Erfinden, musizieren, reisen, malen, fischen, fliegen, kochen, sammeln – viele Fachleute aus der Carrosserie-, Lackier- und Automobilbranche haben die tollsten Hobbies. Wir haben einiges über diese Personen und ihre Steckenpferde erfahren. Wer welchem Freizeitvergnügen frönt, lesen Sie in der Serie «Hobbies und Leidenschaften der Carrossiers», die wir in loser Folge «abdrucken».
Heute: Reto Zemp (62), Jodler, Inhaber Carrosserie R. Zemp AG, Schüpfheim (LU)
Von Heinz Schneider (Text)
Es gibt Menschen, die sind in einer Region so fest verankert wie die Nagelspuren alter Holzbalken in einer Entlebucher Scheune. Reto Zemp ist so einer. Wer zwischen Luzern und Bern unterwegs ist, genauer gesagt im Gebiet rund um das Entlebuch, dürfte ihm schon begegnet sein – sei es als Carrosseriespengler, als Gemeinderat, als Fasnächtler oder, mit etwas Glück, als Jodler mit kräftigem Fundament und klarer Höhe.
Beruflich steht der Luzerner seit 1992 fest auf dem Boden des Handwerks. Damals gründete er seine Carrosseriefirma und übernahm ein bestehendes Gebäude – ein Standort, dem er bis heute treu geblieben ist. Der Betrieb arbeitet bewusst konventionell: klassische Unfallreparaturen, komplette Instandsetzungen, sauberes Spenglerhandwerk und eine integrierte Lackierabteilung. Drei Mitarbeitende bilden das Kernteam, unterstützt von seiner Lebenspartnerin Vreni Bieri, die Buchhaltung und Backoffice im Griff hat.
Dass hier einer mit Fachwissen arbeitet, zeigt auch der Blick auf seine Verbandstätigkeit. Als gelernter Carrosseriespengler mit sämtlichen eidgenössischen Fachausweisen war Reto Zemp über 30 Jahre als QV-Experte tätig, dazu elf Jahre Präsident der Sektion Zentralschweiz des Berufsverbandes «Carrosserie Suisse». Ein Amt, das nicht nur Sitzfleisch, sondern auch diplomatisches Geschick verlangt – beides Eigenschaften, die man ihm nachsagt.
Doch Zemp ist keiner, der sich nach Feierabend ins Private zurückzieht. Seit 2016 sitzt der heute 62-Jährige im Gemeinderat von Schüpfheim und betreut das Ressort Jugend + Sport und Bildung. Offiziell ein 25-Prozent-Pensum, inoffiziell deutlich mehr. Wer je in einer Gemeinde Verantwortung getragen hat, weiss: Politik hört nicht um fünf Uhr auf. Dazu kommt seine Leidenschaft für die Fasnacht. Mit der Clique «Stündeler» mischt er an Umzügen und Maskenbällen mit – ernsthaft im Engagement, augenzwinkernd im Auftritt.
Und dann ist da noch das Jodeln. Nicht als folkloristische Randnotiz, sondern als echtes Herzenshobby. Reto Zemp singt im Schibi-Chörli, dessen Präsident er ist. Der Chor wurde am 30. Januar 1958 im «Hotel Drei Könige Entlebuch» gegründet und trägt den Namen des Entlebucher Freiheitskämpfers Christian Schibi, eine prägende Figur aus dem Bauernkrieg, der seinerzeit auch im Gasthaus Drei Könige wirkte. Daher stammt auch der Begriff «Schibi-Chäller», der bis heute als Klublokal dient. Das Ensemble besteht aus 13 Männern und zwei Frauen, die die hohen Stimmen übernehmen, und pflegt klassische Jodellieder ebenso wie Naturjodel aus der Feder verschiedener Komponisten. Tradition, ja – aber lebendig.
Zum Jodeln kam Reto Zemp nicht über den üblichen Vereinsweg. Gesungen wurde in seiner Familie schon immer, mit Eltern und Grosseltern, wobei der Grossvater eine besondere Vorliebe für Schlager der Sechziger pflegte – man stelle sich einen Naturjodel mit leichtem Udo-Jürgens-Anklang vor. Prägender war lange Zeit die Feuerwehr, der Zemp über 30 Jahre mit grossem Einsatz diente. Als er dort seinen Austritt gab, entstand plötzlich Raum. Zeit, die gefüllt werden wollte.
Der entscheidende Impuls kam mit der Begegnung mit seiner heutigen Lebenspartnerin Vreni Bieri, damals bereits begeisterte Jodlerin. Die Kollegen legten nach: Jetzt bist du nicht mehr in der Feuerwehr, jetzt hast du doch Zeit für ein anderes tolles Hobby. Zemp zögerte nicht lange – und bereute den Schritt nie. «Das Jodeln mit meinen Kolleginnen und Kollegen vom Schibi-Chörli gibt mir ein tolles Lebensgefühl», sagt er. «Vor allem nach einem anstrengenden Arbeitstag, an dem nicht alles rund lief, ist das Jodeln wie ein Feierabendritual und eine unglaubliche Abwechslung. Es hilft mir, den Tag loszulassen.»
Ein besonderes Kapitel für Reto Zemp schrieb die acht Konzerte umfassende Tour «Basspartout» im Frühling 2024. Zusammen mit weiteren Jodlern aus verschiedenen Chören aus der ganzen Schweiz – eine Art musikalische Zweckgemeinschaft mit kräftigem Fundament – stand er als Teil einer reinen Bassformation auf der Bühne. Für den Anlass eigens arrangierte Stücke sorgten für eine Stimmung, die selbst eingefleischte Jodelfans überraschte. Wer dabei war, erinnert sich an einen Abend, der klanglich weit über den gewohnten Vereinsrahmen hinausging – und der zeigte, dass Tradition auch dann lebt, wenn sie sich gelegentlich neu erfindet.
Auch 2026 bleibt der Terminkalender gut gefüllt. Geplant sind unter anderem der «Fyrabe Jodel» auf dem Marktplatz Entlebuch und die Jahreskonzerte am 24. und 31. Oktober im Hotel Drei Könige. Wer Reto Zemp dort auf der Bühne erlebt, versteht schnell: Hier singt keiner aus Pflichtgefühl. Hier singt einer, der im Jodeln das findet, was andere im Feierabendbier suchen – Erdung, Gemeinschaft und einen klaren Ton nach einem langen Tag.
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