Von Dennis Schneider (Text)
Die Branche sucht händeringend Fachkräfte. Frauen werden inzwischen tatsächlich ausgebildet. Und danach? Eine neue Untersuchung aus Frankreich zeigt, dass die Öffnung der Autobranche an der Werkstatttür noch immer erstaunlich oft endet.
Die Untersuchung stammt vom «Observatoire des métiers des services de l’automobile» der französischen Branchenorganisation ANFA. Federführend erarbeitet hat sie die promovierte Soziologin Marie-Hélène Delobbe, die sich seit Jahren mit Arbeit, Ausbildung und Qualifikation in der Autobranche beschäftigt. Die publizierte Kurzfassung «Autofocus 123» verfasste Delobbe gemeinsam mit Marion Vidal, Projektleiterin beim ANFA-Observatorium. Für den qualitativen Teil wurden an drei Ausbildungszentren 46 Einzel- und fünf Gruppengespräche geführt – unter anderem mit 17 jungen Frauen, zehn jungen Männern, Ausbildnern, Schulleitungen und Betriebsvertretern.
In Frankreich stieg die Zahl der Frauen in Ausbildungen für Carrosserie und Lack von 540 im Jahr 2021 auf 1’450 im Jahr 2025. In den Betrieben sieht das Bild erheblich älter aus: Frauen stellen lediglich 1,4 Prozent der beschäftigten Carrosserie- und Lackierfachleute. Bei den Neueinstellungen lag ihr Anteil 2024 bei gerade einmal 3 Prozent. Das ist keine direkte Verfolgung derselben Jahrgänge – aber ein Abstand, den man kaum mit Zufall wegpolieren kann.
Warum Talente abspringen könnten, zeigt der qualitative Teil der Untersuchung. Von 16 befragten jungen Frauen, die noch in Ausbildung standen, wollten fünf den Beruf oder die Branche wechseln, zwei weitere waren unentschlossen. 15 von 27 ausgewerteten Erfahrungen in Betrieben fielen zwar positiv aus. In sieben Fällen berichteten die jungen Frauen jedoch von Belästigungen oder sexistischen Übergriffen. Die Stichprobe ist klein und nicht repräsentativ. Ein Warnsignal ist sie trotzdem.
Als französische Spezialität lässt sich das Thema kaum abtun. In der Schweiz waren 2025 laut Bundesamt für Statistik 248 von 964 Lernenden in der Carrosserielackiererei Frauen – 25,7 Prozent. Auch 51 der 206 im selben Jahr vergebenen EFZ-Abschlüsse gingen an Frauen. In der Carrosseriespenglerei waren es dagegen nur 35 Frauen unter 666 Lernenden.
Zumindest in der Lackiererei funktioniert der Einstieg also. Was danach geschieht, lässt sich aus der Schweizer Bildungsstatistik allerdings nicht ablesen. Stehen die jungen Frauen fünf Jahre später noch in der Werkstatt? Oder hat die Branche sie unterwegs verloren?
Die französische Untersuchung nennt erstaunlich unspektakuläre Gegenmittel: separate Garderoben, abwechslungsreiche Arbeiten statt endloses Schleifen sowie Vorgesetzte und Kollegen, die Frauen nicht jeden Tag neu beweisen lassen, dass sie dazugehören. Kein Diversitätsfeuerwerk. Einfach ein anständiger Betrieb. Denn Lehrverträge lassen sich zählen. Fachkräfte hält man damit noch lange nicht.