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    Gilles Glauser: Mit Präzision, Tempo und viel Leidenschaft nach Shanghai

Von Heinz Schneider (Text) und Irene Schneider (Fotos)

Es gibt Menschen, die können nur schwer stillsitzen. Gilles Glauser gehört ziemlich eindeutig zu dieser Sorte. Wenn der Carrosseriespengler nicht gerade Aluminium richtet, eine Seitenwand ersetzt oder gegen die unerbittlich tickende Stoppuhr arbeitet, sitzt er mit Vorliebe auf einer Supermoto-Maschine. Und falls ihm der Asphalt zu glatt erscheint, wechselt er kurzerhand aufs Motocross-Bike und ins Gelände.

Tempo gehört bei ihm also zum Alltag. Doch wenn Gilles Glauser vom 22. bis 27. September 2026 an den WorldSkills in Shanghai die Schweiz vertritt, reicht Geschwindigkeit allein nicht aus. Gefragt sind Präzision, Konzentration, handwerkliche Vielseitigkeit und die Fähigkeit, auch unter grossem Druck einen kühlen Kopf zu bewahren. Eigenschaften, die der junge Berufsmann von der Carrosserie G&G AG in Niederwangen seit seinem Schweizermeistertitel konsequent weiterentwickelt hat.

Bis zur Reise nach China stehen allerdings noch einige Trainingstage im Kalender. Im August wird Glauser während vier Tagen in der Mobilcity in Bern arbeiten. Es ist ein weiterer Baustein in einer intensiven Vorbereitung, die längst weit über gelegentliche Übungsstunden hinausgeht. Denn wer auf der Weltbühne bestehen will, kann sich nicht darauf verlassen, dass Talent und ein ruhiges Händchen schon irgendwie genügen werden. In Shanghai zählt jedes Detail – und meistens auch jede Sekunde.

Mehrere anspruchsvolle Trainingseinheiten liegen bereits hinter dem Schweizermeister. Eine ganze Woche verbrachte er gemeinsam mit Coach Diana Schlup in Österreich, wo im Schulungszentrum von BMW unter besonderen Bedingungen gearbeitet wurde. «Eine hervorragende Gelegenheit, um einmal unter anderen Umständen zu trainieren», sagt Schlup. «Ein anderer Ort, andere Voraussetzungen – das sind ausgezeichnete Bedingungen, um aus dem gewohnten Umfeld herauszukommen.»

Auf dem Programm standen unter anderem Arbeiten an Aluminiumbauteilen, an B-Säulen und Federbeindomen. Aufgaben also, bei denen grobe Kräfte wenig verloren haben. Aluminium verlangt Gefühl, Erfahrung und eine saubere Arbeitsweise. Das Material verzeiht Unachtsamkeiten ungefähr so grosszügig wie eine Stoppuhr an einer Weltmeisterschaft: nämlich gar nicht.

Eine weitere längere Trainingseinheit fand von Donnerstag, 23., bis Samstag, 25. Juli in der Mobilcity statt. Geleitet wurde sie von André Schmid, der bestens weiss, was es bedeutet, sich auf höchstem Niveau mit der internationalen Konkurrenz zu messen. Der Luzerner wurde 2011 Regionalmeister, gewann 2012 den Schweizermeistertitel und holte 2013 an den World Skills in Leipzig die Bronzemedaille.

Glauser profitiert damit auch von der Erfahrung eines Berufsmanns, der die besondere Atmosphäre eines solchen Grossanlasses aus eigener Anschauung kennt. Der Druck, die begrenzte Zeit, die kritischen Blicke der Experten – all das lässt sich zwar erklären. Wirklich verstehen kann es aber wohl nur, wer selbst einmal mitten in diesem Wettbewerb gestanden hat.

Am Samstag führte das Training für einen Abstecher in Glausers eigenen Betrieb nach Niederwangen. Dort galt es, an einem VW Bus eine Seitenwand herauszutrennen und anschliessend wieder fachgerecht einzubauen. Eine Aufgabe, die eindrücklich zeigt, wie breit das verlangte Können ist. An der WM geht es nicht um eine einzige perfekte Paradeübung. Gesucht wird der komplette Berufsmann, der unterschiedliche Materialien, Werkzeuge und Reparaturmethoden sicher beherrscht.

Am Donnerstag und Freitag lag der Schwerpunkt unter anderem auf dem Ausbeulsystem Car-O-Liner CDR-1. Das Gerät wurde von der Blutech AG aus Wünnewil (FR) zur Verfügung gestellt. Weil genau dieses System auch in Shanghai zum Einsatz kommen wird, entsandte das Unternehmen seinen Spezialisten Antonino Cipriano gleich mit nach Bern.

Cipriano machte Glauser zunächst mit der Technik und den Besonderheiten des Systems vertraut. Danach folgte die praktische Anwendung: An einer Aluminiumtüre eines BMW 5er musste eine Beschädigung fachgerecht ausgebeult werden. Was für Aussenstehende nach ein wenig Drücken, Ziehen und Klopfen aussehen mag, ist in Wahrheit Millimeterarbeit. Jeder Handgriff beeinflusst den nächsten, jede falsche Bewegung kann zusätzliche Verformungen verursachen. Und während der Fachmann das Metall liest, läuft im Hintergrund bereits wieder die Zeit.

Gerade die vorgegebenen Arbeitszeiten gehören zu den grössten Herausforderungen in der Vorbereitung. Eine Reparatur sauber auszuführen, ist das eine. Sie innerhalb eines eng gesetzten Zeitfensters und unter Wettbewerbsbedingungen fertigzustellen, ist noch einmal eine andere Disziplin. Glauser muss deshalb nicht nur seine handwerkliche Qualität sichern, sondern auch Abläufe optimieren, Entscheidungen schneller treffen und unnötige Bewegungen vermeiden.

Seit seinem Schweizermeistertitel hat er enorm viele Trainingsstunden investiert. Dass sich dieser Aufwand auszahlt, spürt er selbst deutlich. «Ich bin in den vergangenen Monaten ein noch besserer Carrosseriespengler geworden», sagte er im Gespräch mit carwing.

Das klingt selbstbewusst, aber keineswegs überheblich. Im Gegenteil: Eine von Glausers grossen Stärken ist seine Bereitschaft zuzuhören. Er nimmt die Hinweise erfahrener Berufsleute ernst, prüft sie und integriert sie anschliessend so in seine Arbeitsweise, dass sie für ihn funktionieren. Er kopiert nicht einfach. Er entwickelt weiter.

Bis September bleiben noch einige Wochen, viele Übungen und vermutlich ein paar widerspenstige Bleche. Dann geht es nach Shanghai. Dort wird sich zeigen, wie weit Präzision, Beharrlichkeit und Schweizer Handwerkskunst tragen können. Gilles Glauser jedenfalls wird alles daransetzen, dass es möglichst weit ist.