Erfinden, musizieren, reisen, malen, fischen, fliegen, kochen, sammeln – viele Fachleute aus der Carrosserie-, Lackier- und Automobilbranche haben die tollsten Hobbies. Wir haben einiges über diese Personen und ihre Steckenpferde erfahren. Wer welchem Freizeitvergnügen frönt, lesen Sie in der Serie «Hobbies und Leidenschaften der Carrossiers», die wir in loser Folge «abdrucken».

Heute: Heinz Wüst (55), Mann der 1000 Ideen, Gebietsleiter Carrosserie bei ESA

Von Heinz Schneider (Text)

Wer Heinz Wüst zum ersten Mal begegnet, könnte versucht sein, ihn vorschnell in eine dieser bequemen Schubladen zu stecken. Tausendsassa. Hans-Dampf-in-allen-Gassen – einer, der überall ein bisschen mitmacht, aber nirgends richtig dabei zu sein scheint. Ist aber komplett daneben. Denn er ist ein Mann mit 1000 Ideen, Inspirationen, Steckenpferden und Leidenschaften – und er schafft es, diese Energie so zu bündeln, dass daraus kein Chaos wird, sondern eine Art sehr schweizerische Hochleistung: strukturiert, verlässlich, und manchmal auch verblüffend.

Das beginnt nicht erst bei seinem Dienstwagen, der kein Homeoffice, sondern sein Fahroffice ist. Denn Schreibarbeiten erledigt Heinz Wüst eher selten im Büro oder zuhause nach Feierabend. Das wird nach Möglichkeit gleich nach dem Besuch des Kunden erledigt – im Auto. Dort ist er, inklusiv Kaffeemaschine, komplett eingerichtet, arbeitet alles schriftlich ab, was noch frisch im Kopf ist. Auch über Mittag. Effizienter geht kaum.

Sein Fundament ist handfest. Gelernter Autolackierer, dazu eine ganze Kette an Weiterbildungen – inklusive berufsbegleitende, zweijährige Bürolehre. Gleich nach der Lehre gings nach Urdorf zur André Koch AG, in die Coloristik-Abteilung. Heute arbeitet der 55-Jährige seit über 18 Jahren bei der ESA als «Gebietsleiter Carrosserie». Überregionaler Aussendienst, mit Schwerpunkt auf dem Verkauf von Verbrauchsmaterial für Lackierereien und der Beratung in diesem Bereich – also genau für jene Dinge, die in der Praxis den Unterschied machen zwischen «geht irgendwie» und «sitzt, passt, hält».

Verheiratet ist er mit Petra, Pharma-Assistentin, dazu Vater von Aline (14). Und dann gibt es da diesen Wohnort, der klingt, als hätte ihn ein Drehbuchautor erfunden: Eien, ein kleiner Aargauer Weiler bei Kleindöttingen, nahe Beznau, direkt an der Aare. Dort lebt die Familie Wüst seit jeher in einem 1825 erbauten ehemaligen Bauernhaus. Oben die Wüsts, unten die Eltern von Heinz, die das Anwesen einst gekauft haben. Ein Haus, das nicht «immobil» ist, sondern eher ein lebendiges Projekt – zweihundert Jahre alt, mit entsprechendem Anspruch an Aufmerksamkeit.

Dass bei so jemandem nach Feierabend nicht plötzlich die Stille einkehrt, überrascht niemanden. Allein der Garten: Sträucher schneiden, den Häcksler bedienen, mit dem Hochdruckreiniger alles sauber halten. Dazu Holz heranschleppen, spalten, trocknen. Schliesslich will die Holzheizung mit dem Kachelofen gefüttert werden. Wobei: gefüttert wird sie heute eher aus Lust als aus Notwendigkeit. Denn unter Wüsts Regie wurden längst sämtliche Vorarbeiten erledigt, damit eine Wärmepumpe ins Haus konnte. Böden aufgespitzt, Leitungen gelegt, Bodenheizung installiert – man merkt, hier ist einer am Werk, der auch privat nicht davor zurückschreckt, zuerst einmal das Fundament freizulegen, bevor es komfortabel wird.

Komfort ist bei Wüst allerdings ein dehnbarer Begriff. Unter dem Dach hat sich der gelernte Lackierer ein Heimkino eingebaut – und zwar nicht als Beamer-im-Wohnzimmer-Kompromiss, sondern als richtige kleine Filmwelt. Mit Kinosesseln, zusammengekauft und ersteigert. Dazu ein dreistufiges Podest, damit auch in der hintersten Reihe niemand nur Hinterköpfe sieht – inklusiv Resonanz-Schallkörper, damit ein Flieger auch nach Flieger klingt, wenn er vermeintlich über die Köpfe der Gäste donnert.

Gedacht ist das Ganze für gelegentliche Filmabende, und für den Hausherrn selbst. Denn gleich nebenan hat er sich ein Fitnessstudio eingerichtet. Und dort kann er sich vom Laufband und vom Velo aus, bei Bauch- und Rumpfübungen, seine Lieblingsfilme «reinziehen.» Multitasking, aber bitte mit System: Erst der Puls, dann die Pointe.

Apropos Bewegung: Heinz Wüst ist seit seinem 16. Lebensjahr begeisterter Tänzer. Standard, Lateinamerikanisches, Salsa bis Wiener Walzer – der Heinz kanns. Wer ihn dabei erlebt, versteht plötzlich auch den Aussendienstmenschen besser: Rhythmus, Timing, Führung, trotzdem aufmerksam für den Partner.

Und weil ein Wüst-Abend selten nur eine Sache kennt, findet man ihn an Abenden, Samstagen und Sonntagen auch hinter dem Haus beim Modellfliegen – «um den Kopf frei zu kriegen». Er liebt alles, was sich fernsteuern lässt – Helikopter und Flugzeuge, die meisten mit Elektroantrieb. Man stellt sich das idyllisch vor: Aare in der Nähe, ein Stück Himmel über dem Aargau, und dazwischen ein Mann, der seine Maschinen so ruhig führt, wie andere einen Pinsel. Wenn es auf dem Boden bleiben soll, wird auf vier Rädern Gas gegeben: mit RC-Autos, ferngesteuerten Modellfahrzeugen. «RC» steht für Radio Controlled. Statt hinter dem Lenkrad zu sitzen, lenkt man per Funkfernsteuerung vom Streckenrand aus.

Regnet es draussen und das Haus hält ihn gewissermassen fest, wird geschnitten. Ferienfilme, alle Formate, inklusive Super 8. Und weil auch Nostalgie bei ihm nicht sentimental, sondern projektorientiert daherkommt, sagt er überzeugt: «Wenn ich pensioniert bin, werden ich dann auch die Zeit haben, um alle diese Filme zu digitalisieren.»

Dann gibt es noch die Seite, die man bei einem «Gebietsleiter Carrosserie» nicht zwingend erwartet: Wüst beschäftigt sich mit Wasser, genauer mit Osmosewasser. Per Umkehrosmose über eine Membran stark von gelösten Stoffen gereinigt – technisch erklärt ist das schnell. Was er daraus ableitet, klingt deutlich persönlicher. Er ist überzeugt, dass es «heilend ist bei Entzündungen sowie Energie gibt, Stress abbaut und den Körper entgiftet». An dieser Stelle merkt man: Hier spricht keiner, der bloss ein neues Hobby sucht. Hier spricht einer, der sich reinkniet, ausprobiert, daran glaubt – und es dann mit derselben Überzeugung vertritt, mit der er im Job ein Werkzeug empfiehlt, das den Alltag wirklich leichter macht.

Das verblüffendste Detail kommt allerdings ganz zum Schluss – und es ist eines, das man im Werkstattumfeld sofort sehen würde. Heinz Wüst geht ausser während der Geschäftszeit nur mit Barfussschuhen und Fünffinger-Socken (siehe Fotogalerie) durchs Leben. Nicht als Gag, nicht als modische Provokation, sondern als Prinzip. «Sie garantieren eine bessere Durchblutung, der Fuss wird aktiviert und passt sich so durch die Form der Schuhe perfekt an die Umgebung an, und die Zehen werden nicht zusammengedrückt», sagt er. «Zudem hat man einen stabileren Stand, kann den Fuss nicht übertreten und geht aufrechter. Ich habe mit diesen Schuhen und Socken meinen Halux und die Rückenprobleme wegbekommen. Und man kann damit problemlos bei zehn Grad Minus unterwegs sein, weil Fuss und Zehen immer in Bewegung sind.» Keine Frage: Wüst zieht seinen Weg durch. Konsequenz ist bei ihm keine Pose, sondern Alltag.

Vielleicht ist das die Klammer, die all diese scheinbar wilden Interessen zusammenhält: Heinz Wüst macht nichts halb. Ob Farbrezeptur in Urdorf, Sortiment im ESA-Aussendienst, Bodenheizung im Bauernhaus von 1825, Heimkino mit bequemen Fauteuils und dreistufigem Podest, Modellhelikopter hinter dem Haus oder Barfussschuh im Aargauer Winter – überall steckt derselbe Antrieb dahinter. Neugier, Lust am Tüfteln, Freude an Technik. Und dieses leise, sympathische Gefühl, dass hier einer nicht einfach nur beschäftigt ist, sondern wirklich lebt.

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