Von Heinz Schneider (Text)

Am 12. September 2026 wird Kemptthal zur Pilgerstätte für jene, die bei einem einzigen Buchstaben und einer Ziffer leicht erhöhten Puls bekommen: M3. BMW Schweiz lädt zum Classic Event ins «The Valley» – und im Mittelpunkt steht, wie könnte es im Jahr 2026 anders sein, einer der grossen Namen der Münchner Hausgeschichte.

Vierzig Jahre M3. Vierzig Jahre breite Backen, hoher Leerlaufpuls und diese Mischung aus Ingenieursdisziplin und jugendlichem Übermut. Was 1986 als Homologationsmodell für den Motorsport begann, ist längst zur automobilen Messlatte geworden. Der E30 M3 war nie einfach ein schneller Dreier mit Spoilerwerk. Er war ein Rennwagen mit Nummernschild, kantiger Haltung und wenig Interesse daran, Everybody’s Darling zu sein.

Der erste M3 entstand aus einer klaren Aufgabe: Auf der Rundstrecke gewinnen. Punkt. Kein Lifestyle-Geflüster, kein Premium-Gewäsch, keine Marketing-Gymnastik mit Nebelmaschine. Die Carrosserie wurde verbreitert, die Aerodynamik geschärft, unter der Haube arbeitete der hochdrehende Vierzylinder S14. Der E30 M3 war kompakt, direkt und so ehrlich, dass man ihn heute fast schon für unhöflich halten könnte.

Danach wurde der M3 erwachsen, ohne je ganz brav zu werden. Der E36 brachte mehr Alltag und mehr Sechszylinder-Seide, der E46 wurde zur goldenen Mitte aus Klang, Balance und Sammler-Fieber, der E9x legte mit V8 und Drehzahlorgie eine Oper in den Motorraum. Der F80 brachte Turbo-Wucht und neue Schärfe, der aktuelle G80 trägt die Niere mit dem Selbstbewusstsein eines Mannes, der bei der Diner-Party viel zu breit und laut lacht – aber auf der Passstrasse dann eben doch alle zum Schweigen bringt.

Dass BMW Schweiz den Geburtstag in Kemptthal feiert, passt erstaunlich gut. Wo einst Industriegeschichte geschrieben wurde, treffen heute Manufaktur, Maschinenliebe und Mobilität aufeinander. Für einen Classic Event ist das Gelände naheliegend: Backstein, Patina, Schrauberromantik – und mittendrin Autos, die aus einer Zeit stammen, in der ein Spoiler noch nicht «Designstatement», sondern Arbeitskleidung war.

Der Tagesablauf klingt bodenständig. Am Morgen treffen die klassischen BMW ein, dann folgen «Wheels & Weisswürscht», Ausstellung, Essensstände und Rahmenprogramm. Also alles, was ein guter Samstag braucht.

Der M3 ist deshalb so stark, weil er sich nie auf eine einzige Rolle festnageln liess. Er war Tourenwagen, Statussymbol, Kurvenwerkzeug, Familienlimo mit schlechtem Einfluss, Sammlerobjekt und Posterheld. Jede Generation hat ihre Fraktion. Die einen schwören auf den E30, weil er der Ursprung ist. Andere auf den E46, weil er klingt, als hätte jemand Mechanik in Musik übersetzt. Wieder andere verteidigen den aktuellen M3, weil Fortschritt eben manchmal aussieht, als hätte er Streit mit dem Designbeirat gehabt.

In Kemptthal dürfte diese Debatte neu aufleben – freundlich, fachkundig und mit jenem leichten Ernst, den nur Menschen entwickeln, die Farbcode, Felgendurchmesser und Differentialsperre für legitime Gesprächsthemen halten. Genau darin liegt der Reiz. Der M3 ist kein Museumsstück, das man ehrfürchtig umrunden muss. Er ist ein Auto, über das man diskutiert, streitet, schwärmt – und das man am liebsten fahren möchte.

Am 12. September 2026 bekommt diese Leidenschaft eine Bühne. Wer seinen eigenen BMW ausstellen will, kann sein mindestens 20 Jahre junges Modell mitbringen. Zudem soll es eine Vorschau auf den kommenden vollelektrischen M3 geben. Inwieweit das bei den in der Wolle gefärbten Fans des klassischen «M» für Begeisterung sorgen wird, lassen wir jetzt mal offen.