Von Heinz Schneider (Text)
Wenn man im Zürcher Oberland über Motorsport spricht, dann fällt der Name Hinwil oft früher als der von Monza. Hier, zwischen Werkhallen, Pendlerzügen und dem ganz normalen Schweizer «Wir machen das sauber»-Alltag, ist über Jahrzehnte ein Stück Formel-1-Alltag gewachsen, das kaum je im Rampenlicht stand: Lack. Nicht der Glamour-Lack für Messeauftritte, sondern der, der bei 300 km/h, Bremsstaub und Boxenstress nicht einknickt. Und genau hier beginnt Audis neue Formel-1-Geschichte – mit einem Farbnebel, der erstaunlich viel über eine ganze Team-Ära erzählt.
Audi steigt 2026 in die Formel 1 ein, und das ehemalige Sauber-Team, das diese Königsklasse seit Jahren aus der Schweiz heraus denkt und baut, heisst nun offiziell Audi Revolut F1. Der Auftritt zur neuen Identität fand in Berlin statt: Partner, Teamname, Richtung – der übliche Saisonstart-Zeremonialakt, nur eben mit dem feinen Unterton «Jetzt wird es ernst».
Dass nach den Sauber-Rennwagen nun auch die Audi-Boliden weiterhin in der Schweiz und nicht irgendwo «im Ausland» lackiert werden, ist kein Zufall und schon gar kein Marketing-Gag. Es ist eher die Fortsetzung einer Beziehung, die im Formel-1-Kosmos fast schon unverschämt lang hält: seit bald 40 Jahren ist Erik Buser Teil dieser Geschichte. Einer dieser Namen, die im Fahrerlager nicht auf den Caps stehen – aber ohne die am Montag nach einem Crash niemand weiterarbeiten würde. Buser, Mitinhaber und Geschäftsführer der Art Lack Atelier GmbH, begann nach einigen Anstellungsjahren 1998 in Hinwil mit seiner Einzelfirma «Spritzatelier Erik Buser», damals vor allem für Sauber.
Für Audis Debütjahr 2026 ist Glasurit – die Marke von BASF Coatings – als Lacklieferant an Bord. Das ist mehr als ein Logo auf dem Auto: Die exklusive Beschichtung des Audi R26 wird mit der Glasurit Reihe 100 entwickelt und appliziert, und die Ansage dahinter ist klar: maximale Performance, minimale ökologische Hypothek. In der Welt, in der jedes Gramm zählt und jeder Prozessschritt Zeit frisst, ist Lack nicht Dekoration, sondern Technologie.
Die Reihe 100 wird als fortschrittlichstes, ultraleichtes, wasserbasiertes Basislacksystem mit niedrigem VOC-Gehalt beschrieben – entwickelt für aussergewöhnliche Farbgenauigkeit und Oberflächenqualität. Und sie bringt, nüchtern gemessen, einen handfesten Vorteil: bis zu 40 Prozent kürzere Prozesszeiten, laut Angaben die schnellste Produktlinie der Branche. In einem Umfeld, in dem man für zwei Zehntelsekunden im Qualifying Millionen ausgibt, klingt «schneller trocknen» plötzlich erstaunlich sexy.
Interessant ist, wie sich hier die neue Audi-Erzählung über die Oberfläche definiert. Das Farbdesign des R26 soll Audis Designphilosophie spiegeln: «klar, technisch, intelligent und emotional». Diese vier Begriffe stehen da wie ein Versprechen – und wie eine kleine Herausforderung an jeden, der schon einmal versucht hat, «emotional» in Titanium Grey zu giessen, ohne dass es nach Dienstwagenparkplatz aussieht. Beim R26 gelingt der Spagat über Kontraste: Der Wagen trägt ein massgeschneidertes Titanium Grey, flankiert von sichtbaren Carbonflächen und akzentuiert durch Audi Lava Red. Beide Farbtöne wurden durch die Farbexpertise von Glasurit exklusiv formuliert und optimiert. Das ist die Art Detail, die in der Fotogalerie schnell untergeht, im realen Licht aber den Unterschied macht: Grau ist nicht gleich Grau, und Rot ist in der Formel 1 nie einfach nur Rot – es ist Identität, Wiedererkennbarkeit, manchmal sogar Psychologie.
Abgerundet – und im wörtlichen Sinn geschützt – wird das Ganze durch den Klarlack: Glasurit Ara Class Eco Balance, Typ A-C-24. Hier wird es spannend für alle, die Nachhaltigkeit nicht als Sticker, sondern als Chemie verstehen wollen. Dieser Klarlack nutzt Rohstoffe aus Altreifen, um fossile Einsatzstoffe zu substituieren, und soll damit zur Kreislaufwirtschaft beitragen – mit bis zu 40 Prozent weniger CO₂ pro Kilo Produkt. Das ist kein romantischer Waldspaziergang, sondern Industriepraxis: aus einem Abfallproblem wird ein Rohstoffstrom, der in einem Hightech-Sport seinen Platz findet.
Und dann steht er da, der Audi R26, bereit für eine Saison, die für das Team mehr sein wird als nur ein Namenswechsel. In der Werkhalle im Zürcher Oberland ist das kein pathetischer Moment, eher ein leises Nicken: wieder ein Auto, wieder eine Deadline, wieder dieser feine Tanz zwischen Perfektion und Zeitdruck. Aber es ist eben doch ein Einschnitt. Sauber wird zu Audi, Hinwil bleibt Hinwil, und die Farbe auf dem Carbon erzählt: Hier beginnt etwas Neues, ohne die Herkunft zu verleugnen.