Von Dennis Schneider (Text)
Man nehme eine der flachsten und eigenwilligsten Luxuslimousinen ihrer Zeit, ziehe ihr ein beinahe drei Meter langes Dach über den Rücken und nenne das Ergebnis Shooting Brake. Genau so entstand in der Schweiz einer der aussergewöhnlichsten Aston Martin überhaupt. Nun kommt das Einzelstück in Zürich unter den Hammer.
Die Basis ist ein Aston Martin Lagonda Series 3 von 1987. Gebaut wurde er im englischen Newport Pagnell, erstmals zugelassen jedoch am 27. März 1987 in der Schweiz. Laut Auktionshaus gehört er zu lediglich 76 Exemplaren der dritten Serie. Schon die Limousine war kein Auto für Menschen, die gern unauffällig zum Golfplatz fuhren: 5,28 Meter lang, nur 1,30 Meter hoch und gezeichnet wie ein fahrendes Geodreieck.
1996 kam der Lagonda zu Roos Engineering. Ein Kunde wollte aus der viertürigen Limousine einen Kombi machen – allerdings keinen gewöhnlichen. Die radikale Keilform von William Towns sollte erhalten bleiben. Mehr Laderaum, aber bitte ohne optischen Schrebergarten am Heck. Wirklich? Genau das war der Auftrag.
Beat Roos erinnerte sich später an die «ungläubigen Gesichter» seiner Mitarbeiter, als er ihnen die ersten Skizzen zeigte. Die Entwürfe entstanden teilweise am Wochenende, weil der Betrieb mit Restaurationen und Reparaturen bereits ausgelastet war.
Hinter Roos Engineering stand ein bemerkenswerter Schweizer Spezialbetrieb. Beat Roos hatte 1975 in Wabern bei Bern den Einmannbetrieb Automobile Roos gegründet. Bereits 1977 wurde eine Carrosseriewerkstatt angegliedert. Sie war keine eigenständige Firma, sondern ein fester Teil des Unternehmens, das sich zunehmend auf Aston Martin und Lagonda spezialisierte. Daraus entwickelte sich Roos Engineering – eine Kombination aus Restaurationsbetrieb, Motorenwerkstatt und kleiner Fahrzeugmanufaktur, die mehrere Aston Martin Shooting Brakes in Handarbeit aufbaute. Seit 2018 lebt dieses technische Erbe unter dem Dach der Emil Frey Classics AG in Safenwil weiter.
Bei der Formgebung arbeitete Roos offenbar eng mit Rudolf Hess zusammen. Ein älteres, ausführliches Verkaufsdossier nennt ihn ausdrücklich als «Carrosseiekünstler» und Mitgestalter des Umbaus. Eine eigene Firma unter seinem Namen ist nicht belegt; nach heutigem Quellenstand war Hess Teil oder enger Projektpartner der Roos-Carrosseriewerkstatt. Rund 4000 Arbeitsstunden sollen in den Umbau geflossen sein. Besonders die trapezförmige Heckklappe verlangte Präzisionsarbeit: Sie öffnet mit minimalem Abstand an den Seitenpfosten vorbei.
Das Projekt wurde nach Angaben des heutigen Auktionskatalogs von Aston Martin genehmigt und mit Werksteilen unterstützt. Ein Werks-Shooting-Brake wurde der Wagen dadurch allerdings nicht. Idee, Konstruktion und handwerkliche Umsetzung stammen aus der Schweiz. England lieferte den Keil, die Schweiz erfand das Heck.
Die grösste Einschränkung war nicht das Design, sondern die Zulassung. Damit die ursprünglichen Fahrzeugpapiere erhalten blieben und keine vollständige Neuhomologation nötig wurde, durfte der Umbau die Gesamtlänge der Limousine nicht verändern. Auch Chassis, Radstand, Spur, Bremsen und tragende Struktur blieben laut Beat Roos unangetastet.
Also verlängerte das Team nicht das Auto, sondern das Dach. Die fast drei Meter lange Aluminiumfläche läuft bis zu einem abrupt abgeschnittenen Heck. Spezialglas schliesst die neue Karosserie ab. Mit vier Seitentüren ist der Wagen streng genommen eher ein luxuriöser Kombi als ein klassischer zweitüriger Shooting Brake. Aber «Lagonda Kombi» hätte vermutlich selbst bei Roos zu vernünftig geklungen.
Roos Engineering beliess es nicht bei neuem Blech und etwas Teppich im Kofferraum. Der 5,3-Liter-V8 wurde vollständig zerlegt und mit neuen Teilen aufgebaut. Die ursprüngliche Dreigangautomatik wich einer modernisierten Vierstufenautomatik mit Overdrive. Auch Motorsteuerung und Elektrik wurden erneuert – bei einem Lagonda jener Jahre ungefähr so nebensächlich wie eine neue Verkabelung in einem alten Kernkraftwerk.
Für die höhere mögliche Zuladung entstanden spezielle hintere Stossdämpfer. Die Verglasung wurde nach den geltenden Zulassungsvorgaben massgefertigt. Im Innenraum treffen graues Connolly-Leder, Alcantara und eigens angefertigte Teppiche aufeinander; die Verkleidung zieht sich bis in den Laderaum.
Selbst an den Betrieb mit geöffneter Heckklappe wurde gedacht. Zusätzliche Rück- und Bremsleuchten in der Stossstange halten den Wagen sichtbar. Ein Sicherheitssystem soll verhindern, dass Abgase in den Innenraum gelangen. Das ist Schweizer Carrosseriebau in Reinform: Erst wird die verrückte Idee verwirklicht, danach löst man auch noch jene Probleme, an die vernünftige Menschen gar nie gedacht hätten.
Im Jahr 2000 war der Umbau fertig. Das Auto trägt den Übernamen «Lilly», benannt nach der Tochter des damaligen Auftraggebers. Zum Angebot gehören eine digitale Kopie des ursprünglichen Aston-Martin-Baublatts, Rechnungen des Umbaus, ein ausführliches Baubuch und ein FIVA-Fahrzeugpass.
Damit stellt der Wagen eine interessante Frage: Wann wird ein Umbau selbst zum Klassiker? Bei «Lilly» fällt die Antwort leicht. Die Arbeiten sind dokumentiert, die Erbauer sind bekannt, Aston Martin war eingebunden, und ein zweites Exemplar in genau dieser Form existiert nicht. Original ist hier nicht mehr nur das, was 1987 das Werk verliess. Original ist auch das, was zwischen 1996 und 2000 in der Schweiz daraus entstand.
Ganz neu ist der Auftritt auf dem Auktionsparkett allerdings nicht. 2016 wurde dasselbe Chassis bei der Aston Martin Works Sale von Bonhams mit einer Schätzung von 200 000 bis 250 000 Pfund angeboten, fand damals aber keinen Käufer.
Nun folgt der nächste Versuch. Broad Arrow Auctions versteigert den Lagonda am 7. November 2026 in Zürich ohne Mindestpreis. Die Schätzung liegt bei 250 000 bis 350 000 Franken. Ein Verkaufsergebnis gibt es selbstverständlich noch nicht; wer heute bereits einen Zuschlag vermeldet, ist schneller als der Auktionator.
Der Lagonda war schon als Limousine ein Auto aus einer Zukunft, die sich nie ganz an die Gegenwart hielt. Als Schweizer Shooting Brake ist er endgültig ausserhalb jeder Norm angekommen. England baute die Ikone. Die Schweiz machte sie einmalig. Am 7. November zeigt sich, was der Markt für so viel kontrollierte Unvernunft bezahlt.