Dennis Schneider (Text)
Bertrand Piccard kommt nicht nach Frankfurt, um der Autobranche Verzicht zu predigen. Der Schweizer Flugpionier und Psychiater setzt auf eine Botschaft, die in einer Industrie im Umbruch deutlich besser verfängt: Nachhaltigkeit soll sich nicht nur gut anhören, sondern wirtschaftlich rechnen.
Piccard eröffnet am 8. September das CEO Breakfast der Automechanika Frankfurt. Das exklusive Treffen findet zum dritten Mal zum Auftakt der Fachmesse statt. Der Schweizer steht jedoch erstmals auf dieser Bühne. Bei der Premiere 2022 sorgten der frühere Formel-1-Weltmeister Mika Häkkinen und Motorsportmanager Mark Gallagher für Impulse, zwei Jahre später war der ehemalige Spitzenschiedsrichter Pierluigi Collina zu Gast.
In Frankfurt spricht Piccard über Innovationskraft, Pioniergeist und die wirtschaftlichen Chancen der nachhaltigen Transformation. Eine vollkommen neue Botschaft ist das nicht. Seit Jahren wirbt der 68-Jährige dafür, Ökologie nicht als kostspielige Pflichtübung zu behandeln. Saubere Technologien müssten Unternehmen effizienter machen, Kosten senken und neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnen. Nur dann werde aus einem politischen Schlagwort ein tragfähiges Geschäftsmodell.
Piccard weiss, wie man solchen Gedanken Aufmerksamkeit verschafft. 1999 umrundete er gemeinsam mit Brian Jones als erster Mensch die Erde nonstop in einem Ballon. Später folgte mit André Borschberg die Weltumrundung im Solarflugzeug «Solar Impulse». Das Flugzeug war nicht für den Linienverkehr gebaut. Es war ein fliegender Beweis dafür, dass technische Grenzen verschoben werden können, wenn jemand bereit ist, sie nicht als Naturgesetz zu behandeln.
Sein jüngstes Projekt trägt den Namen «Climate Impulse». Gemeinsam mit dem französischen Ingenieur Raphaël Dinelli will Piccard 2029 erneut nonstop um die Welt fliegen, diesmal mit einem emissionsfreien Flugzeug, das mit flüssigem Wasserstoff angetrieben wird. Geplant sind rund 40'000 Kilometer ohne Zwischenlandung. Auch dieses Vorhaben ist weniger als unmittelbare Lösung für die Luftfahrt gedacht denn als technologisches Signal: Was heute gewagt erscheint, kann morgen zum Ausgangspunkt neuer Entwicklungen werden.
Für den Automotive Aftermarket ist dieser Gedanke nicht ganz nebensächlich. Werkstätten, Zulieferer und Teilehersteller stehen längst vor der Frage, wie sie neue Antriebe, Digitalisierung, Kreislaufwirtschaft und strengere Umweltvorgaben in funktionierende Geschäftsmodelle übersetzen. Nach Piccards Auftritt diskutieren deshalb Vertreter von Aumovio, Castrol, Continental, Mann + Hummel, Schaeffler und ZF über die Herausforderungen der Mobilitäts- und Zulieferindustrie.
Das CEO Breakfast findet am 8. September im Forum der Messe Frankfurt statt. Einlass und Frühstück beginnen um 7 Uhr, das Programm startet um 7.30 Uhr. Die Automechanika Frankfurt dauert bis zum 12. September. Piccard wird die Branche dabei kaum mit einer vollkommen neuen Geschichte überraschen. Aber möglicherweise mit einer Erinnerung, die gerade in Zeiten des Umbruchs ihren Wert hat: Fortschritt beginnt selten dort, wo alle bereits überzeugt sind.