etwas von einem Familientreffen. Man begrüsste sich, tauschte Geschichten aus, prüfte beiläufig Lacktiefen, Felgen, Spaltmasse und Vergaserlaunen. Bei solchen Anlässen wird nicht Small Talk betrieben, sondern Feinmechanik in Gesprächsform. Hier geht es um Originalfarben, frühe Produktionsdetails.

Am Freitag wurde es ernst, wobei «ernst» bei einer Kolonne klassischer Dino ein relativer Begriff ist. Die Route führte nach Zernez, weiter durch den einspurigen Tunnel Munt La Schera nach Livigno und zurück über Galerien, die Fuorcla di Livigno und den Berninapass nach Silvaplana. Das ist keine Spazierfahrt, sondern ein fein kuratiertes Alpenmenü: enge Passagen, weite Blicke, harte Steigungen, schnelle Wechsel zwischen Licht und Schatten.

Am Abend zeigte sich das Treffen von seiner öffentlichen Seite. Auf der Plazza dal Güglia wurden die über 50-jährigen Klassiker beim Concours d’Elegance präsentiert, bei freiem Eintritt und mit italienischer Musik als passender Tonspur. Das Publikum bekam Autos zu sehen, die selbst im Stand Bewegung ausstrahlen.

Der Samstag setzte noch einen drauf. Start beim Schloss Crap da Sass in Surlej, dann über den Julierpass nach Thusis, durch die Viamalaschlucht und über den Splügenpass bis nach Chiavenna. Wer diese Strecke kennt, weiss: Sie ist ein Geschenk an jedes gute Fahrwerk und eine Prüfung für jeden Kühler. Der Splügen ist kein boulevardesker Showpass, sondern eine alpine Charakterfrage aus Kehren, Mauern und Höhenmetern. Genau dort zeigt sich, warum der Dino bis heute verehrt wird. Er ist kein Auto, das Berge niederbrüllt. Er tanzt sie hinauf.

Nach einer Kaffeepause im frisch renovierten Hotel Bodenhaus führte die Reise weiter Richtung Süden, bis zum Grandhotel Menaggio am Comersee. Dort bekam die Szenerie einen anderen Ton: weniger Hochalpen, mehr Seepromenade, mehr Gelassenheit, mehr italienisches Licht. Mit einer Extrafähre setzte die Gruppe nach Varenna über. Zurück ins Engadin ging es über den Malojapass.

Am Samstagabend folgte in der «Ferrari Dino Hall» die Ehrung der von der Jury ausgezeichneten Fahrzeuge samt Besitzern. Der Sonntag brachte schliesslich den leisen Ausklang. Von St. Moritz Dorf führte die letzte Ausfahrt via Celerina und Samedan nach Punt Muragl. Danach ging es mit der Standseilbahn hinauf auf Muottas Muragl. Oben warteten Alphornklänge und jener Blick über die Oberengadiner Seenlandschaft, der sogar Menschen kurz sprachlos machen kann, die sonst über Nockenwellen, Vergaser und Fahrgestellnummern in epischer Länge referieren. Es war ein würdiger Abschluss für ein Treffen, das viel mehr war als eine Ansammlung schöner Fahrzeuge.