Von Dennis Schneider
Der eine trägt Mamba Green wie eine Warnweste für Eilige. Der andere steht in Race Blau daneben und tut so, als sei er vernünftiger. Dabei ist das schon die erste kleine Pointe dieses Vergleichs: Auch der Skoda Elroq Sportline ist kein braver Basis-Stromer mit Sparprogramm, sondern ein 286 PS starkes Kompakt-SUV mit Allradantrieb. Wer hier von der «schwächeren Version» spricht, jammert auf beachtlichem Niveau.
Und doch ist der Elroq RS sofort der Lautere der beiden. Nicht akustisch, natürlich, dafür sind beide Elektroautos viel zu zivilisiert. Aber optisch, fahrdynamisch und im Auftritt. Der RS will gesehen werden. Schwarze Akzente, RS-spezifische Details, kräftigere Leistung, Mamba Green, dazu auf Wunsch 21-Zoll-Räder: Das ist kein Auto, das zufällig vor dem Café parkiert. Das parkiert dort mit Absicht.
Der Sportline macht es feiner. Er sieht sportlich aus, ohne sich gleich selbst zum Ereignis zu erklären. Die schwarzen Details, die 20-Zoll-Räder, das Suedia-Interieur – also ein samtig wirkender Mikrofaserbezug mit Kunstlederanteilen – und die Progressivlenkung geben ihm genügend Charakter. Diese Lenkung arbeitet je nach Lenkeinschlag direkter und macht das Auto vor allem in Kurven und beim Rangieren handlicher. Der Sportline ist der Elroq für jene, die Dynamik mögen, aber nicht jeden Kreisverkehr als Casting für den nächsten RS-Prospekt verstehen.
Technisch liegen die beiden näher beieinander, als es der Auftritt vermuten lässt. Der gefahrene Elroq Sportline kommt mit 286 PS, Allradantrieb, 82-kWh-Hochvoltbatterie, Wärmepumpe, 13-Zoll-Infotainment, Rückfahrkamera, adaptivem Tempomaten, Side Assist, Front Assist, Kessy Advanced, Travel Assist 2.6, Phonebox mit Wireless Charging und adaptivem DCC-Fahrwerk. DCC steht für Dynamic Chassis Control, also eine adaptive Dämpferregelung: Die Stossdämpfer passen ihre Härte je nach Fahrmodus an, von komfortabler bis straffer. Der Preis des Sportline in dieser Konfiguration: 54 820 Franken, bei einem Basispreis von 48 290 Franken.
Der RS setzt noch einen drauf: 340 PS, ebenfalls Allradantrieb, eine 84-kWh-Batterie, RS Lounge, Matrix-LED-Scheinwerfer, dynamische Blinker, einen elektrischen Fahrersitz mit Memory- und Massagefunktion, Virtual Pedal, spezifische RS-Optik und eine noch etwas komplettiertere Serienausstattung. Matrix-LED bedeutet, dass das Fernlicht einzelne Bereiche ausblenden kann, damit andere Verkehrsteilnehmer weniger geblendet werden. Virtual Pedal ist die berührungslose Öffnung der Heckklappe per Fussbewegung unter dem Heck. In der gefahrenen Ausführung steht der RS mit 56 640 Franken in der Liste, der Einstieg beginnt bei 51 400 Franken. Zwischen den beiden konkret gefahrenen Elroq-Versionen liegen damit gerade einmal 1820 Franken. Das ist im Autokosmos ungefähr der Betrag, den manche Hersteller für ein hübscheres Lenkrad, zwei Ziernähte und ein gutes Gewissen verlangen.
Genau hier wird der RS gefährlich attraktiv. Nicht, weil er objektiv zwingend nötig wäre. Sondern weil der Aufpreis im gefahrenen Vergleich erstaunlich klein ausfällt. Für weniger als 2000 Franken mehr gibt es 54 zusätzliche PS, den stärkeren Auftritt, mehr RS-Ausstattung und das schärfer abgestimmte Fahrwerk. Wer den Sportline ohnehin mit Paketen aufrüstet, steht plötzlich vor einer unangenehm einfachen Frage: Warum nicht gleich den RS?
Auf der Strasse beantwortet der RS diese Frage ziemlich direkt. Der Sprint auf 100 km/h gelingt in 5,4 Sekunden, der Sportline braucht mit 6,6 Sekunden ebenfalls nicht lange, wirkt aber weniger explosiv. Das ist kein Unterschied zwischen langsam und schnell. Es ist der Unterschied zwischen «zügig» und «aha, der meint es ernst». Im Alltag reicht der Sportline völlig. Beim Überholen, beim Herausbeschleunigen aus engen Kurven oder auf einer Passstrasse setzt der RS aber den kräftigeren Akzent.
Noch wichtiger als die nackte Leistung ist das Fahrgefühl. Beim RS verändert sich in den Fahrmodi nicht nur das Ansprechverhalten des Antriebs und die Lenkung. Auch das adaptive Fahrwerk ist Teil des Spiels. Die Dämpfung wird straffer, der Wagen wirkt gespannter, präziser, weniger weichgespült. Skoda spricht beim RS von einem tiefergelegten Sportfahrwerk mit eigener Abstimmung: vorne 15 Millimeter, hinten 10 Millimeter tiefer. Dazu kommt das serienmässige DCC mit RS-spezifischen Einstellungen. Genau deshalb fühlt sich der RS nicht einfach wie ein Sportline mit mehr Leistung an, sondern wie die konzentriertere Version desselben Grundrezepts.
Der Sportline kann ebenfalls DCC. Das ist wichtig, denn damit ist er keineswegs technisch zweitklassig unterwegs. Nur arbeitet das System hier weniger dramatisch. Im Komfort bleibt er angenehm weich, im Sport-Modus verbindlicher, aber nie richtig kantig. Wer auf langen Strecken Ruhe sucht, wer mit Familie fährt, wer schlechte Strassen nicht als Charakterprüfung versteht, wird genau das mögen. Der Sportline federt gelassener, fährt leiser im Ton und bleibt dennoch ausreichend verbindlich. Er muss nichts beweisen. Ein selten angenehmer Charakterzug.
Beim RS ist der Komfort nicht verschwunden, aber er bekommt Konkurrenz von der Haltung. Die straffere Abstimmung passt zum Auto, besonders wenn die Strasse sauber ist und der Fahrer Lust hat. Auf grobem Belag, Querfugen oder innerstädtischen Flickenteppichen spürt man aber eher, dass Skoda hier mehr Spannung ins Auto gebracht hat. Das ist kein Drama, eher ein Hinweis: Wer RS kauft, bekommt nicht nur Mehrleistung, sondern auch mehr Rückmeldung. Und Rückmeldung ist bekanntlich das, was Hersteller sagen, wenn Komfort gerade Pause macht.
Bei der Reichweite dreht sich das Bild leicht zugunsten der Vernunft. Der Sportline mit 286 PS und grosser Batterie ist auf Effizienz und Langstrecke stark aufgestellt. Für den Elroq 85x werden bis zu 562 Kilometer WLTP genannt. WLTP ist das offizielle Messverfahren für Verbrauch und Reichweite, also ein Laborwert mit Alltagsnähe, aber kein Versprechen für jede Autobahnfahrt im Winter. Der RS liegt bei mehr als 540 Kilometern. In der Praxis hängt das wie immer von Temperatur, Tempo, Reifen, Felgen, Topografie und rechter Fussmoral ab. Trotzdem ist klar: Der RS opfert für seine Schärfe keine dramatische Alltagstauglichkeit, aber der Sportline bleibt der etwas entspanntere Langstreckenpartner.
Beim Laden liegen beide nahe beieinander. In der Schweiz sind für beide gefahrenen Varianten bis zu 175 kW DC-Ladeleistung angegeben; je nach Ausführung und Markt wird der RS auch mit bis zu 185 kW genannt. DC steht für Gleichstrom und meint das Schnellladen an leistungsstarken öffentlichen Ladestationen. Entscheidend für den Alltag: Beide laden schnell genug, um die grosse Batterie auf Reisen sinnvoll nutzbar zu machen. An der Wallbox ziehen beide mit 11 kW AC, also Wechselstrom, wie er beim Laden zu Hause oder an vielen öffentlichen Normalladestationen üblich ist. Damit bleibt der Elroq kein Sonntags-Elektroauto, sondern ein brauchbarer Begleiter für Pendler, Familien und Vielfahrer.
Auch innen gewinnt keiner durch spektakuläre Tricks, sondern durch Skoda-Logik. Der Elroq bietet 470 Liter Kofferraum, mit umgelegten Rücksitzen bis zu 1580 Liter. Die Bedienung läuft über das 13-Zoll-Infotainment, ergänzt durch ein kleines Digitalcockpit. Es gibt viele Ablagen, clevere Details und dieses typische Gefühl, dass jemand im Entwicklungszentrum tatsächlich schon einmal eine Trinkflasche, ein Ladekabel und einen nassen Regenschirm gleichzeitig unterbringen musste.
Der RS wirkt hochwertiger und spezieller. RS Lounge, limettengrüne Ziernähte, perforiertes Suedia, Kunstleder, die serienmässige Matrix-Lichttechnik und der elektrische Fahrersitz mit Massagefunktion geben ihm den feineren Anzug. Perforiert heisst hier: Das Material ist gelocht, was nicht nur sportlicher aussieht, sondern auch angenehmer wirken kann. Der Sportline hält dagegen mit guter Ausstattung, sportlichen Sitzen, schwarzem Suedia-Interieur und einem spürbar günstigeren Einstiegspreis. Er ist weniger Showroom, mehr Alltag. Nicht schlechter. Nur weniger inszeniert.
Deshalb hängt die Antwort weniger vom Konto ab als vom Fahrprofil. Wer den Elroq als Familienauto, Pendlerfahrzeug und Ferienbegleiter sieht, ist mit dem Sportline hervorragend bedient. Er bietet Allrad, starke Leistung, viel Ausstattung, hohe Reichweite, angenehmen Komfort und den sportlichen Look, ohne die RS-Schärfe ständig mitzunehmen. Für viele Käufer ist das der bessere Elroq, weil er genau dort stark ist, wo ein kompaktes Elektro-SUV im Alltag stark sein muss: leise, bequem, geräumig, sicher und ausreichend schnell.
Der RS lohnt sich dann, wenn das Auto nicht nur funktionieren, sondern auch etwas auslösen soll. Wenn der Aufpreis im konkreten Vergleich so klein bleibt wie bei den beiden gefahrenen Versionen, wird er fast zur Versuchung mit Serienausstattung. Mehr Leistung, markanteres Design, besseres Licht, mehr Komfortdetails und das schärfere Fahrwerk machen ihn zum emotionaleren Kauf. Er ist nicht der rationalere Elroq. Aber er ist derjenige, bei dem die Ratio erstaunlich wenig Munition gegen die Emotion findet.
Am Ende stehen also zwei gute Antworten auf zwei verschiedene Fragen. Der Sportline fragt: Was brauche ich wirklich? Der RS fragt: Was will ich ausserdem? Die vernünftige Wahl ist der Sportline. Die verführerische ist der RS. Und weil die Preisdifferenz in dieser Konfiguration so klein ausfällt, wird ausgerechnet der lautere, grünere, sportlichere Elroq zur überraschend plausiblen Wahl. Vernunft kann manchmal sehr unvernünftig aussehen. Genau das macht sie hier so reizvoll.