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    Vom EQS-Traum zur Realität: Mercedes setzt die S-Klasse neu auf

Von Dennis Schneider (Text)

Vor ein paar Jahren war der Plan so hübsch geradeaus, dass er schon wieder verdächtig wirkte: Der EQS als elektrisches Aushängeschild, die Marke auf «Electric only» getrimmt, und ab 2030 sollte das Ganze – «wo die Marktbedingungen es zulassen» – faktisch zur Ansage werden. Heute klingt Mercedes deutlich weniger missionarisch und deutlich pragmatischer: Der Konzern hat seine Elektrifizierungsziele nach hinten geschoben und betont offen die strategische Flexibilität – Verbrenner und Hybride laufen «weit ins nächste Jahrzehnt» weiter, weil die Nachfragekurve eben keine PowerPoint-Folie ist.

Genau hier liegt der Kontext für das Comeback der grossen Motoren in der Luxusliga. Der EQS hat als Technikträger beeindruckt – als Markterfolg dagegen eher die Sorte Prestigeprojekt, die man mit Rabatten, Produktionspausen und dem Hinweis auf «Marktbedingungen» am Leben hält. Mercedes hat in den USA die EQ-Preise für das Modelljahr 2026 teils deutlich gesenkt und die US-Produktion (bis auf Ausnahmen) ab September 2025 gestoppt – ausdrücklich als Reaktion auf schwache Nachfrage. Und im Sommer 2025 ging Mercedes noch einen Schritt weiter und pausierte die Auslieferung der EQ-Modelle in die USA zeitweise wegen steigender Lagerbestände. Wer daraus keine Kurskorrektur herausliest, glaubt vermutlich auch, dass Luxuslimousinen sich durch App-Updates allein verkaufen.

In diesem Licht wirkt die neue S-Klasse weniger wie Nostalgie, sondern wie eine saubere Prioritätensetzung: Das Flaggschiff bleibt Flaggschiff – nur mit breiterem Fundament. Mercedes spricht vom umfassendsten Update innerhalb einer S-Klasse-Generation: mehr als 50 Prozent der Umfänge seien neu entwickelt, überarbeitet oder verfeinert, insgesamt rund 2’700 Komponenten. Dazu kommt das Jubiläumsnarrativ: 140 Jahre nach dem Automobil-Patent von Carl Benz trägt die Limousine das Versprechen «Welcome home» als Markenkern weiter.

Optisch setzt sie stärker auf Präsenz: ein um rund 20 Prozent grösserer, auf Wunsch beleuchteter Grill und – ebenfalls optional – ein leuchtender Stern auf der Motorhaube. Das Lichtthema zieht sich konsequent durch: neue Digital Light-Scheinwerfer im Doppelstern-Design mit Micro-LED-Technik sollen ein deutlich grösseres, hochaufgelöstes Lichtfeld erzeugen, das Ultra Range-Fernlicht reicht laut Werk bis zu 600 Meter. Am Heck zitieren die Rückleuchten die Stern-Signatur gleich dreifach, und beim Einsteigen projiziert ein Lichtprojektor den Marken-Schriftzug auf den Boden – ein kleiner Auftritt, der vor allem nachts genau das tut, was er soll: wirken.

Die grössere Veränderung steckt allerdings im Innern – und in der Software. «MB.OS» ist als neuer Zentralrechner das Betriebssystem hinter allem, von Assistenz über Infotainment bis Fahrfunktionen, inklusive Over-the-Air-Updates über die Mercedes-Cloud. Das «MBUX» Superscreen-Konzept bündelt Zentral- und Beifahrerdisplay unter einer Glasfläche, dazu kommen Zero-Layer-Bedienlogik, ein KI-basierter «Hey Mercedes» -Assistent und eine Navigation auf Basis von Google Maps inklusive 3D-Umfelddarstellung und Augmented-Reality-Hinweisen im Head-up-Display. Wer die S-Klasse als rollendes Wohnzimmer versteht, bekommt hier die moderne Variante: weniger Knöpfe, mehr Kontext, mehr Rechenleistung.

Bei den Assistenzsystemen geht Mercedes auf die nächste Stufe: MB.Drive Assist gehört zur Serienausstattung, MB.Drive Assist Pro erweitert das Paket – inklusive Funktionen, die je nach Markt und Regulierung unterschiedlich freigeschaltet werden. Das «Punkt-zu-Punkt» -Versprechen im dichten Stadtverkehr startet laut Werk zunächst in China, die USA folgen später, andere Märkte erst, wenn es rechtlich erlaubt ist. Kurz: technisch vorbereitet, politisch noch nicht überall bestellt.

Und ja, die S-Klasse bleibt auch mechanisch eine S-Klasse – nur ohne schlechtes Gewissen, es zu zeigen. Die Antriebspalette reicht von elektrifizierten Reihen-Sechszylindern (Benzin und Diesel) über einen V8 bis zum Plug-in-Hybrid mit rund 100 Kilometern elektrischer Reichweite. Beim Fahrwerk gibt’s serienmässig Airmatic oder optional E-Active Body Control, jeweils mit vorausschauender Dämpfung. Dazu Hinterachslenkung: serienmässig 4,5 Grad, optional bis 10 Grad – ein Detail, das im Alltag mehr bringt als jedes Hochglanzversprechen, weil es Wendekreis und Handlichkeit spürbar verbessert.

Im Fond wird aus «Mitfahren» bei Bedarf «Arbeiten»: First-Class-Fond mit vier Sitzen, zwei 33,3-Zentimeter-Displays, abnehmbare Fernbedienungen, und Videokonferenztechnik für Teams, Zoom oder Webex. Dazu Burmester-Soundsysteme bis hin zu 4D mit Dolby Atmos, neue Ablagen und USB-C mit bis zu 100 Watt. Selbst der Sicherheitsgurt wird zum Komfortfeature: beheizbar bis 44 Grad. Ergänzend gibt’s eine neue Luftführung samt ionisierendem Innenraumfilter, der die Luft – unter definierten Bedingungen – etwa alle 90 Sekunden reinigen soll.

Bei der Sicherheit bleibt Mercedes beim klassischen Anspruch, nur mit mehr Rechenleistung: ein weiterentwickeltes Rückhaltesystem, «PRE-Safe-Logiken» und je nach Ausstattung bis zu 15 Airbags, inklusive Lösungen für den Fond wie Beltbags. Wer es maximal diskret, maximal geschützt will, bekommt zudem die Guard 4Matic-Variante: zivile Schutzklasse VR10, Allrad und V12-Biturbo – eine fahrende Festung, die sich als Limousine tarnt und gerade deshalb ihren Zweck erfüllt.

Und dann ist da noch die Individualisierung, die heute fast schon Pflicht ist, wenn man «Flaggschiff» sagt: Manufaktur bietet ein riesiges Farbspektrum, neue Speziallacke und mit «Made to Measure» eine Eins-zu-eins-Beratung samt Visualisierungstool – bis hin zu Kundenwünschen, die erst nach Machbarkeitsprüfung freigegeben werden. Das ist weniger Konfiguration als Kuratierung: teuer, aufwendig, genau richtig für das Publikum.

Bleibt die Frage, die in der Schweiz am Ende immer kommt: Was kostet der Spass? Mercedes-Benz Schweiz hat zur neuen S-Klasse kommuniziert, dass die Schweizer Preise zum Verkaufsstart Anfang Februar 2026 bekanntgegeben werden. Eine öffentlich zugängliche Schweizer Preisliste mit den finalen CHF-Basispreisen der aktualisierten Version lag damit zum Zeitpunkt dieser Information noch nicht vor.

Unterm Strich ist diese S-Klasse weniger «Rolle rückwärts» als «Rolle vorwärts mit allen Optionen»: elektrisch, wenn es passt – und sonst eben wieder mit sechs, acht oder sogar zwölf Zylindern, weil Luxus am Ende nicht von Ideologien lebt, sondern von Kunden, die einfach bestellen.

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