Von Heinz Schneider (Text) und Irene Schneider (Fotos)
Zwanzig Jahre und vier Monate lang hat Daniel Kehl als Fachlehrer gearbeitet. Das ist eine dieser Zahlen, die zunächst nüchtern klingen – wie eine sauber geführte Stundenabrechnung. Doch wer kürzlich von ihm in die Werkstatt der «Schweizerischen Technischen Fachschule Winterthur» (STFW) eingeladen war, merkte schnell: Hinter diesen zwanzig Jahren und vier Monaten steckt weit mehr als Unterricht, Lehrpläne und Prüfungsstoff. Da stecken unzählige Gespräche, korrigierte Handgriffe, klare Ansagen, aufmunternde Worte und wohl auch der eine oder andere Moment, in dem Geduld gefragt war. Vermutlich mehr als ein bisschen Geduld.
Zuletzt unterrichtete Daniel Kehl während elf Jahren die angehenden Fahrzeugschlosser an der STFW. Sein Lehrprinzip war so einfach wie wirksam: «Geht nicht, gibt’s nicht.» Ein Satz, der in einer Werkstatt besser klingt als jede pädagogische Abhandlung. Weil er nach Ärmelhochkrempeln klingt. Nach Nachdenken, Ausprobieren, nochmals Ansetzen. Und nach jener Haltung, die im Handwerk oft den Unterschied macht zwischen «fast fertig» und «richtig gut».
Nun ist Schluss. Daniel Kehl geht in Pension. Gefeiert wurde dort, wo es wohl kaum passender hätte sein können: in seiner Werkstatt, beinahe so etwas wie seine zweite Heimat. Vor 14 Jahren hat er sie eingerichtet, während elf Jahren hat er dort unterrichtet. Jetzt füllte sich der Raum nicht mit Lernenden, Werkzeugwagen und Werkstattgeräuschen, sondern mit rund 60 Gästen: Familie, ehemalige und aktuelle Arbeitskollegen, Weggefährten. Es wurde geredet, gelacht, erinnert – und ja, auch ein wenig geschluckt. Solche Abschiede haben die Eigenart, dass sie sich erst festlich anfühlen und dann plötzlich sehr persönlich werden.
Es war eine Feier, bei der man Daniel Kehl nicht nur verabschiedete, sondern ihn noch einmal neu kennenlernte. Natürlich gab es Reden, festlich und gefühlvoll, aber nie schwerfällig. Und es gab ein Daniel-Quiz mit 25 Fragen zu seiner Tätigkeit, seinem Werdegang und seinen Freizeitaktivitäten. Dass er gerne fischt, Mofas restauriert und früher Schlagzeug gespielt hat, war für viele keine Überraschung. Bei anderen Fragen hingegen half vermutlich nur eines: ihn entweder seit vierzig Jahren zu kennen – oder sehr überzeugend zu raten.
Die Arbeitskollegen hatten sich einiges einfallen lassen, um ihren Pensionär zu würdigen. Besonders schön: Das Carrosserieteam liess einen ferngesteuerten Lastwagen vorfahren, den ihr ehemaliger Kollege rückwärts in einen anderen Raum parkieren musste. Natürlich. Wer jahrzehntelang jungen Berufsleuten Präzision beigebracht hat, darf zum Abschied ruhig noch einmal zeigen, dass er sie selbst beherrscht.
Dort wurde der Anhänger beladen – mit einem Töffli-Tank in herrlicher Lackierung. Auf der einen Seite stand in eleganter Schrift «Pensionär 2026», auf der anderen: «Eine echte Legende verlässt das Gelände». Im Innern des Tanks versteckten die Kollegen zudem eine Flasche mit «explosivem» Benzin. Ein Geschenk mit Lack, Humor und Herz – also ziemlich genau jene Mischung, die zu Daniel Kehl passt.
Als Arbeitskollege Luciano Poppi das Geschenk präsentierte und seinen ehemaligen Kollegen verabschiedete, wurde es stiller im Raum. Poppi sagte Sätze wie: «Dani hat immer vorausgedacht», «er ist einer der ehrlichsten Menschen, die ich kenne» und «er war die grosse Stütze in unserem Team». Dabei war er nicht der Einzige, dem kurz die Stimme versagte. Es sind diese Momente, in denen eine Pensionierungsfeier aufhört, ein Programmpunkt zu sein. Dann geht es nicht mehr um Dienstjahre, Funktionen oder Zuständigkeiten. Dann geht es um den Menschen.
Vorgeführt wurde auch ein liebevoll gemachter Film, in dem Kehl von seinen Kollegen in Interviews «ausgequetscht» wurde. Man erfuhr, wie bewusst er seine Verantwortung als Fachlehrer vom ersten Tag an wahrgenommen hat. Und was er alles unternommen hat, um eine vertrauensvolle Beziehung zu seinen Lernenden aufzubauen. «Das war mir stets sehr wichtig. Schliesslich begegnet man sich später immer wieder an Ausstellungen, Events, an Generalversammlungen oder QV-Feiern. Da ist es wichtig, dass man einander mit Respekt und Vertrauen gegenübertreten kann», sagte er. Ein Satz, der viel über ihn erzählt. Denn gute Ausbildung endet nicht an der Werkstatttür. Sie zeigt sich später, wenn man sich wieder trifft – auf Augenhöhe.
Seit diesen Tagen ist nun Schluss mit Schule. Daniel Kehl wird seinen Ruhestand in vollen Zügen geniessen, wie er verriet. Zuerst stehen ein paar Ruhetage an. Danach geht es mit seiner Partnerin Michèle Coray nach Bosnien und Serbien. Mit Sohn Dominik reist er zudem für 20 Tage nach Alaska – zum Fischen. Man darf davon ausgehen, dass dort nicht nur Fische warten, sondern auch Ruhe, Weite und Geschichten, die später in irgendeiner Werkstatt wieder erzählt werden.
Und dann sind da noch die vielen Töfflis. Jene, die gepflegt werden wollen. Und jene, die in seiner Werkstatt darauf warten, wieder auf Vordermann gebracht zu werden. Ganz pensioniert klingt das nicht. Aber vielleicht ist das genau richtig so. Daniel Kehl verlässt die Schule, nicht aber das Handwerk. Die STFW verliert einen Fachlehrer, der geprägt hat. Die Werkstatt wird ohne ihn anders klingen. Doch wer so lange Spuren hinterlassen hat, verschwindet nicht einfach «aus dem Gelände.» Auch dann nicht, wenn auf einem Töffli-Tank steht, dass eine Legende es gerade verlässt.