Von Heinz Schneider (Text)
Man muss nicht laut sein, um Eindruck zu machen. Der Delahaye 135 MS in unserer Fotogalerie (MS = Modifiée Spéciale, sportliche Ausführung) kann das seit rund achtzig Jahren. Und jetzt wieder ein bisschen mehr. Verantwortlich dafür sind die Profis der… Aarauer Carrosserie Werke (ACW), die sich in ihrem Atelier in Aarau diesem Klassiker angenommen haben. Ein Klassiker, der ohnehin nicht zu den Lautsprechern unter den Oldtimern zählt. Unter der Leitung von André Vogel und Nico Kukielka bekam die Schönheit mit Henri-Chapron-Carrosserie eine Keramikversiegelung – und damit so etwas wie einen Massanzug mit unsichtbarer Rüstung.
Keramikversiegelung klingt nach Hightech und Labor, ist aber im Kern eine sehr elegante Idee: Eine transparente Oberflächenveredelung auf Siliziumbasis, ungiftig, langlebig, hochwirksam. In der Wirkung lässt sie sich am besten mit flüssigem Panzerglas vergleichen. Der Lack wird rundum geschützt, Kratzer haben es schwerer, der Glanz gewinnt an Tiefe. Fünf Jahre Haltbarkeit sind realistisch – ein Zeitraum, in dem klassische Wachsversiegelungen längst mehrfach Geschichte wären.
Der Delahaye selbst stammt aus den späten Vierzigerjahren, einer Epoche, in der Eleganz noch nicht erklärt werden musste. Seine tropfenförmig ausgeformten Ponton-Kotflügel scheinen über den Rädern zu schweben, als hätten sie mit der Schwerkraft einen Waffenstillstand geschlossen. Die Front: hoch, schmal, selbstbewusst, mit senkrechten Chromstreben im Kühlergrill, die mehr Haltung zeigen als manche moderne Designabteilung. Dazu die Zweifarblackierung – helles Bleu, akzentuiert mit dunklerem Blau. Aristokratisch, aber nie geschniegelt. Ein Auto, das nicht protzt.
Bevor allerdings die schützende Keramik ihre Arbeit aufnehmen darf, beginnt bei der ACW das Ritual. Eine gründliche Handwäsche, gefolgt vom Trocknen und einer genauen Analyse. Anbauteile, Formen, Lackdicke – alles wird berücksichtigt. Heikle Stellen wie Kanten und Leisten werden sorgfältig abgeklebt, erst dann startet die mehrstufige Politur. Sie ist der zeitintensivste und wichtigste Teil des rund einwöchigen Prozesses. Hier entscheidet sich, ob das Ergebnis später nur glänzt oder wirklich lebt. Erst danach wird die Keramikversiegelung in mehreren Schritten aufgetragen und ausgerieben, bis sich Tiefe und Spiegelung zu jener Selbstverständlichkeit verbinden, die man nicht mehr hinterfragt.
Der praktische Nutzen kommt leise daher, aber bestimmt. Flugrost, Insektenreste oder Streusalz lassen sich künftig deutlich leichter entfernen. Der Lack bleibt geschützt, der Pflegeaufwand sinkt – was bei einem Fahrzeug dieses Kalibers kein Luxus, sondern Werterhalt ist. Oder, um es weniger technisch zu sagen: Der Delahaye darf auch künftig schön altern, ohne dabei schnell alt auszusehen.
Und weil in Aarau nach der Arbeit bekanntlich vor der Arbeit ist, steht bereits der nächste prominente Patient in der Werkstatt. Ein Talbot-Lago T150C SS «Teardrop» von 1937, frisch dekoriert mit dem Sieg bei «Icons on Wheels» in St. Moritz und dem Titel «Best of Show». Nach Eis, Schnee und vielen Fahrten braucht auch ein Sieger Pflege. Damit er nicht nur gewonnen hat, sondern weiterhin so aussieht. Wir bemühen uns, über diese Rarität in den nächsten Wochen berichten zu können.