Von Heinz Schneider (Text) und Irene Schneider (Fotos)
«Die Zukunft der Carrosserie- und Lackbranche erleben.» Unter diesem Motto luden Carbesa und Partner Akzo Nobel heuer zweimal zum «Refinish Innovation Day». Der erste fand am 12. Juni 2026 in Oensingen statt, worüber «carwing» bereits ausführlich berichtet hat. Für die zweite Ausgabe mit ähnlicher Thematik traf man sich kürzlich im Stammhaus von Akzo Nobel in Bäretswil (ZH).
Gerechnet hatten die Organisatoren mit 50 Gästen. Gekommen sind 70. Man darf das als grosses Kompliment werten – schliesslich fährt niemand aus lauter Langeweile an einen Event ins Zürcher Oberland, schon gar nicht aus der Westschweiz. Unter den Teilnehmenden waren denn auch Carrossiers mit ziemlich konkreten Erwartungen. Für Mathias Dufaux wurde das zur Steilvorlage: Im theoretischen Teil stellte er eindrücklich unter Beweis, dass er nicht nur die Carbesa AG umsichtig und mehrsprachig führen kann, sondern auch als Simultanübersetzer eine ausgesprochen gute Figur macht. Andere brauchen dafür eine Kabine. Dufaux schaffte es ohne.
Zu den interessierten Fachleuten zählte Sandro Wüthrich, Leiter der Lackierabteilung der ASZ AG in Bülach (ZH). Er kam mit klarem Fokus: «Mir geht es darum, was es hinsichtlich Produkte Neues gibt von Akzo Nobel und Sikkens. Vieles, was sie machen, ist interessant, und einiges davon will ich bei uns in die Abläufe integrieren.»
Eine deutlich weitere Anreise hatte Dylan Ottet hinter sich. «Ich lege den Fokus auf Innovationen und damit verbundene Möglichkeiten. Auch was die Organisatoren heute über Nachhaltigkeit und das Thema CO₂ berichten, erwarte ich mit Spannung. Darüber hinaus bietet der Tag die Chance, Berufskollegen zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen. Darüber freue ich mich besonders», sagte der Geschäftsführer der «Carrosserie – Location Ottet Sàrl» in Belfaux (FR).
Hausherr Amedeo Bonorva stellte seinen Gästen den Konzern Akzo Nobel vor. 31 500 Mitarbeiter erwirtschafteten 2025 zehn Milliarden Umsatz, die Hälfte davon in Europa. Was weniger bekannt ist: Sie produzieren neben Autolacken auch Speziallacke für Kia-Interieurs und Beschichtungen für die Innenseiten von Getränkedosen. Ausserdem ist «Akzo» Partner von McLaren für Renn- und Strassenautos und entwickelt Batterie-Beschichtungen für E-Automarken. Lack ist eben nicht einfach Lack. Manchmal steckt er im Doseninnern, manchmal im Supersportwagen – und manchmal in der Energiebilanz einer Werkstatt.
Mathias Dufaux präsentierte «Glas Trösch», ein Familienbetrieb, der in 4. Generation tätig ist mit 6000 Mitarbeitern in 16 Ländern. Er bewegt sich in der Glasherstellung und Glasbeschichtung – für Gebäude, Autos, Züge, Flugzeuge und Helikopter. Die Tochter Carbesa ist im Fahrzeug- und Industriebedarf zuhause, liefert von Kleinteilen bis zur Lackierkabine und gilt als Spezialist für Richtbänke und Vorbereitungsplätze. Im Lager liegen 7000 Artikel bereit, die im Handumdrehen lieferfertig sind. Auch unterstützt Carbesa seine Kunden bei Finanz- und Investitionsfragen und begleitet sie bei der Planung von Neubauten und Werkstattumbauten.
Das Rednerfeld entsprach in etwa jenem von Oensingen. Marion Roeder von Swisscom stellte mit «Green One» eine digitale Plattform vor, die Betriebe beim Erfassen und Strukturieren von Nachhaltigkeitsdaten unterstützen soll. Andreas Hofer (Enerprice AG) zeigte auf, weshalb CO₂ künftig nicht nur politisches Schlagwort bleibt, sondern über Kunden, Versicherungen, Flotten und grössere Auftraggeber direkt in die Werkstatt kommt. Effizienzpapst Stefan Gemperle (Eicher + Pauli) machte deutlich, weshalb die Lackierkabine energetisch eine Schlüsselrolle spielt. Und Luca Stauss (EBP Schweiz AG) präsentierte eine Weiterbildung im Bereich der Nachhaltigkeit – eine praxisnahe Wissensvermittlung, die im eigenen Betrieb als Projekt umgesetzt werden kann.
Salvatore Malomo (Akzo Nobel) schob «Acoat Selected» ins Rampenlicht – mit 1400 Mitgliedern das grösste Netzwerk Europas. Seine Kernbotschaft: «Ein Netzwerk darf nicht nur ein Logo an der Gebäudefassade sein. Es muss Austausch und Qualität sichern, neue Geschäftschancen schaffen und Mitgliederbetriebe besser machen.» Zudem äusserte er sich dezidiert zum Thema CO₂ – und zur Tatsache, dass Netto-Null bis 2050 auch für Carrossiers gilt.
Natürlich blieb es nicht bei Theorie, Zahlen und Zukunftsfragen. Es ging auch in die Kabine – mit Claudio Vietri und Fabio Vicaro, die den «Autosurfacer Optima» von Sikkens demonstrierten. Der Unterschied zu Standardprimern ist beachtlich: Der Füller benötigt keine Ablüftung zwischen den vollen Schichten, keine Ablüftung vor der Infrarot-Trocknung und keine vor der Ofentrocknung bei 60 Grad. Das verkürzt die Durchlaufzyklen und schafft mehr Kapazität in der Kabine. Akzo Nobel geht davon aus, dass sich so 85 Prozent der Energiekosten einsparen lassen. In Zeiten, in denen Stromrechnungen gelegentlich so temperamentvoll wirken wie ein schlecht eingestellter Kompressor, hört man solche Zahlen besonders gern.
Zu gewinnen gab es an diesem Tag aber nicht nur Knowhow und praktische Einblicke. Thomas Güntert vom Porsche Zentrum Zug stellte die Driving Events 2026 vor – strukturierte Fahrveranstaltungen auf Rennstrecken wie Le Castellet, Spa, Imola, Mugello oder Misano. Als Zugabe wurde ein Wochenende mit einem Porsche GT4 verlost. Wer den Preis gewonnen hat, zeigt unsere Fotogalerie.
Am Ende blieb der Eindruck eines Tages, der viele Themen elegant zusammenführte: Produktinnovation, Energieeffizienz, Nachhaltigkeit, Netzwerke und Werkstattpraxis. Auf den Punkt gebracht: In Bäretswil wurde nicht nur über die Zukunft der Carrosserie- und Lackbranche gesprochen. Man konnte ihr auch beim Trocknen zusehen.