Von Heinz Schneider (Text)

Indiens Weg zu mehr Energiesicherheit beginnt ausgerechnet dort, wo kaum jemand eine automobile Zukunft vermuten würde: im Kuhstall. Rinderdung, bislang vor allem Nebenprodukt einer riesigen Landwirtschaft, soll künftig helfen, Fahrzeuge anzutreiben und die Abhängigkeit des Landes von importierten Treibstoffen zu verringern. Mittendrin steckt Suzuki – mit einem Projekt, das zeigt, dass alternative Mobilität nicht zwingend von Ladekabel und Lithium abhängig ist.

Die Bio-CNG-Anlage «Banas Suzuki» im westindischen Bundesstaat Gujarat verarbeitet täglich rund 88 Tonnen Rindermist. In mehreren Schritten entsteht daraus erneuerbares, komprimiertes Gas, das sich wie herkömmliches CNG in Personenwagen oder Autorikschas nutzen lässt. Verkauft wird das Gas für rund 80 Rupien pro Kilo, umgerechnet etwa 67 Rappen – 17 Rappen weniger als Benzin.

Hinter dem Projekt stehen Suzuki und Banas Dairy, eine der grössten Molkereigenossenschaften Asiens. Landwirte aus 16 umliegenden Dörfern sammeln den Rinderdung und liefern ihn an die Anlage. Pro Kilo erhalten sie etwa eine Rupie. Was zuvor auf Feldern oder hinter Ställen verrottete, wird damit zu einer kleinen zusätzlichen Einnahmequelle.

Das Gas reicht nach Schätzungen aus, um täglich zwischen 600 und 700 Autos zu versorgen. Selbst nach der Produktion bleibt kaum Abfall übrig. Die festen Rückstände werden zu organischem Dünger verarbeitet und an die landwirtschaftlichen Betriebe zurückgegeben. Der Kreislauf schliesst sich also dort, wo er begonnen hat – nur dass unterwegs noch ein paar Autos und Rikschas bewegt wurden.

Für Indien kommt die Technik zur richtigen Zeit. Die jüngsten Verwerfungen auf den internationalen Energiemärkten und der Konflikt im Nahen Osten haben erneut gezeigt, wie verwundbar das Land durch seine hohen Treibstoffimporte ist. Gemeinsam mit Japan wurde deshalb ein strategischer Plan vereinbart, der den Bau von bis zu 1000 neuen Biogasanlagen vorsieht. Zudem erwägt die indische Regierung höhere Vergütungen für Biogasproduzenten, um private Investitionen anzukurbeln.

Suzuki betrachtet das Engagement nichtals grünes Feigenblatt – und versucht, die Infrastruktur für seine CNG-Autos gleich selbst mitzuentwickeln. Das erinnert ein wenig an Tesla, das den Erfolg seiner Elektroautos mit einem eigenen Schnellladenetz absicherte. Nur stehen bei Suzuki keine futuristischen Ladesäulen im Mittelpunkt, sondern Milchkühe und ihre Hinterlassenschaften.

Der Ausbau auf 1000 Anlagen bleibt dennoch eine gewaltige Aufgabe. Sammelnetze müssen aufgebaut, Transporte organisiert, Anlagen finanziert und Tankmöglichkeiten geschaffen werden. Die heutige Biogasproduktion deckt erst einen winzigen Teil des indischen Energiebedarfs. Gelingt der Aufbau jedoch, könnte Kuhdung vom ungeliebten Abfallstoff zum strategischen Rohstoff werden. Nicht besonders glamourös, gewiss. Aber Mobilität war bekanntlich noch nie eine Frage des Parfüms.