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    Chevrolet als Meisterstück: Zürcher Lernende lackieren auf Topniveau

Von Heinz Schneider (Text) und Irene Schneider (Fotos)

Der Chevrolet Camaro steht im Alltag eher für Hubraum, Haltung und ein gewisses amerikanisches Selbstbewusstsein. In den Händen angehender Carrosserielackierer/innen im vierten Lehrjahr wird er hingegen als Modellauto zur Leinwand – und Prüfung zugleich. Eine Aufgabe, die weit über das blosse Auftragen von Farbe hinausgeht. Es ist ein Balanceakt zwischen künstlerischer Ambition und handwerklicher Präzision, zwischen Idee und Ausführung, zwischen Kopf und Hand.

36 Lernende der Sektion Zürich haben sich dieser Herausforderung gestellt und ihre kreativ gestalteten und lackierten Modellautos kürzlich in den Räumen der «Berufsschule für Gestaltung» in Zürich präsentiert. Und bewerten lassen. Über 100 Gäste – Familienmitglieder, Prüfungsexperten, Lehrpersonen – wandelten durch die Klassenzimmer, die sich für einen Tag in eine Art automobile Galerie verwandelten. Was dort zu sehen war, hatte mit Modellbau im herkömmlichen Sinn nur noch am Rande zu tun. Es war vielmehr eine Verdichtung dessen, was diese Ausbildung ausmacht: Können, Geduld, Präzision – und nicht zuletzt Mut.

Denn Mut braucht es. Der kreative Teil der Arbeit verlangt von den Lernenden, sich an einem Künstler zu orientieren, dessen Werk zu studieren und daraus eine eigene Interpretation zu entwickeln. «Man muss sich mit dem gewählten Künstler intensiv auseinandersetzen. Und sich bewusst sein, welche Techniken anzuwenden sind, um seinem Vorbild gerecht zu werden», erklärt Rolf Baumgartner (Berufsfeldkoordinator Lack). Ein Satz, der nüchtern klingt – und doch eine enorme Fallhöhe in sich trägt. Wer sich hier übernimmt, scheitert nicht nur an der Idee, sondern oft auch an der Umsetzung.

Gleichzeitig bleibt die Aufgabe fest im Handwerk verankert. Strukturen müssen erarbeitet, Arbeitsprozesse dokumentiert, eine Reparatur am Heckdeckel fachgerecht ausgeführt werden. Vorbereitung, Abdecken, Lackieren – jede Phase wird kritisch begutachtet. Engagement, Selbständigkeit, saubere Ausführung und die Qualität der Dokumentation fliessen ebenso in die Bewertung ein wie die Fähigkeit, einen klaren Arbeitsprozess zu formulieren. Wer seinem Camaro zusätzlich «echte» Räder verpasst, darf sich obendrein über drei Extrapunkte in der Bewertung freuen – ein charmantes Detail, das zeigt, wie sehr hier auch die Liebe zum Objekt zählt.

Und dann stehen sie da, diese 36 Camaros. Jeder für sich ein Statement. Manche laut, fast schon rebellisch. Andere zurückhaltend, präzise, fast akademisch. Doch eines eint sie alle: eine erstaunliche Reife in der Ausführung. Wer sich durch die Räume bewegte, merkte schnell, dass hier nicht einfach geübt wird – hier wird bereits auf bemerkenswert hohem Niveau gearbeitet. Es sind Arbeiten, die Respekt einfordern – und ohne Ausnahme bekommen.

Am Ende setzte sich Emanuele Antonazzo vom Carrosserie- und Autospritzwerk Birolini durch – Rang 1. Dahinter folgen Kim Schnyder (Walde Carrosserie AG) und Thierry Westermann (AMAG). Ein Podium, das die Vielfalt der Ansätze ebenso widerspiegelt wie die Dichte an Qualität. Eine besondere Note erhielt die Veranstaltung durch den Publikumspreis: Die anwesenden Gäste bestimmten ihren persönlichen Favoriten per Smartphone – und wählten gleich drei Frauen an die Spitze. Isabella Francesca Ceccotti (AMAG) gewann vor Kim Schnyder und Flurina Schläpfer (Autospritzwerk André Ehmann GmbH).

Bei aller Begeisterung für die Arbeiten bleibt jedoch ein schaler Beigeschmack. Einige der Ausbildner und Firmenchefs glänzten durch Abwesenheit – sie meldeten sich erst gar nicht an oder sagten ab. Gerade an einem Tag, der für die Lernenden so etwas wie ein öffentlicher Prüfstein ist, wirkt das als lauter Misston. Wer Nachwuchs fordert, sollte ihn auch begleiten. Alles andere untergräbt die Glaubwürdigkeit – und letztlich auch den Anspruch an die eigene Branche.

Was bleibt, ist der Eindruck eines Jahrgangs, der bereit ist. Bereit, Verantwortung zu übernehmen, bereit, sich zu zeigen – und bereit, mehr zu leisten als das Erwartbare. Diese kleinen Camaros sind keine Spielzeuge. Sie sind Visitenkarten. Und sie erzählen von einer Generation, die das Handwerk nicht nur beherrscht, sondern ihm auch eine eigene Handschrift verleiht.