Von Dennis Schneider (Text)
Die Ferienabzocke trägt heute selten Goldkette, Sonnenbrille und schlechtes Gewissen. Sie kommt als QR-Code am Parkautomaten, als freundlicher Helfer am Pannenstreifen oder als Vignetten-Shop, der aussieht, als hätte ihn eine Behörde persönlich gesegnet. Früher musste man in eine dunkle Seitengasse geraten, um ausgenommen zu werden. Heute reicht oft ein Klick vor der Abfahrt.
Gerade für Schweizer Autofahrer ist das Thema aktueller denn je. Die Sommerroute Richtung Süden ist längst nicht mehr nur eine Frage von Stau, Hitze und viel zu teurem Raststättenkaffee. Zwischen E-Vignette, Maut, Umweltplakette, Mietwagen und Pannenhilfe ist ein kleines Parallelgeschäft entstanden. Es lebt von Eile, Unsicherheit und der simplen Tatsache, dass man in den Ferien selten Lust hat, in fremden Sprachen Kleingedrucktes zu studieren.
Der erste Angriff erfolgt oft, bevor der Motor läuft. In der Schweiz warnt das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit vor Onlinebetrug rund um die E-Vignette. Falsche Webseiten und betrügerische Nachrichten fordern dazu auf, Zahlungsdaten erneut einzugeben. Die offizielle Schweizer E-Vignette kostet 40 Franken, eine Kaution gibt es nicht. Wer mehr bezahlt oder per Mail zur erneuten Eingabe von Kreditkartendaten gedrängt wird, steht ziemlich sicher nicht vor einer digitalen Amtsstube, sondern vor einer gut lackierten Falle.
Ähnlich sieht es in Österreich und Slowenien aus. Die österreichische ASFINAG warnte Anfang Juni vor gefälschten Nachrichten, in denen angebliche offene Forderungen wegen fehlender Vignette behauptet werden. Sloweniens Autobahngesellschaft DARS macht ebenfalls auf nicht autorisierte Verkäufer von E-Vignetten aufmerksam. Das Problem ist nicht nur ein happiger Zuschlag. Im schlimmsten Fall wird gar keine gültige Vignette gekauft oder das Kontrollschild falsch hinterlegt. Dann ist das Geld weg, die Strafe aber bleibt. Eine bemerkenswerte Arbeitsteilung: Der Betrüger kassiert, der Staat büsst.
Auch Frankreich bietet für Autoreisende eine moderne Variante des alten Tricks. Die Crit’Air-Plakette, nötig für verschiedene Umweltzonen, wird immer wieder als Köder für Fake-Webseiten und Phishing genutzt. Betrüger kopieren den Look offizieller Seiten, schicken SMS oder Mails und lotsen Autofahrer auf gefälschte Portale. Wer nach Paris, Lyon, Grenoble oder in andere Umweltzonen fährt, braucht also nicht nur die richtige Plakette, sondern auch einen gesunden Zweifel am ersten Suchresultat.
Unterwegs wird die Sache handfester. Besonders eindrücklich ist Spanien. Dort warnen ausländische Behörden seit Jahren vor Trickdieben auf Autobahnen und Küstenrouten. Die Masche ist einfach und gerade deshalb so wirksam: Ein anderes Auto fährt nebenher, die Insassen gestikulieren wild, angeblich ist am eigenen Fahrzeug etwas defekt. Wer anhält, steigt aus, lässt Türen oder Kofferraum unbewacht – und genau darauf warten die Täter. In Katalonien wurden im Dezember 2025 auf der AP-7 bei Cambrils zwei Männer festgenommen, die ein ausländisches Touristenpaar mit einer vorgetäuschten Reifenpanne zum Anhalten gebracht haben sollen. Laut Bericht hatten die beiden zusammen 66 frühere Einträge wegen Eigentumsdelikten. Das ist keine Ferienlegende aus dem Internet, sondern ziemlich nüchterne Kriminalstatistik mit Autobahnanschluss.
Der österreichische ÖAMTC warnt zudem vor Pannenhilfe-Piraterie auf beliebten Reiserouten. Besonders genannt werden Kroatien, etwa die Strecke Zagreb–Rijeka und weiter Richtung Zadar, ausserdem Serbien und Slowenien. Das Muster: Kaum steht ein Auto mit Panne auf dem Pannenstreifen, ist wie durch göttliche Fügung ein Abschleppdienst zur Stelle. Nur führt diese Fügung nicht zur nächsten Werkstatt, sondern gerne zu einer deutlich weiter entfernten Adresse mit deutlich höherer Rechnung. Der vermeintliche Retter fährt vor, bevor man überhaupt Hilfe rufen konnte. Praktisch? Ja. Zufällig? Wohl eher nicht.
Dazu kommen die kleinen digitalen Fallen des Alltags. Stuttgart warnte im Juni erneut vor gefälschten QR-Codes an Parkscheinautomaten. Kriminelle kleben falsche Codes über bestehende Hinweise oder bringen zusätzliche Sticker an. Wer scannt, landet nicht bei der Park-App, sondern auf einer betrügerischen Webseite und gibt dort Bankdaten preis. Dasselbe Muster tauchte auch in Den Haag auf. Es ist die wohl zeitgemässeste Form des Taschendiebstahls: kein Griff in die Jacke, kein Gedränge, kein Trick mit der Stadtkarte. Nur ein sauberer Aufkleber und ein Handy in der Hand.
Am Ferienort wartet dann oft der Mietwagen. Auch hier geht es selten um spektakuläre Einzelfälle, sondern um ein bekanntes System aus Druck, Zusatzkosten und schlechter Beweisbarkeit. Das Netzwerk der Europäischen Verbraucherzentren registrierte 2025 mehr als 6000 Beschwerden im Zusammenhang mit Mietwagenfirmen. Typische Streitpunkte sind Zusatzversicherungen, die am Schalter plötzlich «notwendig» sein sollen, nicht akzeptierte Kreditkarten, unklare Verträge, nachträglich verrechnete Kratzer, teure Administrationsgebühren und schwache Reklamationswege. Besonders ärgerlich ist die digitale Unterschrift am Tablet: schnell gesetzt, schlecht verstanden, später schwer zu widerlegen. Wer im Flughafenbüro nach einem langen Flug mit müden Kindern und Gepäck am Bein diskutiert, unterschreibt oft nicht aus Überzeugung, sondern aus Erschöpfung. Genau darauf baut das Modell.
Die Lehre daraus ist banal, aber wirksam. Vignetten und Umweltplaketten nur über offizielle Seiten kaufen. Bei QR-Codes an Parkautomaten nicht einfach reflexartig scannen, sondern die App direkt aus dem App Store oder Google Play öffnen. Bei einer Panne zuerst den eigenen Mobilitätsclub, die Versicherung oder die offizielle Notrufnummer kontaktieren. Keine Wertsachen sichtbar im Auto lassen, auch nicht für fünf Minuten, auch nicht «nur schnell» an der Raststätte. Und beim Mietwagen jedes Blech, jede Felge und jede Scheibe fotografieren – vor der Fahrt, nach der Rückgabe, mit Uhrzeit und Umgebung im Bild.
Das klingt nach Misstrauen. Ist es auch. Aber ein sehr vernünftiges. Denn die Ferienabzocke hat sich professionalisiert. Sie ist schneller, digitaler und höflicher geworden. Sie trägt heute Behördendesign, Warnweste oder QR-Sticker. Und sie weiss genau: Wer in die Ferien fährt, will ankommen. Genau in diesem Moment wird aus Entspannung ein Geschäftsmodell.