Von Dennis Schneider (Text)
Orange ist lange die Farbe gewesen, die man entweder liebt oder konsequent meidet – und genau darin liegt ihr Reiz. Axalta setzt für 2026 auf einen Ton, der nicht um Aufmerksamkeit bittet, sondern sie nimmt: «Solar Boost». Der Lackhersteller hat den warmen Orangeton kürzlich zur Autofarbe des Jahres 2026 erklärt und bedient damit einen Trend, der leise begonnen hat und inzwischen deutlich sichtbar wird: weg von der neutralen Unauffälligkeit, hin zu mehr Persönlichkeit auf Blech.
«Solar Boost» ist dabei nicht einfach nur Orange, sondern ein bewusst modern entwickelter Farbton mit champagnerfarbenen Effektpigmenten. Axalta beschreibt die Wirkung als leuchtend und dynamisch – ein Ton, der vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang «mit einem souveränen, aussergewöhnlichen Erscheinungsbild» strahlen soll. Übersetzt: ein Lack, der im Alltag nicht verblasst und im Showroom nicht übersehen wird.
Hinter der Entscheidung steht weniger Bauchgefühl als Marktlogik. Hadi Awada, President des Geschäftsbereichs Global Mobility Coatings bei Axalta, macht klar, wie stark Farbe den Kaufmoment prägt: «Die Farbe eines Fahrzeugs hat eine starke Auswirkung auf den ersten Eindruck, den Käufer von dessen Sicherheit, Sportlichkeit, Eleganz und sogar Wiederverkaufswert haben». Und Axalta legt nach: Eigene Forschungsergebnisse zeigten, dass über 80 Prozent der Käufer die Farbe als einen Hauptfaktor betrachten. Für Hersteller ist das eine simple Rechnung – wer das Farbspektrum verschläft, verschenkt Aufmerksamkeit und im Zweifel Abschlüsse.
Diese Aufmerksamkeit verschiebt sich gerade. «Solar Boost» soll den Wandel in Richtung individueller Gestaltungswünsche spiegeln: Fahrzeuge werden für viele Käufer wieder stärker zur Visitenkarte, nicht nur zum Fortbewegungsmittel. Besonders jüngere, trendbewusste Kunden verlangen laut Axalta häufiger nach ausdrucksstarken Tönen jenseits des klassischen Grau-Schwarz-Weiss-Dreiklangs. Dass ein Lackhersteller dafür ausgerechnet Orange in Stellung bringt, ist kein Zufall – es ist eine Farbe, die Identität signalisiert, ohne sich kompliziert erklären zu müssen.
Axalta untermauert das mit einer globalen Lesart der Farbe. In Nordamerika steht Orange demnach für Wärme, Optimismus und kreative Energie und taucht oft im Umfeld von Lifestyle-Marken und Streetwear auf. In Lateinamerika wird der Farbton stärker mit Vitalität und ausgelassener Freude verbunden, als Symbol für Leben und Ausdruckskraft. Und im asiatisch-pazifischen Raum gewinnen kräftige, intensive Farben insgesamt an Bedeutung – inklusive Orange-Akzenten, die Fahrzeugen gerade in wachstumsstarken Segmenten wie den Elektrofahrzeugen eine klarere Identität geben sollen. «Solar Boost» soll dieses gemeinsame Gefühl von Dynamik und Zuversicht bündeln: ein Farbton für Fahrerinnen und Fahrer, die sichtbar machen wollen, wofür sie stehen.
Dass so eine Farbe am Ende nicht nur auf dem Papier gut klingt, sondern auch in Serie funktioniert, ist die eigentliche Kunst. Robert Roop, Ph.D., Senior Vice President und Chief Technology Officer bei Axalta, beschreibt den Weg von der Idee zum produktionsfähigen Lack als Mischung aus Kulturbeobachtung und Ingenieurarbeit: «Elemente der menschlichen Psychologie und Popkultur bilden die Grundlage für unsere Farbtonwahl». Danach komme die Kompetenz in Farbwissenschaft, Optik und Lackformulierungen ins Spiel, um daraus einen herstellbaren Lack zu machen – «äusserst ansprechend, langlebig und nachhaltig». Die Botschaft ist klar: Auffälligkeit soll nicht auf Kosten von Beständigkeit oder Produktionsrealität gehen.
Für Axalta ist die Autofarbe des Jahres zudem Teil einer länger angelegten Strategie. Das Unternehmen kürt diese Farbe seit zwölf Jahren und verweist auf rund 160 Jahre Erfahrung in Farbdesign, Innovation und dem Vorhersehen von Trends bei Fahrzeuglackierungen. Die eigenen Farbexperten treffen sich regelmässig, analysieren Entwicklungen in der Automobilbranche und versuchen vorauszusagen, wie sich Präferenzen verändern. Diese Prognosen sind nicht nur Marketing – sie dienen vor allem als Orientierung für Fahrzeughersteller, die ihre Farbpaletten so ausrichten wollen, dass sie Käufer ansprechen, bevor der Trend im Rückspiegel verschwindet.
Unterm Strich ist «Solar Boost» deshalb weniger ein mutiger Sprung als ein sauber kalkulierter Schritt: Orange ist emotional, sichtbar und – richtig umgesetzt – erstaunlich anschlussfähig für moderne Designs. Wer 2026 also wieder mehr Farbe auf den Strassen sieht, ist das nicht zwingend ein spontaner Ausbruch kollektiver Lebensfreude. Es ist auch das Ergebnis davon, dass die Branche gelernt hat, wie viel Geschäft in einem ersten Eindruck steckt – und wie viel davon schlicht am Lack hängt.