Dennis Schneider (Text)

Alte Jacken, ausgediente Sportkleidung und technische Textilien könnten künftig dort landen, wo man sie bislang kaum vermutet hätte: als Rohstoff für neue Industrieprodukte und möglicherweise auch für Komponenten im Reifenbau. Der französische Reifenhersteller Michelin und das europäische Deeptech-Startup Syntetica wollen gemeinsam ein Verfahren industrialisieren, mit dem sich Nylon aus schwer recycelbaren Mischgeweben zurückgewinnen lässt.

Das Problem ist bekannt. Ein grosser Teil moderner Textilien besteht nicht aus einer einzigen Faser, sondern aus einem Gemisch aus Nylon, Polyester, Baumwolle oder Elastan. Was beim Tragen praktisch ist, wird beim Recycling zum Stolperstein. Die einzelnen Bestandteile lassen sich mit herkömmlichen Methoden nur mit grossem Aufwand oder gar nicht mehr voneinander trennen. Entsprechend gering ist der Anteil alter Textilien, die tatsächlich wieder zu hochwertigen Rohstoffen verarbeitet werden.

Syntetica setzt deshalb auf ein patentiertes chemisches Verfahren. Nylonhaltige Textilien werden zerkleinert und bei niedrigen Temperaturen ohne Druck behandelt. Dabei wird das Nylon auf molekularer Ebene von den übrigen Fasern getrennt. Auch Farbstoffe und andere Zusätze lassen sich entfernen. Am Ende entstehen hochreine Ausgangsstoffe für Nylon 6 und Nylon 6,6, die beiden wichtigsten Nylonvarianten für Textilien, technische Kunststoffteile und industrielle Anwendungen.

Der Schritt vom Labor in die industrielle Praxis erfolgt im Center for Sustainable Materials im Michelin Innovation Park Cataroux in Clermont-Ferrand. Michelin stellt dafür Infrastruktur, technische Teams und Erfahrung in der Materialentwicklung zur Verfügung. In einer ersten Phase sollen mehrere Tonnen Textilien verarbeitet werden. Ab 2027 ist eine grössere Demonstrationsanlage vorgesehen, mit der sich das Verfahren schrittweise auf industrielle Mengen hochfahren lässt.

Für Michelin ist die Zusammenarbeit nicht ganz uneigennützig. Nylon spielt auch im Reifenbau eine Rolle, etwa als Textilkord zur Stabilisierung der Lauffläche bei höheren Geschwindigkeiten. Ob das recycelte Material aus dem Pilotprojekt später tatsächlich in Serienreifen eingesetzt wird, ist noch offen. Der Ansatz passt jedoch zur Strategie des Konzerns: Bis 2030 sollen durchschnittlich 40 Prozent der Rohstoffe in Michelin-Reifen erneuerbar oder recycelt sein, bis 2050 sollen es 100 Prozent werden.

Zusätzlichen Schub erhält das Projekt aus Brüssel. Seit 2025 müssen Textilien in der EU getrennt gesammelt werden. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Hersteller, Recyclingfähigkeit und Kreislaufwirtschaft. Damit wächst nicht nur der Berg gesammelter Alttextilien, sondern auch der Druck, daraus wieder brauchbare Rohstoffe zu gewinnen. Genau hier setzt die Kooperation an: Aus einem schwer verwertbaren Abfallstrom soll ein Material entstehen, das erneut industriell genutzt werden kann.