Von Heinz Schneider (Text)

Es ist ja nicht so, dass die Schweiz nie versucht hätte, der automobilen Welt ihren Stempel aufzudrücken. Man denke an Peter Monteverdi aus Basel, an noble Gran Turismo mit internationalem Anspruch – oder, einige Nummern kleiner und sehr viel eigenwilliger, an den Belcar aus Wollerau. Ein Auto, das schon deshalb Sympathien verdient, weil es aussieht, als hätte jemand beschlossen, aus wenig Material möglichst viel Mobilität zu machen.

Gebaut wurde der dreirädrige Dreisitzer zwischen 1955 und 1957 von der Firma «Grünhut & Co». Und zwar nicht etwa in einer grossen Fabrikhalle mit rauchenden Kaminen, sondern im Untergeschoss des Verenahofs in Wollerau (SZ). Schweizer Autoindustrie im besten Sinne also: überschaubar, erfinderisch und improvisiert. Wie viele Belcar entstanden sind, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Die Quellen sprechen von sieben bis zehn Exemplaren. Sicher ist nur eines: Heute existiert noch genau ein Belcar.

Und der ist nach vielen Besitzerwechseln und sogar Reisen über den Atlantik wieder dort gelandet, wo alles begann: in Wollerau. Genauer gesagt im Eingangsbereich der Gemeindeverwaltung. Dort kann er bestaunt werden. Andere Gemeinden stellen eine Sitzgruppe in den Empfang. Wollerau hat einen Belcar. Das hat Stil. Zu verdanken ist das dem bisherigen Besitzer. Er brachte die Idee bei der Gemeinde ins Spiel, wo man den historischen Wert des Minis schnell erkannte. Und so wurde aus einem Sammlerauto ein öffentlich sichtbares Stück Dorfgeschichte.

Begonnen hat alles 1954. Damals interessierte sich Grünhut für den Lizenzbau vom Brütsch 200, ein offener dreirädriger Kleinstwagen mit Kunststoff-Carrosserie. Doch die Sache entwickelte sich anders als geplant. Nach vielen Irrungen und Wirrungen beschlossen Grünhut und sein Geschäftspartner Gelles schliesslich, eigene technische Wege zu gehen. Und so entstand der Belcar, 3,40 Meter kurz und 1,56 Meter breit.

Für die Carrosserie wurde unter anderem mit Unterstützung von BASF eine eigene Konstruktion entwickelt. Sie bestand aus zwei Kunststoffschalen, darunter sass ein Gitterrohrrahmen. Als Antrieb dient ein luftgekühlter Zweitakt-Einzylinder (191 ccm, 10,2 PS) von Fichtel & Sachs. Das sind Leistungswerte, die heute gerademal reichen, um einen elektrisch verstellbaren Sitz mit Selbstbewusstsein zu bewegen. Beim Belcar genügte das für 85 km/h Spitze. Und weil er nur 350 Kilo wiegt, fühlte sich die Geschwindigkeit damals durchaus nach ernsthafter Fortbewegung an.

Technisch charmant war die Lösung für den Rückwärtsgang. Einen solchen gab es nämlich nicht im üblichen Sinn. Stattdessen wurde zum Rückwärtsfahren schlicht die Drehrichtung des Motors umgekehrt. Das bedeutete theoretisch: vier Vorwärtsgänge – vier rückwärts.

Preislich lag der Belcar bei 3580 Franken. Damit bewegte er sich im Revier von Messerschmitt, BMW Isetta und Heinkel – jener bunten Welt der Nachkriegs-Minis, in der drei Räder, winzige Motoren und originelle Türkonzepte keineswegs als spleenig galten, sondern als ernsthafte Antwort auf die Frage, wie man Menschen möglichst günstig mobil machte. Ein Fiat 600 oder Renault 4 CV kostete damals 4950 Franken.

Im März 1956 war Premiere am Genfer Autosalon. Ein halbes Jahr später erfolgte die Typenprüfung, und es wurde Material für 50 Fahrzeuge bestellt. Doch dann kam, was bei kleinen Herstellern häufig kommt: das Geld ging aus, bevor die Ideen es taten. Die Finanzierung geriet ins Stocken, dazu kamen Lieferprobleme. Grünhut gab dennoch nicht auf. Er reiste, per Swissair und mit einem Belcar an Bord, nach Los Angeles, um Investoren und Vertriebspartner zu finden. Doch das Geschäft kam nicht zustande, der Traum von einer grösseren Belcar-Produktion war praktisch beendet.

1959 soll eine Frau aus Winterthur das heute noch existierende Modell übernommen und damit 100 000 Kilometer zurückgelegt haben. Auch Servicearbeiten hat sie selbst ausgeführt. Eine Frau, die Ende der Fünfzigerjahre beruflich mit einem Belcar unterwegs war und ihn bei Bedarf gleich selbst reparierte: Eigentlich hätte allein diese Geschichte bereits einen eigenen Film verdient.

Später wechselte das Fahrzeug mit Chassisnummer 1003 mehrfach den Besitzer – und befand sich zeitweise auch im Ausland, bevor es wieder in die Schweiz zurückkehrte. 2016 erfolgte die neuerliche Zulassung für den Strassenverkehr. Dafür waren neue Reifen nötig: beim Fiat 500 wurde man fündig. Auch das passt wunderbar zur Geschichte: Wenn man sieben Jahrzehnte überlebt hat, darf man bei der Schuhwahl durchaus pragmatisch sein.

Leider wurde der Belcar nie zum grossen wirtschaftlichen Erfolg. Aber beinahe 70 Jahre später schafft er etwas, woran selbst manche millionenschwere Automobilentwicklung scheitert: Man bleibt stehen, schaut hin – und beginnt zu lächeln.