Von Heinz Schneider (Text)
Es klingt inzwischen wie ein Refrain, den man in Stuttgart-Zuffenhausen lange für ausgeschlossen hielt: Porsche muss kürzertreten. Nicht auf der Landstrasse, nicht auf der Rennstrecke, sondern dort, wo es schmerzhafter ist – in der Strategie, in der Organisation, im Selbstverständnis. Die deutsche Autoindustrie, einst mit kräftigem Ladedruck auf der Überholspur unterwegs, wirkt zunehmend wie ein Konvoi auf dem Pannenstreifen. Und Porsche, lange der glänzende Sonderfall im Konzernverbund, liefert nun das nächste Kapitel dieser Ernüchterung.
Vorstand und Aufsichtsrat haben weitreichende Massnahmen im Rahmen einer strategischen Neuausrichtung beschlossen. Das klingt in der Sprache grosser Unternehmen zunächst nach Planspiel, Portfolio-Optimierung und kontrolliertem Umbau. Tatsächlich aber geht es um harte Einschnitte: Nach dem Verkauf der Anteile an Bugatti Rimac und der Rimac Group sollen nun auch die Tochtergesellschaften Cellforce Group GmbH, Porsche eBike Performance und Cetitec GmbH nicht weitergeführt werden. Mehr als 500 Mitarbeitende sind betroffen. Hinter jeder Zahl steht eine Existenz, hinter jeder Schliessung ein Stück Hoffnung, das vor nicht allzu langer Zeit noch als Zukunft verkauft wurde.
Porsche-Chef Michael Leiters formuliert die Lage entsprechend nüchtern: «Porsche muss sich wieder auf sein Kerngeschäft fokussieren. Das ist die unabdingbare Grundlage für eine erfolgreiche strategische Neuausrichtung. Das zwingt uns zu schmerzhaften Einschnitten – auch bei unseren Tochtergesellschaften.» Es ist ein Satz, der nach Aufräumen klingt, aber auch nach Rückzug. Porsche muss sich wieder fokussieren – man hört darin auch, dass man sich zuvor verzettelt hat. In Batteriezellen, in E-Bike-Antrieben, in Softwarefeldern. In jenen Randbereichen also, die gestern noch als Bausteine einer glänzenden Mobilitätszukunft galten und heute plötzlich nicht mehr tragfähig genug erscheinen.
Besonders symbolträchtig ist der Fall Cellforce. Die Gesellschaft sollte einst ein Signal setzen: Porsche wollte bei Hochleistungsbatterien nicht nur Kunde, sondern Gestalter sein. Doch im Rahmen der neuen, als technologieoffen beschriebenen Antriebsstrategie sieht der Konzern für Cellforce keine ausreichend tragfähige Perspektive mehr. Die Geschäftsleitung soll Gespräche mit dem Betriebsrat zur Schliessung aufnehmen. Rund 50 Mitarbeitende sind betroffen. Für einen Sportwagenhersteller, der seine Zukunft in der Elektromobilität immer wieder mit Ingenieursstolz und Performance-Rhetorik aufgeladen hat, ist das mehr als eine Fussnote. Es ist ein deutlicher Hinweis darauf, wie schwierig der Weg zwischen politischem Erwartungsdruck, Marktunsicherheit und industrieller Realität geworden ist.
Noch grösser ist der Einschnitt bei Porsche eBike Performance. Die GmbH wurde gegründet, um leistungsstarke E-Bike-Antriebssysteme zu entwickeln und weltweit zu vermarkten. Auch das passte einst perfekt in die Erzählung einer breiteren Porsche-Mobilitätswelt: sportlich, elektrisch, hochwertig, urban. Nun ist von grundlegend veränderten Marktbedingungen die Rede. Die Aktivitäten des Joint Ventures werden eingestellt, die Betriebsschliessung an den Standorten Ottobrunn und Zagreb betrifft rund 350 Mitarbeitende. Das ist nicht nur eine betriebswirtschaftliche Korrektur, sondern auch ein Eingeständnis: Nicht überall, wo Porsche draufsteht oder Porsche-Technik drinsteckt, entsteht automatisch ein tragfähiges Geschäftsmodell.
Auch Cetitec in Pforzheim steht vor dem Aus. Das Unternehmen entwickelte spezialisierte Software für Datenkommunikation – nicht nur für Porsche, sondern für den gesamten VW-Konzern. Doch auch hier habe sich das Marktumfeld verändert, Entwicklungsumfänge seien verlagert worden. Rund 60 Mitarbeitende in Deutschland und 30 in Kroatien sind betroffen. Gerade dieser Schritt zeigt, dass die Neuausrichtung nicht nur exotische Zukunftsprojekte trifft, sondern auch jene technischen Dienstleistungsbereiche, die im modernen Auto eigentlich an Bedeutung gewinnen müssten. Software gilt seit Jahren als Achillesferse der deutschen Hersteller. Dass ausgerechnet in diesem Feld eine Porsche-Tochter geschlossen werden soll, dürfte kaum als Zeichen ungetrübter Stärke gelesen werden.
Von einem Niedergang zu sprechen, ist heikel. Porsche ist nicht plötzlich ein Sanierungsfall, der mit Warnblinkanlage am Standstreifen steht. Die Marke besitzt noch immer eine Strahlkraft, um die sie viele Hersteller beneiden. Ihre Produkte geniessen weltweit hohes Ansehen, ihre Historie ist reich, ihre Kundschaft treu und zahlungskräftig. Doch genau darin liegt die Brisanz: Wenn selbst Porsche scharf bremst, Tochterfirmen schliesst und Zukunftsprojekte abräumt, dann geht es nicht um einen kleinen Kratzer im Lack. Dann zeigt sich, dass der Umbau der Branche härter, teurer und unsicherer ist, als es viele ideologisierte Präsentationsfolien beschworen haben.
Schadenfreude wäre fehl am Platz. Dafür hängen zu viele Arbeitsplätze, zu viel Know-how und zu viel industrielle Substanz an diesen Entscheidungen. Aber ein nüchterner Blick ist nötig. Porsche zieht sich auf sein Kerngeschäft zurück, weil die Breite der Ambitionen offenbar nicht mehr zur Realität des Marktes passt. Das kann klug sein. Es kann sogar notwendig sein. Doch es ist auch ein Warnsignal. Denn wer sich fokussieren muss, tut dies selten aus Übermut, sondern meist, weil die Kräfte nicht mehr für alles reichen.
Die eigentliche Frage lautet nun, ob Porsche diesen Rückzug als kontrollierten Boxenstopp nutzen kann – Reifen wechseln, Strategie nachschärfen, wieder hinaus auf die Ideallinie – oder ob daraus eine längere Standzeit wird. Die Marke hat schon öfter bewiesen, dass sie Krisen in neue Stärke verwandeln kann. Aber diesmal ist das Umfeld ungleich komplizierter: E-Mobilität bleibt teuer, Verbrenner politisch umkämpft, Software anspruchsvoll, China schwieriger, Europa träge, der Wettbewerb gnadenlos. In diesem Umfeld reicht Glanz allein nicht mehr. Auch kein Wappen auf der Haube.
Porsche steht nicht vor dem Ende. Aber vor einer Zäsur. Und die fällt umso deutlicher aus, weil sie eine Marke trifft, die lange als beinahe immun galt gegen jene Schwächen, die andere Hersteller längst plagen. Nun wird auch in Zuffenhausen sortiert, gestrichen, geschlossen. Der Mythos fährt weiter. Doch der Motor der Expansion stottert hörbar.