Von Dennis Schneider (Text)

Wer heute in ein neues Auto steigt, bekommt oft weniger «Bedienung» und mehr «Benutzungserlebnis» – als sässe man nicht am Steuer, sondern vor einem übergrossen Tablet. Was im Stand noch nach moderner Eleganz aussieht, wird in Bewegung schnell zur Rechenaufgabe: Wo war nochmal die Funktion, die man früher blind ertastet hat? Und wie lange kann man es sich leisten, auf einer Glasfläche herumzuwischen, während draussen die Realität weiterfährt?

Die Zeiten, in denen für jede Funktion eine eigene Taste, ein Regler oder ein Hebel bereitstand, sind vorbei. Die Industrie löst das Problem mit immer grösseren Touchscreens, verschachtelten Menüs und einer Bedienlogik, die gern als «intuitiv wie ein Smartphone» verkauft wird. Nur hat ein Smartphone den entscheidenden Vorteil: Man nutzt es idealerweise nicht bei 80 km/h in der Kurve.

Genau hier wird es heikel. Der ADAC hat bereits 2022 in einem Probandentest festgestellt, dass das Suchen und Finden von Funktionen in Digital-Menüs und Untermenüs häufig zu gefährlich langer Ablenkung vom Verkehrsgeschehen führt. Stand heute ist es nicht besser geworden. Der ADAC Autotest, der jährlich die Bedienbarkeit von mehr als 100 Fahrzeugen unter die Lupe nimmt, zeigt die Tendenz: 2019 lag der Mittelwert der Teilnote «Bedienung» noch bei 2,3 («gut»), 2022 bei 2,6 («befriedigend») und 2025 bei 2,7 – inklusive Ausreissern bis 4,0.

Die Gründe sind selten spektakulär, dafür umso wirksamer: zu tief verschachtelte Menüs, verstreute Funktionen, kleine Touchflächen, träge Reaktionen und Spiegelungen auf dem Display. Dazu kommen Softwareupdates «over the air», die über Nacht die mühsam erlernten Bedienpfade verändern – und die Blickzeit auf dem Bildschirm verlängern.

Manchmal wirkt es, als hätten Design und Kosten den Fahrerplatz zum Versuchslabor erklärt. Anders lässt sich kaum erklären, warum es in manchen Autos nicht einmal mehr physische Tasten für die Spiegel- oder Lenkradverstellung gibt. Oder warum berührungsempfindliche Touchflächen aufs Lenkrad wandern, die man eben nicht «blind» trifft. Hände bleiben zwar am Lenkrad, aber die Augen sind weg. Wirklich eine Verbesserung?

Der Widerspruch zeigt sich auch bei den Regeln: Das Smartphone in der Hand ist (zu Recht) verboten, das Bedienen eines fest verbauten Riesenbildschirms dagegen erlaubt – obwohl es funktional oft dasselbe ist. Fast schon kabarettreif wird es, wenn manche – speziell chinesische – Modelle den Fahrer oder die Fahrerin ermahnen, sich bitte auf den Verkehr zu konzentrieren, sobald man «nur» etwas am Auto einstellen will. Beim VW ID.7 oder dem Porsche Taycan etwa, bei Tesla und bei vielen chinesischen Modellen ist selbst das Justieren von Luftauslässen teils nur noch über den Bildschirm möglich.

Dass diese Entwicklung nicht einfach durchgewunken wird, zeigt Euro NCAP. Seit Januar 2026 werden Bedienelemente explizit berücksichtigt: Für die vollen fünf Punkte im Bereich «General Vehicle Controls» müssen sicherheitskritische Funktionen schnell und einfach auffindbar sein – Blinker, Warnblinker, Hupe, Scheibenwischer und eCall gehören dazu – und bei manueller Auslösung auch haptische Rückmeldung geben. Reine Touchlösungen ohne fühlbare Orientierungshilfen werden abgewertet; Touch-Tasten am Lenkrad sollen etwa physisch getrennt oder durch Stege ertastbar sein. Zusätzlich verlangt Euro NCAP eine Fahrerüberwachung, die Ablenkung erkennt und bei einer Blickabwendung von drei bis vier Sekunden warnt, und betrachtet erstmals auch Infotainment- und Klimabedienung.

Der ADAC fordert zudem schärfere Homologationsvorschriften: Sicherheitsrelevante Funktionen wie Licht, Scheibenwischer, Warnblinker und Spiegel sollen über haptische Elemente verfügen, die sich blind bedienen lassen. Von den Herstellern wünscht sich der Club die Rückkehr zu physischen Tasten mit echten Druckpunkten, «entfrachtete» Lenkräder und eine bessere Sprachsteuerung.

Für Konsumenten bleibt bis dahin: kritisch testen, bevor man kauft. Eine «Blind-Probe» bei der Probefahrt hilft – etwa Temperatur ändern oder Radio stumm schalten, ohne den Blick länger als eine Sekunde von der Strasse zu nehmen. Spiegel, Sitzposition und Assistenzsysteme sollten vor dem Losfahren eingestellt sein, und wer einen Sprachassistenten hat, sollte ihn nutzen und trainieren. Denn am Ende gewinnt nicht das Auto mit dem grössten Display – sondern das, das einen beim Fahren in Ruhe lässt.