Von Heinz Schneider (Text)
Nein, dieses Projekt war keine trockene Archivarbeit. Sondern ein Abenteuer mit Pinsel, Pigment und einer überdimensionalen Portion Leidenschaft. Die Rede ist von der Zertifizierung der Originalfarbtöne vom Porsche 356. Sieben Jahre lang haben Spezialisten an der Frage gearbeitet, wie die legendären Töne der Fünfziger und frühen Sechziger tatsächlich aussahen. Und natürlich waren Jürgen Book (Classic Cars Manager) und Glasurit mittendrin statt nur dabei.
Für die Münsteraner Lackmarke eine Selbstverständlichkeit, schliesslich besteht seit Urzeiten ein Faible für historische Authentizität. Zudem ist man seit 1955 eng mit dem «Karosseriewerk Reutter» verbunden. Dort, wo zwischen 1950 und 1963 über 60 000 von insgesamt rund 78 000 Porsche 356 gefertigt und lackiert wurden, löste das Unternehmen seinerzeit die klassischen Nitrozellulose-Lacke durch modernere Kunstharz-Einbrennlacke ab. Mit anderen Worten: Man kennt sich mit diesem Auto, seinem Blech und seinem Glanz seit jeher ziemlich gut aus.
Initiiert wurde das Recherche-Projekt von Guido Eickholz, dem Kopf hinter «Erlkönig Classic», der exklusiv die Markenrechte der Familie Reutter verwertet. Gemeinsam mit einem Netzwerk von Experten – darunter der Sammler Ande Votteler (hütet seit den Neunzigern unberührte Originalfahrzeuge), Porsche-Koryphäe Marco Marinello sowie Mark Wegh und Freek Janssen vom «Porsche Classic Center Gelderland» – entstand eine Art Farbatlas der automobilen Frühgeschichte. Von Glasurit waren neben Jürgen Book auch Helmut Imberge, Ralf Frank und Dennis Friedag involviert.
Die Aufgabe: Verbindlich festzulegen, wie die Originalfarbtöne des 356 tatsächlich aussahen. Das klingt einfacher, als es ist. Denn zwischen Produktionsjahren gab es Nuancenunterschiede, die über «heller», «dunkler» oder «farbiger» hinausgingen. Hinzu kommt die Alterung von Lacken über Jahrzehnte – was heute blass wirkt, konnte einst leuchten wie ein Pfauenrad. Geeignete Muster zu finden, war nur durch das globale Netzwerk von «Erlkönig Classic» möglich, denn ein Porsche im Erstlack ist mittlerweile seltener als ein Kalbsbratwurststand im kalifornischen Palo Alto. Besonders brauchbar erwiesen sich A-Säulen-Bleche hinter den Türscharnieren, die geschützt vor Sonne und Regen nahezu unversehrt erhalten blieben.
Zehn Schritte waren nötig: Von der Definition des Projektumfangs über das Sammeln und Qualifizieren von Mustern bis zur Ausarbeitung der Mischformeln im Glasurit-Farbtonlabor in Münster. Bisher konnten 43 von 59 Farbtönen zertifiziert werden. Für die übrigen liegen zwar Mischformeln vor, doch fehlen noch belastbare Muster. Ein bisschen Archäologie eben – nur ohne Schaufel, dafür mit Farbskala.
Ein weiterer Knackpunkt war die Frage der Lacktechnologie. Schliesslich will man die Töne nicht nur museal konservieren, sondern auch heute nutzbar machen. Definiert wurde, dass die Farbtöne mit aktueller Technologie als Einschicht-2K-PUR-High-Solid-Decklack (Glasurit Reihe 22), als wasserbasierender Basislack (Reihe 90 oder 100) oder als lösemittelbasierender Basislack (Reihe 55) verfügbar sind. Alle Mischformeln tragen eine besondere Kennzeichnung und unterliegen strengster Qualitätssicherung: Selbst wenn ein Rohstoff ersetzt werden muss, bleibt die Farbe konstant.
Damit Restauratoren und Lackierer den Schatz auch heben können, sind die zertifizierten Mischformeln in der Glasurit-Datenbank hinterlegt – fein säuberlich unter «Porsche» mit dem Zusatz «Reutter». Das sorgt für klare Zuordnung und verhindert Verwechslungen mit früheren, abweichenden Nuancen. Für den Praktiker bedeutet das: Wer einen 356 originalgetreu herrichten möchte, hat nun Zugriff auf Farben, die dem historischen Auslieferungszustand so nah kommen wie nie zuvor.
Für Sammler und Besitzer ist das keine Petitesse, sondern bares Geld wert. Ähnlich wie «Matching Numbers» beim Motor trägt die korrekte Originallackierung heute erheblich zur Bewertung bei. Eine authentische Farbe ist kein Beiwerk, sondern Teil der DNA eines Fahrzeugs – und damit Garant für Werterhalt und Historie.
Ob das Projekt abgeschlossen ist? Mitnichten. «Solange es noch nicht zertifizierte Farbtöne gibt, bleibt das Thema lebendig», sagt Jürgen Book. Und wer weiss – vielleicht tauchen noch Sonderfarben auf, die bislang im Dunkel schlummerten. Die Suche nach dem perfekten Originalton, sie geht also weiter. Ein bisschen wie Schatzsuche – nur dass der Schatz am Ende in Signalrot, Ätna- und Königsblau, Schiefer- und Reihergrau oder Condorgelb glänzt.