Dennis Schneider (Text)
Noch eine chinesische Marke, noch zwei SUV, noch ein neuer Importvertrag. Man könnte meinen, der Schweizer Automarkt brauche dringend mehr Logos am Showroom. Doch ganz so simpel ist es nicht. Mit Geely Auto kommt nicht irgendein Start-up mit grossem Bildschirm und kleinem Vertriebsnetz in die Schweiz, sondern eine der grossen chinesischen Volumenmarken – und sie kommt über Emil Frey.
Die Emil Frey Gruppe wird offizieller Importeur von Geely Auto für die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein. Die Markteinführung ist für das dritte Quartal 2026 geplant. Zum Start stehen zwei elektrifizierte SUV-Modelle bereit: der vollelektrische Geely E5 und der Plug-in-Hybrid Starray EM-i. Damit beantwortet sich auch die naheliegende Frage gleich selbst: Geely ist keine reine Elektromarke. In Europa startet die Marke zwar klar elektrifiziert, setzt aber nicht nur auf Batterieantrieb, sondern auch auf Hybridtechnik mit Benzinmotor.
Das ist kein Zufall, sondern Strategie. Der E5 zielt als rein elektrischer SUV auf jene Kundschaft, die den Wechsel zum Stromer bereits vollzogen hat oder kurz davorsteht. Geely nennt für das Modell bis zu 475 Kilometer WLTP-Reichweite, eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 6,9 Sekunden und eine Schnellladung von 30 auf 80 Prozent in rund 20 Minuten. Der Starray EM-i dagegen spielt die pragmatischere Karte. Er kombiniert Elektroantrieb und Benzinmotor, fährt im Alltag lokal elektrisch und verspricht dennoch die Langstreckenruhe eines Hybriden. Laut Geely kommt der Plug-in-Hybrid auf bis zu 136 Kilometer elektrische WLTP-Reichweite und bis zu 1055 Kilometer kombinierte Reichweite. Das klingt nicht nach Revolution mit Fanfaren, eher nach jener nüchternen Alltagstaktik, mit der chinesische Hersteller den europäischen Markt derzeit Stück für Stück bearbeiten.
Hinter Geely Auto steht die Zhejiang Geely Holding Group mit Sitz in Hangzhou. Der Name ist in Europa längst kein Fremdkörper mehr. Zur Geely-Welt gehören unter anderem Geely, Lynk & Co und Zeekr, über die Holding zudem bekannte Namen wie Volvo, Polestar, Lotus oder Smart. Neu ist also nicht der Konzern. Neu ist, dass nun auch die eigentliche Volumenmarke Geely offiziell in die Schweiz kommt. Bisher sah man hier eher die edleren oder spezielleren Ableger. Jetzt folgt die Marke, die für Stückzahlen gedacht ist.
Für Emil Frey ist der Schritt logisch. Die Schweizer Gruppe arbeitet bereits mit Marken aus dem Geely-Kosmos zusammen. Zeekr deckt das elektrische Premiumfeld ab, Farizon steht für Nutzfahrzeuge. Mit Geely Auto kommt nun die breitere Marke für den Massenmarkt dazu. Philipp Rhomberg, CEO von Emil Frey Schweiz, spricht deshalb von einer Erweiterung der erfolgreichen Zusammenarbeit mit Geely. Das klingt nach klassischer Medienmitteilung, ist aber geschäftlich durchaus plausibel: Wer eine neue chinesische Marke in der Schweiz etablieren will, braucht mehr als ein paar Hochglanzbilder, grosse Reichweitenversprechen und ein europäisch klingendes Designstudio. Er braucht Vertrieb, Service, Ersatzteile, Kundennähe – kurz: das, was im Schweizer Markt noch immer über Erfolg oder stille Bedeutungslosigkeit entscheidet.
Emil Frey bringt genau diese Infrastruktur mit. Die 1924 in Zürich gegründete Gruppe gehört zu den grossen Namen im europäischen Automobilhandel und ist in der Schweiz seit Jahrzehnten mit asiatischen Marken vertraut. Toyota, Lexus, Subaru, Suzuki, Mitsubishi und Kia sind für Emil Frey keine exotischen Experimente, sondern Teil der eigenen Importgeschichte. Dazu kamen in jüngerer Zeit neue chinesische Namen wie Zeekr und Leapmotor. Der Blick nach Asien ist für Emil Frey also kein spontaner Ausflug, sondern längst Teil des Geschäftsmodells.
Gerade deshalb ist der Geely-Start interessant. Der Schweizer Markt ist klein, anspruchsvoll und gnadenlos nüchtern. Hier zählen nicht nur Reichweite, Touchscreen und Preis. Hier zählen Garantie, Werkstattnetz, Verfügbarkeit, Restwerte und Vertrauen. Chinesische Hersteller haben technisch stark aufgeholt, teilweise sogar überholt. Doch die entscheidende Prüfung findet nicht auf der Präsentationsbühne statt, sondern beim zweiten Servicetermin, beim Winterbetrieb, beim Leasingrückläufer und beim Kunden, der am Montagmorgen einfach zur Arbeit muss.
Geely versucht, diese Hürde mit einem doppelten Angebot zu nehmen. Der E5 bedient die elektrische Gegenwart, der Starray EM-i jene Kundschaft, die zwar elektrisch fahren will, aber noch nicht jeden Ferienweg entlang der Ladesäulen planen möchte. Genau dort könnte der Plug-in-Hybrid in der Schweiz seine Rolle finden: als Brücke zwischen politischem Wunschbild und privater Alltagsrechnung. Nicht spektakulär, aber möglicherweise wirksam.
Für den Schweizer Automarkt bedeutet der Einstieg vor allem eines: Der Wettbewerb aus China wird breiter. Es geht nicht mehr nur um einzelne Elektro-Pioniere, sondern um ganze Markenfamilien mit klarer Segmentaufteilung. Premium? Zeekr. Nutzfahrzeuge? Farizon. Volumen? Geely. Dazu treten andere chinesische Anbieter wie Leapmotor oder BYD mit eigenen Strategien an. Der Markt wird dichter, die etablierten Hersteller werden nervöser, und die Kundschaft bekommt mehr Auswahl. So unspektakulär kann Druck aussehen.
Ob Geely in der Schweiz tatsächlich Fuss fasst, entscheidet sich ab dem dritten Quartal 2026. Dann wird sich zeigen, ob die Kombination aus chinesischer Technik, europäischer Positionierung und Schweizer Vertriebsapparat trägt. Auf dem Papier wirkt der Plan schlüssig. Aber Papier war im Autogeschäft schon immer geduldig. Die Strasse ist es weniger.