Redaktion Carwing (Text)
Ein BMW M5 mit einem W10 nach Volkswagen-Rezept. Und ausgerechnet Ferdinand Piëch soll ihn persönlich gefahren haben. Der einstige VW-Chef im Auto der Konkurrenz – mit eigener Technik unter der Haube. Markenloyalität? Offenbar etwas für die Verkaufsabteilung.
Ganz abwegig klingt diese Geschichte bei Piëch nicht. Der Ingenieur und Manager prägte den Porsche 917, Audis quattro und später den Bugatti Veyron. Von 1993 bis 2002 führte er den Volkswagen-Vorstand, danach den Aufsichtsrat. Technische Bescheidenheit gehörte selten zum Programm.
Der schwarze M5 der Baureihe E39, den Broad Arrow jetzt zur Auktion bringt, passt in diese Welt. Nach Darstellung des Auktionshauses sollte ein experimenteller W10 die Möglichkeiten einer Hochleistungslimousine ausloten. Als Versuchsträger diente ausgerechnet jener BMW, an dem sich das Projekt messen wollte. Der serienmässige V8 musste raus.
Der Buchstabe W steht dabei für eine ungewöhnlich kompakte Motorenidee. Das Konzept verbindet zwei schmale VR-Zylindergruppen mit einer gemeinsamen Kurbelwelle. Beim W10 sind es jeweils fünf Zylinder. Volkswagen beschrieb diese Möglichkeit bereits in seinen technischen Schulungsunterlagen zur W-Motorenfamilie.
Im M5 steckt ein Fünfliter-Saugmotor mit Aluminiumblock. Broad Arrow nennt 480 PS und 592 Nm, also 80 PS mehr als beim serienmässigen E39 M5. Die englische Angabe von 473 horsepower meint dieselbe Leistung in einer anderen Einheit. Geschaltet wird weiterhin von Hand, mit sechs Gängen.
Der Umbau reicht allerdings weit über einen Motorentausch hinaus. Ein separates Steuergerät übernimmt die Motorführung; Ansaugung, Zündanlage und Kühlmittel-Ausgleichsbehälter wurden angepasst. Laut Katalog sind ABS, Traktionskontrolle und Stabilitätsregelung deaktiviert. Zehn Zylinder arbeiten. Die elektronischen Aufpasser haben frei.
Die besonders verkaufswirksame Zutat ist Piëchs Name. Broad Arrow schreibt ihm persönliche Fahrten während der Erprobung zu. Nach Angaben des Einlieferers lief das Projekt ausserhalb der offiziellen VW-Entwicklungsabteilung und soll den Konzern annähernd zwei Millionen Euro gekostet haben. Das sind Angaben zur Vorgeschichte, keine öffentlich nachprüfbare Kostenabrechnung.
Bei der viel wiederholten Legende vom BMW fahrenden VW-Chef lohnt sich allerdings ein zweiter Blick. Der US-Journalist James Gilboy veröffentlichte 2025 in «The Autopian» eine abweichende Darstellung. Ein anonymer Informant, der nach eigener Aussage bei der Entwicklungsfirma SWR gearbeitet hatte, beschrieb den M5 als deren internen Versuchsträger. Piëchs Alltagsauto sei vielmehr ein Audi A8 mit W12 gewesen. Gelegentliche Fahrten im BMW schliesst diese Version nicht aus, und unabhängig bestätigt ist sie ebenfalls nicht.
Bemerkenswert bleibt das angebotene Paket ohnehin. Laut Broad Arrow entstanden nur drei W10-Aggregate: eines im M5, eines in Deutschland und eines, das als Ausstellungsstück zum Los gehört. Ein zweiter Motor ist also dabei. Als einsatzbereiter Ersatzmotor ist dieses Exemplar damit noch nicht ausgewiesen.
Auch die Fahrzeugpapiere verdienen Aufmerksamkeit. Der Katalog nennt eine Zulassung in der Slowakei, aber kein Konformitätszertifikat. Die Gesamtlaufleistung ist unbekannt, weil ein Stack-Instrument die serienmässigen Anzeigen ersetzt und keinen Kilometerstand ausweist. Für Schweizer Interessenten gehört die Frage nach einer hiesigen Zulassung deshalb vor das erste Gebot.
Versteigert wird der M5 am 9. Oktober 2026 in Knokke-Heist in Belgien. Broad Arrow schätzt ihn auf 250 000 bis 350 000 Euro; der Zuschlag steht noch aus. Zu kaufen gibt es einen aussergewöhnlichen Versuchsträger mit einer ausgesprochen reizvollen Vorgeschichte. Der zweite Motor ist inklusive. Die offenen Fragen auch.