Von Heinz Schneider (Text) und Irene Schneider (Fotos)

343 PS, 20 Jahre und ziemlich viel Schweiz. Ein BMW Z4 M Coupé gehört eigentlich auf eine kurvige Passstrasse. Wir schicken den 20-jährigen Sportler trotzdem auf Bildungsreise: zu Lost Places, Häfen, in traditionsreiche Häuser und an einige der schönsten Orte der Schweiz. Eine Tour de Suisse zwischen Fahrfreude, Geschichte und Entdeckerlust – Umwege ausdrücklich erwünscht.

Es geht los, zur ersten Etappe unserer Tour de Suisse ab Surcuolm im Bündner Oberland. Ziel: Rapperswil. Dort wartet allerdings nicht die nächste Passstrasse, sondern ein Hafen. Und ein Schiff. Was für ein BMW Z4 M Coupé vermutlich ungefähr so aufregend klingt wie für einen Bernhardiner ein Termin beim Coiffeur.

Noch aber darf gefahren werden. Und unser Jubilar scheint durchaus einverstanden mit dem Reiseprogramm. Gerade einmal 58 000 Kilometer stehen auf dem Zähler – nicht eben viel für 20 Jahre Autoleben. Die meiste Zeit durfte er eher das gepflegte Freizeitprogramm absolvieren: eine Plauschausfahrt hier, eine Sonntagsrunde dort, ab und zu der Besuch des BMW-M-Treffens. Nun gibt es endlich wieder Kilometer am Stück.

Und zwar mit einem Auto, das heute beinahe schon exotischer wirkt als manches aktuelle Sondermodell. Unser Z4 M Coupé ist im Originalzustand, aus Erstbesitz und damit ein Youngtimer im besten Sinn: jung genug, um ohne morgendliche Befindlichkeitsrunde loszufahren, alt genug, dass man sich nach ihm umdreht. Dazu diese Form. Lange Haube, knackiges Heck, zwei Sitze und keinerlei sichtbares Interesse daran, vierköpfigen Familien das Leben leichter zu machen. Herrlich unvernünftig.

Wir nehmen die A3 Richtung Zürich. Nicht unbedingt jene Strasse, für die BMW seinerzeit 343 PS in ein Sportcoupé gepackt hat, aber auch eine Tour de Suisse braucht schliesslich ihre Verbindungsetappen. Und schon am Walensee gibt es den ersten Grund, den Fahrplan zu Gunsten eines Boxenstopps etwas grosszügiger auszulegen.

Bei Obstalden (GL) steht es noch immer: das ehemalige Restaurant Walensee, ein markanter Betonbau mit Seeblick, längst zur Geister-Raststätte geworden. 1968 als Symbol einer neuen mobilen Zeit erbaut, ist sie heute im desolaten Zustand und selbst ein Stück Verkehrsgeschichte.

2003 war Schluss. Aus dem einst gut besuchten Restaurant wurde ein Pilgerort für Lost-Place-Fans. Fotografiert wurde hier, gefilmt, an die Wände gesprayt und ausgiebig gefeiert – inklusive Lagerfeuer. Wo früher Kaffee, Rahmschnitzel und Schnipo über die Theke gingen, regierte irgendwann jene spezielle Form der Freizeitgestaltung, bei der eine Absperrung oder eine abgeschlossene Tür von vielen Menschen eher als unverbindliche Empfehlung verstanden wird.

Dabei hätte die Geschichte anders weitergehen sollen. 2013 kaufte Heinz Peter Moravcik die Raststätte für 800 000 Franken. Der heute 85-jährige Österreicher hatte grosse Pläne. Nur: Aus ihnen wurde nichts. Die Behörden schickten alles bachab. Vier Jahre später der nächste Knall: 2017 liess das Bundesamt für Strassen (Astra) den Parkplatz aus Sicherheitsgründen schliessen. Der Einspurstreifen sei zu kurz, der Verkehr zu stark. Das Todesurteil für den Ort.

Moravcik verhandelt seit Jahren mit dem Astra über einen Verkauf. Eine Einigung gibt es bislang nicht. Dafür mangelt es rund um die Ruine nicht an Ideen. Und die werden mitunter ziemlich gross gedacht. Einst war von einem Tesla-Supercharger die Rede, inklusive Diner auf dem Dach. Dann wiederum sollte ein edles Kebab-Restaurant entstehen. Aktuell wird folgendes Projekt favorisiert: Ein junger Liechtensteiner möchte daraus einen besonderen Veranstaltungsort machen. Vielleicht mit Anreise per Schiff?

Wie auch immer – wir müssen weiter. Rapperswil wartet. Und dort bekommt unser M eine Aufgabe, die ihm vermutlich weniger behagt als eine schnelle Kurvenfolge. Er muss ins Parkhaus direkt am Hafen. Für einen Tag. Licht aus, Zündung aus, warten. Man möchte ihm fast versprechen, dass wir bald zurück sind. Denn wir wechseln das Verkehrsmittel.

Wir entern die MS Linth. Fortan geht es seeabwärts Richtung Zürich. Und plötzlich verändert sich das Tempo der Reise vollständig. Keine Gangwechsel mehr, kein Sechszylinder, keine nächste Kurve, die schon wieder verdächtig einladend aussieht. Stattdessen Wasser, Ufer, Häuser, Berge und jene Ruhe, die sich automatisch einstellt, wenn ein anderer fährt und man selbst unmöglich geblitzt werden kann.

Die Linth bedient auf dem Weg unter anderem Stäfa, Männedorf, die Halbinsel Au, Horgen und Thalwil. Anlegen, Leinen, Passagiere raus, Passagiere rein, wieder ablegen. Eine Reiseform, die fast ein wenig aus der Zeit gefallen scheint – und gerade deshalb ausgezeichnet zu unserem 20 Jahre alten Coupé passt.

«Unser» Schiff ist ebenfalls kein junges Ding. 1952 wurde es gebaut – 54 Meter lang, 11,6 Meter breit, 276 Tonnen Verdrängung und zugelassen für 850 Passagiere. Motorisch hat sich über die Jahrzehnte einiges getan. Heute sorgen zwei MAN-Motoren mit je 610 PS für Vortrieb.

Besonders lohnt sich beim Anlegen in Stäfa der Blick ans Ufer. Direkt vom Schiff aus sieht man beim Hafen das Restaurant Schützenhaus. Ein Ort mit langer Geschichte: Seit 1912 ist es mit der Familie Beetz verbunden, aktuell in 4. Generation.

Solche Kontinuität ist in der Gastronomie inzwischen fast schon bemerkenswerter als 20 Jahre Erstbesitz bei einem BMW M. Und auch kulinarisch pflegt man im Haus die Tradition. Aushängeschild sind die Eglifilets. Zürichsee, Schiff, Schützenhaus, Egli – manchmal fügt sich eine Reise derart schweizerisch zusammen, dass eigentlich nur noch irgendwo ein Alphorn fehlen würde.

Stäfa verschwindet achteraus, später folgt Männedorf. Der See wird breiter, die Kulisse verändert sich langsam. Es ist diese Art des Reisens, bei der man plötzlich Dinge entdeckt, die aus dem Auto bestenfalls als Ortsname auf einem Schild vorbeiziehen. Häuserfronten am Wasser. Kirchtürme. Gärten. Kleine Häfen. Villen, bei denen man unwillkürlich versucht auszurechnen, wie viele Z4 M Coupés wohl allein der Bootssteg kosten würde.

Nach rund zwei Stunden und zehn Minuten kommt Zürich näher. Die MS Linth zieht hinein Richtung Bürkliplatz, wo unsere kleine Seereise endet. Und genau dort beginnt der nächste Teil unserer Tour de Suisse.

Was wir in Zürich entdecken, lesen Sie in der nächsten Folge.